Dagmar von Gersdorff

Klavier spielen können, aber kein Klavier haben

Differenziert erzählt Dagmar von Gersdorff von „Vaters Tochter“: Martha, dem liebsten Kind Theodor Fontanes.

Die einzige Tochter von Theodor Fontane hat seit jeher Interesse geweckt, ein für sie etwas strapaziöses Interesse, wurde sie doch durch das eloquente, aber natürlich situationsabhängige briefliche Urteil des Vaters einsortiert und zudem in Fontanes Romanfiguren wiedererkannt. Dagmar von Gersdorff zitiert etwa Worte der lebhaften, sympathischen Corinna aus „Frau Jenny Treibel“: „Ich erfreue mich, dank meiner Erziehung, eines guten Teils von Freiheit, einige werden vielleicht sagen von Emanzipation, aber trotzdem bin ich durchaus kein emanzipiertes Frauenzimmer.“ Damit, so Gersdorff, „charakterisierte er Marthas problematische Situation“ – eine Zwischenstellung, was die persönliche Situation, aber auch die der Frau betraf.

„Vaters Tochter“, das jetzt im Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag Theodors herauskommt, ist nicht die erste Martha-Fontane-Biografie. Bemerkenswert vor allem Regina Dieterles ausführliche Recherche in „Die Tochter“ (2006 bei Hanser erschienen), auf deren Einschätzungen auch Gersdorff für ihr eigenes versiertes Buch über eine Vater-Tochter-Beziehung zurückgreifen kann.

„Ich kann mir nicht denken, dass sie unverheiratet bleibt“

Martha Fontane, die einmal schreibt, sie habe „das Gefühl eines Menschen, der Klavier spielen kann, aber kein Klavier hat“, ist hier von vielen Seiten zu erleben. Als nicht einfaches, gelegentlich kapriziöses Individuum (mit einem ausgeprägten Hang zum Luxus) und als Mensch im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Schwierigkeit, als gebildete und begabte Frau einen Beruf zu finden, ist für sie kaum befriedigend zu lösen. Vielleicht spielt dabei sogar eine Rolle, dass der kreative Platz in der Familie bereits besetzt ist.

Dagmar von Gersdorff: Vaters Tochter. Theodor Fontane und seine Tochter Mete. Insel. 198 S., 18 Euro.

Martha gilt als Theodors Lieblingskind, er habe immer eine Tochter haben wollen, so der Vater von bis dahin fünf Söhnen, von denen zwei überlebt haben (und denen noch ein weiterer folgen wird). Fontane, das wird deutlich, weiß den Austausch mit der aufgeweckten, zugewandten Tochter zu schätzen. Seine Vorstellungen für ihr eigenes Fortkommen sind teils unscharf, teils konventionell. Als die 18-Jährige in eine schwere Krise gerät – nicht die letzte ihres von depressiven Phasen heimgesuchten Lebens –, zitiert Gersdorff den Vater: Dies sei eine Gemütsverfassung, wie sie erst mit einer Verlobung ende. „Ich kann mir nicht denken, dass sie unverheiratet bleibt“, so Fontane, Gersdorff sieht eine Mischung aus Scherz und Bangigkeit. Martha, Mete genannt, ist allemal ein Thema in seinen Briefen.

Anstellungen als Hauslehrerin verlaufen mäßig erfreulich, ganz anders als der rege Briefwechsel mit den Eltern, der in diesen Jahren einen engen, heiteren Kontakt bezeugt. Als Tochter eines geachteten Mannes wird sie besser behandelt als andere, aber sie bleibt doch Teil des Personals, stellt Gersdorff fest. Auch sind die Erwartungen hoch und Martha Fontane ist keine Alleinunterhalterin.

Sie ist gebildet, aber die Möglichkeiten sind begrenzt

Schließlich kehrt sie ins Elternhaus zurück und widmet sich der „Berufung“, so Gersdorff, „die sie jedem Beruf vorgezogen hatte“: Der „Tochterschaft“ (eine von Martha geprägte Wendung, erklärt die Biografin).

Gleichwohl reist sie und lernt während einer Kur den wohlhabenden Architekten Karl Fritsch kennen. Er ist noch verheiratet, die Ehe gilt aber als zerrüttet – das Leben ist ein Fontane-Roman, und auch Fontane ist eine Fontane-Figur: Gegen seine Gewohnheit, schreibt Gersdorff, macht er jetzt solche Bemerkungen: So schlecht sei es im Grunde nicht, unverheiratet zu bleiben. Nachdem Fritschs Frau gestorben ist, verloben sich die 37-Jährige und der 59-Jährige. Fontane stirbt kurz darauf, die trauernde Tochter sieht einem „späten, ernsten Lebensglück“ entgegen.

So kommt es und bleibt doch schwierig. Fritsch stirbt 1915. Ihr eigener Tod zwei Jahre später als 56-Jährige durch einen Sturz vom Balkon ist nicht geklärt. Der naheliegenden Annahme, es könnte sich um einen Suizid gehandelt haben, ist auch widersprochen worden. Gersdorff hält sich bedeckt, schildert aber eine am Ende heillos vereinsamte Frau. 

Von Christine Hoffmann

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