Auf dem Weg zum Klassiker

Carl Schmitts Wirkung in Europa nach 1945

Von THOMAS MEYER

Als die jetzt auf Deutsch vorliegende Studie von Jan-Werner Müller über "Carl Schmitts Wirkung in Europa" 2003 bei der Yale University Press erschien, schrieb ein Rezensent, dass er sich genauere Informationen über die Rezeptionsgeschichte der Liberalismuskritik des Staatsrechtlers gewünscht hätte. Doch auch wenn Müller mit Archivfunden geizt und mancher Schnitzer für die Übersetzung leicht zu korrigieren gewesen wäre, werden auch Experten ihren Nutzen aus seiner Arbeit ziehen können.

Der in Princeton lehrende Autor verfügt über ein in der Schmitt-Auseinandersetzung seltenes Gespür für das richtige Verhältnis von Zusammenfassungen, Details und eigener Position. Letztere ist die eines Liberalen, wie es sie hierzulande kaum noch gibt.

Sein klares Plädoyer für Demokratie und Republikanismus als unveräußerbare Pfeiler einer liberalen Vorstellung vom Staat, die Ablehnung jeder metaphysischen Aufladung eines wie auch immer gearteten "Nomos", einer Theologisierung des Politischen als des ursprünglichen, nicht aufzulösenden Verhältnisses zwischen Menschen und Gruppen, wird in zahlreichen klug gesetzten Kommentaren zur Geschichte der europäischen Politik- und Staatswissenschaften nach 1945 entfaltet.

Im Zentrum steht Carl Schmitt, geboren im Dreikaiserjahr und 1985 verstorben, dessen Karrieren keine Ende zu nehmen scheinen. Der negative oder apologetische Bezug auf ihn, die Forschungen zu dem lebenslangen Antisemiten, dessen zahllose Aperçus längst zum guten Ton gehören, grenzen angesichts seiner intellektuellen Leistungen gelegentlich ans Groteske. Seine noch heute bestaunte Fähigkeit, dem Zeitgeist als Stachel zu erscheinen, lässt Figuren wie die Juristen Hans Kelsen oder Hermann Heller in Vergessenheit geraten. Auch dagegen lohnt ein Blick in Müllers Buch.

Der einzige liberale Demokrat unter Schmitts Schülern, der Jurist und Historiker Ernst-Wolfgang Böckenförde, sah Schmitt 1997 auf dem Weg zum "Klassiker". Wie Schmitt die Voraussetzungen für diese nicht falsche Charakterisierung mit Hilfe zahlreicher Handlanger in rechten und linken Lagern europaweit erreichte, lässt sich bei Müller prägnant und stilsicher nachlesen.

Jan-Werner Müller: Ein gefährlicher Geist. Carl Schmitts Wirkung in Europa. Vorw. v. M. Stolleis. A. d. Engl. v. N. de Palézieux. WBG 2007, 300 S., 39,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion