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Die Legende vom Saulus zum Paulus unterzieht Klaus Wengst einer brillanten Interpretation.
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Die Legende vom Saulus zum Paulus unterzieht Klaus Wengst einer brillanten Interpretation.

Judentum und Christentum

Klaus Wengst: „Wie das Christentum entstand“ – ein Geburtsfehler

  • VonMicha Brumlik
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Klaus Wengst hat eine überragende Analyse zur Entstehung des Christentums und seiner Israelvergessenheit geschrieben.

Die aktuellen Debatten über den sogenannten „israelbezogenen Antisemitismus“ haben in Vergessenheit geraten lassen, dass Judenhass als Antijudaismus gleichsam zur DNA christlicher im Unterschied zu islamischen Gesellschaften gehört – wenngleich diese Form des Judenhasses erst nach Ende des ersten Jahrtausends mörderische Formen annahm. Um das zu verstehen, ist es nach wie vor unerlässlich, sich des Verhältnisses von Judentum und Christentum zu versichern, das heißt vor allem, nachzuvollziehen, wie sich das Christentum aus dem Judentum heraus entwickelte – wobei hier unter „Judentum“ nicht das rabbinische Judentum zu verstehen ist, sondern Kultur und Glaube jener Menschen, die – sei es im Lande Israel, sei es im gesamten Mittelmeerraum – jenen einzigen Gott verehrten, der Israel aus Ägypten befreite und sich seiner Weisung vom Sinai verpflichtet sahen.

Die Frage, wie vor diesem Hintergrund das Christentum entstand, hat schon viele Gelehrte umgetrieben – anzuzeigen ist jetzt ein Buch, das an Klarheit, Stringenz und sachlicher Überzeugungskraft beinahe alles, was hierzu bisher im deutschsprachigen Raum publiziert wurde, bei weitem übertrifft. Klaus Wengst, der Autor dieser Studie, lehrte lange Jahre als Professor für Neues Testament in Bochum, hat dazu eine Fülle hier nicht eigens aufzuführender Bücher und Kommentare geschrieben, publizierte vor vier Jahren die brillante Studie „Mirjams Sohn - Gottes Gesalbter“ und ist nach wie vor eine der prägendsten Gestalten im jüdisch-christlichen Dialog. Sein soeben erschienenes Buch „Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Brüchen im 1.und 2. Jahrhundert“ lässt sich auch als die Summe seines Lebenswerkes lesen.

Es gab eine dichte Präsenz von Juden im antiken Mittelmeerraum

Sowenig – das dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben – Jesus von Nazareth ein Christ oder gar der Stifter des Christentums war, sowenig war – eine schon eher verbreitete Annahme – der Jude Saul von Tarsus, römischer Bürger aus Kilikien, der Begründer der christlichen Religion. Vielmehr war dieser, sich später Paulus nennende Intellektuelle Höhe- und Endpunkt einer sich über mindestens zweihundert Jahre und über die ganze mediterrane Ökumene erstreckenden jüdischen Präsenz. Tatsächlich gab es eine dichte Präsenz von Juden im antiken Mittelmeerraum – im augustäischen Zeitalter betrug sie immerhin beinahe 13 Prozent der gesamten Bevölkerung des römischen Reiches. Allein in der ägyptischen Stadt Alexandrien lebten zeitweise etwa eine Million Juden.

Wengst stellt in seiner Studie, die auf genauester Lektüre der neutestamentlichen Schriften, aber eben auch der Geschichtswerke des jüdischen Historikers Flavius Josephus beruht, richtig, dass die sogenannten „ersten Christen“, also die meisten Anhänger und Anhängerinnen des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth zunächst Jüdinnen und Juden waren. Sodann zeichnet er präzise nach, wie und warum der von dem Juden Paulus bekannte Glaube an den Messias Jesus von Nazareth so große Anziehungskraft zumal auf pagane Menschen ausübte, die die jüdische Religion bewunderten oder ihr anhingen.

Zum Judentum überzutreten war schwierig

Sie beruhte im Zeitalter des Hellenismus auf zwei Faktoren: Auf in Griechisch verfassten Schriften - wie der Septuaginta, also der griechischen Übersetzung der Hebräischen Bibel - sowie den auf der Lesung der Thora beruhenden Wortgottesdienste. Das war damals umstandslos möglich, da es in vorrabbinischer Zeit mit Ausnahme der Beschneidung von Männern kein förmliches Konversionsverfahren gab. Förmlich zum Judentum überzutreten war gleichwohl schwierig – erwies sich doch die Beschneidung in vielen Fällen als großes Hindernis. So entstand eine nicht geringe Gruppe von Menschen, die dem Judentum anhingen, ohne selbst Jüdinnen oder Juden zu sein: die „Gottesfürchtigen“.

Wengst weist darüber hinaus nach, dass noch nicht einmal frühe Gruppen, in denen sich bald jüdische und nichtjüdische Jesusanhänger und -anhängerinnen einfanden, der Beginn des Christentums waren und zeigt darüber hinaus, warum die frühe Bezeichnung dieser Gruppen als „Christiani“ lange Jahre keine Selbst-, sondern eine von den herrschenden Autoritäten gewählte Fremdbezeichnung war.

Das Buch

Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Brüchen. Gütersloher Verlagshaus 2021. 351 S., 22 Euro.

Entscheidend für die Ausprägung sowohl der christlichen Religion als auch des rabbinischen Judentums (das nicht mit dem Glauben des alten Israel identisch ist!), war dann der von dem römischen Historiker Flavius Josephus so genau beschriebene „Jüdische Krieg“, der Aufstand judäischer Zeloten gegen die römische Vorherrschaft, der mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und der Begründung rabbinischer Akademien in Galiläa endete. Zudem prägend war noch einmal etwa sechzig Jahre später der gescheiterte Aufstand des Simon Bar Kochba gegen Rom, der faktisch zum Ende jüdischer Existenz in der erst jetzt so benannten Provinz „Palaestina“ führte.

In dieser Zeit, das kann Wengst als Kommentator vieler neutestamentlicher Schriften genau zeigen, entstehen die Evangelien auch als Antwort auf die Situation nach dem Krieg: „Alle vier Evangelien sind in diesem Zeitraum zwischen 70 und 100 d. Z., entstanden. Alle vier sind im biblisch-jüdischen Kontext verfasst. Alles in ihnen ist jüdisch.Es ist anzunehmen, dass ihre Autoren davon ausgingen,von der jeweils intendierten Leser- und Hörerschaft in den Gemeinden verstanden zu werden. Das setzt bei dieser Kenntnis der heiligen Schriften Israels und jüdischer Tradition voraus. Dann ist weiter zu folgern, dass der Anteil der ,Gottesfürchtigen’ bei den nichtjüdischen Mitgliedern der Gemeinden gewesen sein muss.“

Weder Jude noch „Gottesfürchtiger“

Anhand zweier minder bekannter, zu Unrecht dem Apostel Paulus zugeschriebenen Briefen, dem Epheser- und dem Kolosserbrief weist Wengst sodann nach, dass es mehr und mehr christusgläubige Gemeinden gab, die weder aus Juden noch aus „Gottesfürchtigen“ bestanden. Das wird in besonderer Weise an dem wahrscheinlich im ersten Jahrhundert verfassten Brief des Clemens deutlich, der selbst weder Jude noch „Gottesfürchtiger“ war, sondern ein wohlhabender römischer Bürger, der zwar Israels heilige Schriften gut kannte, aber den Ordnungsrahmen des römischen Imperiums rückhaltlos akzeptierte.

Für Clemens, auf diese Beobachtung legt Wengst besonderen Wert, hat der Name „Christus Jesus“ jede Verbindung mit der tieferliegenden Bedeutung „Christus=Messias“ verloren. Nicht zuletzt anhand der ebenfalls neutestamentlichen „Pastoralbriefe“ zeigt Wengst weiter, wie beim Versuch der Jesusanhänger, in der römisch-hellenistischen Welt Fuß zu fassen, Israel vergessen wurde.

Es waren dann Kirchenväter wie etwa Ignatius aus Antiochia, die „Jesus Christus“ ganz und gar dem griechischen Denken unterordnen und somit die sich anbahnende „Israelvergessenheit“ des neuen Glaubens verstärkten. Das aber führte zu einer fatalen Konsequenz: „Als die auf Jesus bezogene Gemeinschaft sich als „Christentum“ benennt und versteht, tut sie das in einem ausschließenden Gegensatz zum Judentum. Wenn das „die Geburt des Christentums“ war, tut sie das in einem ausschließenden Gegensatz zum Judentum. Wenn das – so Wengst entschieden – „die Geburt des Christentums“ war, hat das Christentum einen Geburtsfehler, nämlich den, antijüdisch zu sein. Geburtsfehler sind schwer zu beheben. Manchmal sind sie unveränderlich. Wie verhält es sich in diesem Fall?“

Das Buch ist klar und jederzeit gut nachvollziehbar

Der Umschlag des hier angezeigten Buches zeigt eine Skulptur des Bildhauers Joshua Koffmann, die den Namen „Synagoga and Ecclesia in Our Time“ trägt und – wie in mittelalterlichen Skulpturen – diese beiden Institutionen als zwei junge Frauen zeigt. Allerdings nicht mehr als eine Synagoga, die – weil gegenüber Jesus blind – eine Binde vor den Augen trägt, während die andere triumphalistisch auftritt, sondern als zwei geschwisterlich nebeneinander sitzende junge Frauen, die sich wechselseitig ihre Bücher zeigen.

Auf jeden Fall ist dieses Buch all jenen zu empfehlen, die – obwohl an der Frage von Antijudaismus und Antisemitismus interessiert – über keine spezialisierten Vorkenntnisse verfügen und evtl. die Lektüre schwieriger neutestamentlicher Fachliteratur gescheut haben. Das hier angezeigte Buch ist in Aufbau, Sprache und Argumentation so klar und jederzeit gut nachvollziehbar, dass es wirklich auch ohne Vorkenntnisse bestens zu lesen ist. (Micha Brumlik)

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