Vor zehn Jahren: Geburtstagmatinee zum 80. des Verlegers Klaus Wagenbach (r.), es applaudieren Günter Grass (l.) und Otto Schily (M.).
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Vor zehn Jahren: Geburtstagmatinee zum 80. des Verlegers Klaus Wagenbach (r.), es applaudieren Günter Grass (l.) und Otto Schily (M.).

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Klaus Wagenbach zum 90. Geburtstag: Was Leute lesen sollen

  • vonCornelia Geißler
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Der kluge, vorausschauende und nachhaltige Verleger Klaus Wagenbach feiert am Samstag seinen 90. Geburtstag.

Als Klaus Wagenbach zum ersten Mal in die USA einreisen wollte, musste er für das Visum ein längeres Formular ausfüllen. Gefragt wurde darin auch nach der Hautfarbe. „Ich wählte ,grün‘ und wurde sofort zum Konsul gerufen“, erinnert er sich in dem Buch „Die Freiheit des Verlegers“, das zu seinem 80. Geburtstag erschienen war. Nun wird Klaus Wagenbach 90, an diesem Samstag. Auf große Reisen ist er nicht mehr erpicht, aber solch schräge Antworten auf unnötige Fragen passen immer noch gut zu ihm.

Dieser Mann, in Berlin-Tegel geboren, ist eine Persönlichkeit, prägend vor allem durch sein Wirken im Hintergrund. Obwohl: Auffällig sind auch das hell glucksende Lachen, oft bei Buchvorstellungen am Ende längerer Sätze zu hören, auffällig die signalroten Socken. Eindringlicher wirkt trotzdem seit Jahrzehnten die Arbeit als Verleger, die übrigens ebenfalls etwas mit Farben zu tun hat. Die ersten Bücher erschienen ganz in schwarz mit einer weißen Titelfläche fast wie ein Schulheft. Blau wurde die Farbe für die Kulturwissenschaft. In sattrotes Leinen gebunden erscheint die Salto-Reihe. Verwandtschaften unter den Titeln zu zeigen war ihm ein Konzept von Anfang an.

Als er 1964 in West-Berlin ein stehendes Gewerbe eintragen ließ und den Verlag Klaus Wagenbach gründete, war er in der Branche schon ein alter Hase. Oder wenigstens ein erfahrenes Kaninchen. Das wendige und vermehrungsfreudige Tier ist das Symbol der Wagenbach-Taschenbücher. Klaus Wagenbach hatte als Lehrling in einem Gebilde namens „Suhrkamp vorm. S. Fischer Verlag“ angefangen und nach dem Studium von Germanistik und Kunstgeschichte als Lektor bei S. Fischer gearbeitet. Außerdem promovierte er über Franz Kafka, was sich in Büchern niederschlug und ihn seit Jahrzehnten berechtigt, sich als „dienstälteste aller Kafkawitwen“ zu bezeichnen.

Hans Werner Richter engagierte Wagenbach zur netzwerkenden Mitarbeit bei der Gruppe 47, und so kannte er bald alle, die im Westen Deutschlands Bücher schrieben oder veröffentlichen wollten. Günter Grass hatte ihm in jener Zeit aus der Hand gelesen – behauptet ein Kollege –, dass er Verleger würde. Dass er dabei bleich geworden sei, bestreitet er. Und tatsächlich, als er bei Fischer rausflog, ging Wagenbach in seine Geburtsstadt zurück, ins Bayerische Viertel, mit dem Ziel, einen Verlag zu gründen. Eine vom Vater vererbte Wiese erbrachte das nötige Startkapital.

Sein kleines Unternehmen sollte Literatur aus beiden Deutschlands publizieren. Neben Grass und Ingeborg Bachmann gehörte also Johannes Bobrowski aus Friedrichshagen zu seinen ersten Autoren (der leider viel zu früh im September 1964 verstarb). Ein anderer Dichter aus der DDR, Stephan Hermlin, verknüpfte Wagenbach mit weiteren: zum Beispiel mit Wolf Biermann. Der brachte dem Verlag den größten Erfolg der frühen Jahre mit 14 000 verkauften Exemplaren seiner „Drahtharfe“ – und einen ersten tiefen Einschnitt. Die DDR verhängte ein Einreise- und Durchreiseverbot gegen Wagenbach. Das Ost-West-Projekt war gescheitert, etwa eine mit Franz Fühmann geplante Ausgabe. Immerhin erschien 1976 das Buch „Einer schreit: Nicht!“ der gerade mit dem Büchnerpreis geehrten Elke Erb bei Wagenbach.

Im Westen war Biermann damals vielen jedoch zu links, es begann die Zeit der Studentenunruhen, die Springer-Zeitungen teilten gegen Wagenbach aus, brenzliger wurde es, als Texte von Ulrike Meinhof erschienen und eine Biografie über sie. Der Verleger wurde mehrfach angeklagt, und im Verlag wurde auch gestritten, Mitte der 70er stand er kurz vor dem Ruin. Die immer wieder gestellte Frage, ob der Verlag nun schließen müsse, beantwortete Klaus Wagenbach mit Nein.

Er holte für die reiselustigen Westdeutschen Italien in die Buchhandlungen, mit Luigi Malerba und Natalia Ginzburg, Alberto Moravia, Leonardo Sciascia. Er druckte die Gedichte und die Shakespeare-Übersetzungen Erich Frieds so beharrlich, bis dessen Lyrik zum Longseller wurde: „Es ist was es ist / sagt die Liebe“.

Wagenbach, der ein Linker ist, auch wenn er mit anderen Linken gern in Streit geriet, erwartete Anfang der 90er nach dem Fall der Mauer neue Leser aus dem Osten, hatte er doch „jahrzehntelang Tausende von Exemplaren unserer schärfsten Ware (von Biermann bis Dutschke) kostenlos in die DDR geschickt“. Der Umsatz in den neuen Bundesländern blieb jedoch unter fünf Prozent.

Das Büchermachen ist ein unsicheres Gewerbe, manche Bücher kommen zu früh, andere zu spät. Es lässt sich schwer voraussehen, was Menschen wann wirklich interessiert. Zumal Klaus Wagenbach und seine Mitstreiter weniger danach gingen und gehen, welche Bücher die Leute lesen wollen, sondern welche sie lesen sollen. Seine Mitstreiterinnen sowieso, Klaus Wagenbach ist sich nämlich bewusst, dass Frauen anders und oft mehr lesen als Männer. Sie prägen den Verlag als Lektorinnen, Herstellerinnen, seine Tochter Nina Wagenbach als langjährige Vertriebschefin.

Seine dritte Ehefrau Susanne Schüssler führt den Verlag seit 2002. Und das spricht nicht nur für sie, die neue deutschsprachige Literatur zum Verlag holte und jüngere italienische, spanische und französische Autoren für den hiesigen Markt entdeckte, schließlich 2018 den erstmals vergebenen Berliner Verlagspreis erhielt. Es spricht auch für Klaus Wagenbach, dass er langfristig seinen Ausstieg als Chef vorbereitete und das Loslassen lernte.

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