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Klaus Harpprecht im Jahr 2011.

Klaus Harpprecht ist tot

Zum Tod von Klaus Harpprecht

Der Erfinder der „neuen Mitte“: Klaus Harpprecht, Journalist, Buchautor, lebhafter Zeitenbeobachter und Wegbegleiter von Willy Brandt, ist 89-jährig gestorben. Ein Nachruf.

Von Markus Schwering

Simpel, aber genial. SPD und FDP seien, verkündete Willy Brandt während seiner Kanzlerschaft, die „neue Mitte“. Da wurde den Unionsparteien, die sich in dieser Mitte auch ihrem Selbstverständnis nach bräsig festgesetzt hatten, wirkungsvoll der Status streitig gemacht – für sie blieb dann halt nur noch der Platz rechts von der Mitte. Oder, um es unverblümt zu sagen: „rechts“.

Das war nur eine kleine begriffspolitische Gemeinheit, die aber große Wirkung zeigte: 1972 fuhr die SPD mit Brandt an der Spitze einen fulminanten Bundestagswahlsieg ein. Was nicht so viele wissen: Die „neue Mitte“ war nicht Willy Brandts Einfall gewesen, sondern der seines Redenschreibers Klaus Harpprecht. Tempi passati, wer wollte heute in einer sich unübersichtlich auffächernden Parteienlandschaft noch die „neue Mitte“ für sich beanspruchen? Aber damals – in einem überschaubaren und stabilen Drei-Parteien-System – ging das noch vergleichsweise problemlos.

Der Erfinder der „neuen Mitte“ hat seine Erfindung denn auch lange überlebt. Soeben ist Klaus Harpprecht, 89 Jahre alt, nach schwerer Krankheit gestorben – in La Croix-Valmer an der Côte d’Azur, seinem Wohnort seit mehr als drei Jahrzehnten.

Zu Willy Brandt (und damit auch zur SPD) war der in Stuttgart gebürtige Pfarrerssohn, der zuvor als Redakteur für die Wochenzeitung „Christ und Welt“, für Rias Berlin, seit 1956 für den WDR, als US-Korrespondent des ZDF gearbeitet und zwischen 1966 und 1969 den S. Fischer Verlag geleitet hatte, durch – Willy Brandt gekommen. Und zwar 1968, als der noch Außenminister der Großen Koalition war.

Jener etwas unsystematisch-bohèmehafte Lebensstil

Es war wohl eine Art Liebe auf den ersten Blick: Beide, Brandt und Harpprecht, hatten etwas von der Welt gesehen, viel für Frauen übrig und neigten zu jenem etwas unsystematisch-bohèmehaften Lebensstil, der vielen Getreuen im Umfeld des Kanzlers, darunter Helmut Schmidt und Herbert Wehner, ein Greuel war. All das kann man Harpprechts im Jahr 2000 erschienenen und in jeder Hinsicht lesenswerten Tagebüchern entnehmen.

Die Affinität der Lebenseinstellung war auch der Grund dafür, dass Klaus Harpprechts Existenz im Kanzleramt die Kanzlerschaft seines Duz-Freundes nicht überdauerte. 1974 ging er zurück in den Journalismus, wurde Chefredakteur von „Geo“, dann noch einmal Korrespondent in den USA.

Vielleicht war es die südfranzösische Lebenssphäre, die schließlich ein breit angelegtes, schriftstellerisch-belletristisches Alterswerk freisetzte. Das begann 1987 mit einer großen, auf breiter Quellenbasis recherchierten Lebensgeschichte (der ersten überhaupt) des Naturforschers, Essayisten, Weltreisenden und Politikers Georg Forster (1754-1794), ebenfalls eines Pfarrerssohns. Bei ihm entdeckte Klaus Harpprecht offensichtlich zahlreiche Parallelen zu sich selbst.

Es folgten gleichfalls Biografien über Thomas Mann und Marion Gräfin Dönhoff. 2004 erschienen unter dem Titel „Schräges Licht“ Harpprechts Lebenserinnerungen.

Es war freilich die journalistische Herkunft, die all diesen Büchern zum Vorteil gereichte: Der zweimal ausgezeichnete Theodor-Wolff-Preisträger pflegte – als geistreicher Causeur – keinen expressionistischen Bombast, aber auch keinen langweiligen Verlautbarungsstil, sondern ein einfaches, elegantes, dabei in seinen Bild- und Metaphernprägungen immer wieder originelles Deutsch.

Nachwirkende Verletzungen aus Klaus Harpprechts Redenschreiber-Zeit wurden in der Autobiografie in bissig-ironische Porträts umgesetzt. Die Geschichte zur Geliebten des preußischen Kantianers Helmut Schmidt – offensichtlich eine späte Rache. War sie wirklich notwendig?

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