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Kein alltägliches Transportmittel für 15-Jährige.
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Kein alltägliches Transportmittel für 15-Jährige.

Jugendroman

Kirsten Fuchs: „Mädchenmeuterei“ – Wer die Sprache entdeckt, entdeckt die Welt

  • VonUlrich Seidler
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Kirsten Fuchs schickt ihre „Mädchenmeute“ mit einem Containerschiff auf Rettungsmission.

Das Buch „Mädchenmeuterei“ entbehrt nichts, was ein Abenteuerroman haben muss: Eine Schiffsreise mit Sturm, Landgängen und Seeungeheuer (zumindest einem ominösen Ei). Bösewichte, ein Kuss, WLAN-Probleme und sogar ein Babyschimpanse. Alles da. Schön auch, dass viele der circa 15-jährigen Protagonistinnen aus dem Vorgängerbuch „Mädchenmeute“ wieder zusammengetrommelt werden: die reiche und selbstbewusste Yvette, die kindliche und harmoniebedürftige Antonia, die frühreife und weltabgewandte Freigunda. Zusammen mit der schüchternen Erzählerin Charlotte Nowak und Mimiko, die allerdings bald wieder verschwindet, machen sie sich auf die Suche nach der toughen Bea.

Viel mehr als ein Abenteuer

Die hat irgendwo in Afrika ihren leiblichen Vater, einen Fernfahrer, kennengelernt und ist in solche Schwierigkeiten geraten, dass zur Freude der Leserinnen und Leser eine Rettungsmission nötig ist. Und weil sich Charlottes Eltern disqualifiziert haben, dürfen wieder so gut wie keine Erwachsenen mit. Die Journalistin Francesca, die sich den Mädchen nach ihrem ersten Abenteuer an die Fersen geheftet hat, ist nur bedingt hilfreich.

Das Buch

Kirsten Fuchs: Mädchenmeuterei. Roman. Rowohlt Berlin, 2021. 496 Seiten, 22 Euro.

Aber natürlich ist „Mädchenmeuterei“ wie zum Beispiel auch Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ mehr als nur ein Abenteuerroman. Kirsten Fuchs tritt in Gestalt der Erzählerin immer wieder einen Schritt zurück und denkt als Charlotte über das Erzählen, also über das Wahrnehmen nach, über das Leben, also über Geschichten. Man merkt, wie sich die Welt dehnt und vergrößert, wie sie sich beim Betrachten verwandelt, während Charlotte und ihre Freundinnen sie miteinander bereisen, während sie die Besatzung kennenlernen und aus Philipinos und Ukrainern Personen mit Namen und Eigenschaften werden.

Charlotte arbeitet an ihren charakterlichen Grenzen, entwirft sich als angehende Erwachsene, und zugleich bestaunt und erforscht sie die Möglichkeiten des Erzählens zwischen Ausdenken, Auswählen und Abschildern, und sie probiert hier und da auch mal ein paar Ab- und Umwege aus. Das geht bis zu hübschen Dialogen zwischen Autorin und Erzählerin und zu der Aussicht, dass Charlotte von ihren Freundinnen am Ende des Buches die Ehre erwiesen bekommt, dass sie (und auf keinen Fall diese Francesca) das Buch über die Schiffsreise schreiben darf. Dabei haben wir es ja schon verschlungen!

Kirsten Fuchs’ Erzählweise hat so viel Bodenhaftung, dass sie gern auch mal ins Stolpern kommt und sich ablenken lässt – woraus noch immer ein wachrüttelnder Perspektivwechsel erfolgt ist. Sie lässt die neugierige Charlotte nicht nur neue Häfen und Menschen, sondern auch Metaphern entdecken. Zum Beispiel die von der Fantasie als Haarlocken, die man bändigen, glätten und an den Kopf anlegen kann, oder die von den unfertigen Gedanken, die mit ihrem Für und Wider hin- und herrumpeln, als wäre der Schädel ein Schiff im Sturm. Und so verwandelt sich das Abenteuer in einer Metapher für das Leben.

Literatur wird erst zu Literatur, wenn sie ihre Bedingungen und ihre Grenzen mitreflektiert. Und dass das kein Grund sein muss, einen hohen Ton anzuschlagen oder irgendwelche beeindruckenden Denkfiguren auszuziselieren, dafür steht Kirsten Fuchs mit ihrer erprobten Lakonie, ihrem Witz und ihrer Ironie, die sie immer wieder auf Abstand gehen lässt – manchmal doch ein bisschen auf Kosten der Figuren, vor denen sie sich dann zu schnell in die emotionale Sicherheit der Reflexion bringt. Aber vielleicht geht das eine nicht ohne das andere. Vielleicht ist Literatur – Weltaneignung durch Selbstreflexion – sowieso nichts anderes als die mit anderen Mitteln fortgesetzte Pubertät. Ab 14 Jahren

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