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Die Kleidungsfrage stirbt nie

Maarten t' Harts neuer Roman "Die Sonnenuhr" ist zwar nicht die Ewigkeit geschrieben, aber eine vergnügliche Lektüre. Doch Vorsicht! Nicht in die Sonne gehen!

Von Martin Luchsinger

Über 30 Bücher hat Maarten t' Hart mittlerweile geschrieben, zur Hauptsache Romane, Erzählungen und Essays, und noch immer gelingen ihm erste Sätze: "Roos war tot, und ich wusste nicht, was ich anziehen sollte". Elegant zieht uns Hart in den Text, virtuos spielt er auf der Klaviatur der Erzählkunst: Die Sonnenuhr ist ein Ich-Roman voll mit sprühenden Dialogen, ein Kriminalroman mit viel Psychologie, eine Parodie auf das Genre des Frauenromans und zugleich eine Reflexion über den Sinn des Strafens. Zuviel des Guten, könnte man einwenden, und wer Maarten t' Hart bisher als anspruchsvoll-unterhaltsamen Romancier kennengelernt hat, der sich episch breit und seriös mit der Schuldthematik im besetzten Holland auseinander setzt, wird von der leichthändigen Schreibweise überrascht sein.

Bereits 1983 veröffentlichte er in Holland einen Krimi, der über 200 000 mal verkauft wurde. 1999 erschien er unter dem Titel Die schwarzen Vögel endlich auf Deutsch und wurde vielfach gelobt. Als Thriller, der mit profunder Sachkunde in einem Tierforschungslabor angesiedelt ist, viel Spannung erzeugt und die Abgründe einer Ehe auslotet, bietet er kein geringes Lesevergnügen; mit seiner zeitgeschichtlichen Situierung im Holland der 80er Jahre hat er aber schon etwas Staub angesetzt.

Maarten t' Harts neuester Roman knüpft inhaltlich an Die schwarzen Vögel an, am deutlichsten mit der Hauptfigur Leonie Kuyper. Sie ist noch immer ein Mauerblümchen und mittlerweile nach vier erfolglosen Versuchen, ihre Kinderlosigkeit durch eine künstliche Schwangerschaftseinleitung zu beenden, von ihrem Mann Thomas geschieden. Als Übersetzerin französischer Literatur und als Aushilfslehrkraft ist sie nicht unglücklich mit ihrer Existenz, erträgt den Anblick von Kinderwagen jedoch noch immer schlecht, zumal ihre ehemaligen Freundinnen bereits Großmutter werden. Seit ihrer Scheidung hat sie sich mit der Chemielaborantin Roos Bercys angefreundet. Diese ist mit ihrer selbstbewussten, resoluten Art, unverheiratet und entschieden kinderlos, in vielen Dingen das genaue Gegenteil von Leonie, die sich gerne als schüchterne Transuse bezeichnet.

Buchstäblich aus heiterem Himmel stirbt Roos eines schönen Mittwochs während des Sonnenbadens am Strand. Todesursache ist laut Obduktionsbericht ein Sonnenstich. Für die schockierte Leonie wird damit alles anders, denn Roos hat ihr das gesamte Erbe vermacht. Einzige Bedingung ist, dass sich Leonie um die verwöhnten, von Roos heißgeliebten Katzen kümmert. Leonie nimmt sich diesen letzten Wunsch sehr zu Herzen, wechselt sofort in das luxuriöse Apartment und gleicht sich auch äußerlich Ross immer mehr an, eine Art Trauerarbeit, die ihre Umgebung zunehmend als Leichenfledderei erfährt. Maarten t' Hart, der seine holländischen Mitbürger bei Gelegenheit als Transvestit zu erschrecken pflegt, nutzt diese Motiv genüsslich, um die ganze Palette weiblicher Maskerade durchzuspielen, von angeklebten Nägeln über Schmuck, Frisur und Schminke bis zum Korsett.

Innere Widerstände überwindet Leonie mit Bibelzitaten, ein für t' Hart typischer Seitenhieb auf die calvinistische Bigotterie: "Prüfet alles, und behaltet das Beste, um mit Paulus zu sprechen. Alles? Nein, keine Drogen, keinen Inzest, kein Bungee-Jumping, keinen Sadomasochismus!" Es zeigt sich, dass Leonie noch mindestens einen dieser vier Vorbehalte ablegen muss. Als Doppelgängerin von Roos begibt sich Leonie in große Gefahren. Schon bald verdichten sich die Indizien, dass Roos nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Wurde sie vergiftet? Und von wem? Welche Rolle spielt der Spanner, der sie jahrelang heimlich beim Sonnenbaden gefilmt hat? Woher hatte Roos soviel Geld? Stellte sie, die gelernte Chemielaborantin, heimlich Drogen her? Steckt eine Intrige ihres Labors hinter dem Mord? Oder gar ein mit diesem um spektakuläre Forschungsergebnisse konkurrierendes ausländisches Labor? Virtuos entwickelt Maarten t' Hart unterschiedliche Fährten, geschickt dosiert er den Einsatz von Zufällen, schrägen Nebenfiguren und neuen Indizien. Die titelgebende Sonnenuhr samt einer sie umrankenden, giftigen Datura wird exakt im 13. von insgesamt 26 Kapitel eingeführt. Immer wieder lässt sich der Leser von falschen Spuren irreführen und muss doch nachträglich erkennen, unübersehbare Hinweise überlesen zu haben. Und wem dieses detektivische Spiel nicht genug ist, den erwartet zum Schluss eine intellektuelle Herausforderung. Leonie verzichtet darauf, die für den Mord an Roos verantwortliche Person einer Bestrafung zuzuführen, eine unüberhörbare Einladung an die Leserinnen und Leser, anhand eines konkreten Falles grundsätzlich über die Bedingungen von Schuld und Sühne nachzudenken. So bietet Maarten t' Harts neuer Roman Die Sonnenuhr ein vielfältiges Lesevergnügen, auch wenn er nicht für die Ewigkeit geschrieben ist.

Maarten t' Hart: Die Sonnenuhr oder Das geheime Leben meiner Freundin Roos. Roman. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2003, 336 Seiten, 19,90 €.

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