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Literatur

Wie ein Klavier, das in den 9. Stock muss

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Beka Adamaschwili und sein "Bestseller" entsprechen nicht unbedingt den Erwartungen an das kleine, arme Georgien.

Einmal, erzählt er, habe er in Berlin gelesen, auf Deutsch. „Die Zuhörer lachten und ich war glücklich, dass ihnen mein Buch gefiel. Aber dann merkte ich, dass sie vor allem meinen Akzent so witzig fanden“, Beka Adamaschwili lächelt selbst und entblößt dabei seine Zahnspange. Der junge Schriftsteller, Jahrgang 1990, zeigt wie viele Kulturschaffende in Georgien wenig Respekt vor der eigenen Wichtigkeit. Adamaschwili hat sogar Zweifel, ob er sich überhaupt Schriftsteller nennen soll. „Schriftsteller machen keine Fehler, geben dauernd Weisheiten von sich. Ich bin wohl nur Autor“, wieder blitzt die Zahnspange.

Bei der Frankfurter Buchmesse mit Georgiens Auftritt als Ehrengastland gehörte Adamaschwilis Erstling „Bestseller“ zu den eher umstrittenen Büchern. Vielleicht auch, weil er nicht den literarischen Erwartungen an ein kleines, armen Land entspricht, bedrängt vom riesigen Nachbarn Russland.

Die Hauptfigur seines Romans ist kein Georgier, sondern Franzose, kein Opfer von Krieg oder politischer Gewalt, sondern ein erfolgloser Autor, der Selbstmord begeht, um doch berühmt zu werden. Er landet in der Schriftstellerhölle, wo auch tote Klassiker für die Sünden bestraft werden, mit denen sie einst ihre Leserschaft gequält haben.

Der Erzähler macht sich über William Shakespeare, George Orwell oder Gabriel García Márquez ebenso lustig wie über seinen Durchschnittsschreiber Pierre, dessen begrenzt talentierte Sinnsprüche er ständig zitiert: „Das Leben ist wie das Klavier eines Menschen, der in den neunten Stock umzieht – schwer, aber tragbar.“ Franz Kafka verwandelt er in dieser Hölle in keinen Käfer, sondern in eine Ein-Mann-Band – The Beatle. Die Kritiker aber streiten, ob die respektlosen Spiele des Autors mit literarischen Autoritäten aller Epochen und Genres köstlich sind oder albern. Adamaschwili selbst erzählt, er arbeite als Werbetexter, denke aus diesem Grund immer an die Leser. Er schreibe aber besser, wenn er wütend sei, seine Texte würden dann sarkastischer. Und er habe schon immer schreiben wollen, deshalb Journalismus, vergleichende Literaturwissenschaften und Psychologie studiert.

Beka Adamaschwili begann als Blogger, er lästerte über Georgiens Medien, über Reality-Shows, auch über die georgische Politik als Reality-Show. Nur sei die langweilig geworden, seit im Jahr 2013 der vom Reformer zum Autokraten geratene damalige Präsident Micheil Saakaschwili abdankte. „Es sitzen nur noch ein paar dicke Männer im Parlament und drücken auf Abstimmungsknöpfe.“ Georgien sei dabei allerdings Teil einer insgesamt eher absurden Welt, mit einem US-Präsidenten, der sein eigenes Hollywood-Klischee kopiere, den Milliardär Biff Tannen aus „Zurück in die Zukunft“.

Er hoffe sehr, dass es Gott, Himmel und Hölle gebe, sagt Adamaschwili. „Ohne sie wäre ja alles sinnlos.“ Zumal die Gegenwart so wirr sei, dass man sie schon nicht mehr postmodern, sondern megamodernistisch nennen sollte. Er grinst wieder.

Soeben hat Beka Adamaschwili sein zweites Buch fertigstellt, diesmal über einen Romanhelden, der entdeckt, dass sein Autor ihn am Ende töten will. Die Figur kämpft erst um ihr eigenes Überleben, dann um das berühmter literarischer Todesopfer: Romeo und Julia oder der schwindsüchtigen Protagonisten des „Zauberbergs“. Er rettet sie in Zeiten mit besserer medizinischer Versorgung oder in weniger gefährlichere Stilepochen hinüber, etwa aus der blutigen Moderne in die Langeweile des späten Sozialistischen Realismus.

Am schwierigsten sei das Ende gewesen. „Das Ende eines Romans gefällt meist niemanden.“ Darum hat er sich für ein interaktives Finale entschlossen, mit drei verschiedenen Versionen. Jeder Leser kann die zwei Schlusspassagen, die ihm missfallen, mit der Schere wegschneiden.

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