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King Kong

Scheinheilige Kritik in N.Y.

Von Sacha Verna

Das letzte Mal als Stephen King der Verleihung der National Book Awards beiwohnte, hatte er Eintritt bezahlt. Das war vor zehn Jahren. Als Preisträger wird er sich die 1000 Dollar für ein Ticket dieses Jahr sparen können. Mit der Entscheidung, den meistgelesenen Horrorautor aller Zeiten mit der "Medal for Distinguished Contribution to American Letters", einer Art Orden fürs Lebenswerk auszuzeichnen hat der Vorstand der National Book Foundation, einer Stiftung zur Literatur- und Leseförderung, in der amerikanischen Literaturwelt Anfang dieser Woche für einige Aufregung gesorgt. Die Reaktion der maßgeblichen und weniger maßgeblichen literarischen Meinungsträger reichte von ungläubigem Staunen bis zu hochgradiger Empörung. Der Preis, den in den vergangenen Jahren unter anderen Philip Roth, William Gaddis und Susan Sontag erhalten haben, wird traditionellerweise Schriftstellern zuerkannt, die über mehr Prestige als Verkaufserfolg verfügen. Bei Stephen King verhält es sich ganz offensichtlich umgekehrt.

So bezichtigte Harold Bloom, der zeterfreudige Literaturprofessor der Yale University, Autor und selbsternannte Hüter des Literaturkanons, das Preiskomitee in einem Interview mit der New York Times unverblümt der Dummheit und bestritt jeglichen "literarischen Wert", jede "ästhetische Leistung" von Stephen Kings Œuvre und erkannte darin kein einziges "Zeichen einer erfinderischen menschlichen Intelligenz". Andere Kritiker drückten sich diplomatischer aus, waren aber im Wesentlichen derselben Ansicht.

Natürlich tut es immer wieder gut, sich öffentlich über die Trivialisierung des Wahren, Guten und Schönen zu echauffieren. Aber im Grunde spricht das Gegeifer in diesem Fall eher gegen die Geiferer als gegen Stephen King. Seien wir doch ehrlich: Die Vergabe von Literaturpreisen ist an sich eine fragwürdige Angelegenheit. Wer den Zirkus ernst nimmt, hat entweder ein Brett vor dem Kopf oder viel, viel überschüssige Energie. Denn was, bitte schön, berechtigt etwa das greise Grüppchen in Stockholm jedes Jahr dazu, ein Dichterhaupt zum Dichterhaupt schlechthin zu küren? Welche Interessen vertreten Juroren wie jene des neuerdings nach dem neuen Sponsor benannten Man Booker Prize oder die des hochdotierten Dublin Impac Prize? Gibt es irgendwo einen Katalog verbindlicher Kriterien, aufgrund derer solche Jurys gute von schlechter Literatur unterscheiden könnten? Es gibt Kriterien, mehr oder weniger verbindliche, aber die kennen die Wenigsten und diese Wenigen sitzen sehr selten in diesen Jurys. Tatsächlich geht es nur um Publicity. Nicht zuletzt für jene gesegneten Geister, die ihre Rolle als Rufer in der Bleiwüste nur zu gern zwischendurch mit jener des Krähers vor dem Mikrophon vertauschen.

Der National Book Award gilt in den USA als der kleine Bruder des Pulitzer Preises. Er ist einer von unzähligen kleinen Brüdern und muss zwar nicht gerade um Aufmerksamkeit kämpfen, aber ein bisschen Lärm kann nie schaden. Mit Stephen King einen ebenso populären wie vom literarischen Establishment gering geschätzten Autor auszuzeichnen, ist ein medienstrategisch durchaus einleuchtender Schachzug. Nebenbei bemerkt, hat die National Book Foundation im Jahre 1999 Oprah Winfrey denselben Preis verliehen wie jetzt King, mit der Begründung, auch die nicht eben für Anspruch und Tiefsinn bekannte Showmasterin habe mit ihrem Fernseh-Buch-Club der Literatur unvergleichliche Dienste geleistet. Die Entrüstung über diesen Beschluss hielt sich damals in Grenzen.

Bei der "Medal for Distinguished Contribution to American Letters" handelt es sich ja nicht um den Literaturpreis der National Book Foundation. Die Gewinner der eigentlichen Book Awards für Literatur, Sachbuch, Dichtung und Jugendliteratur werden erst im November verkündet. Während für die Vergabe der Book Awards vier jeweils fünf Autoren (!) umfassende Jurys verantwortlich sind, entscheidet über die Verleihung des Lebenswerk-Ordens allein der Stiftungsvorstand. Dieser besteht hauptsächlich aus Vertretern von Medienkonzernen und Verlegern - etwa vom Verlag Simon & Schuster, in dem Kings Bücher erscheinen.

Interessekonflikte? Aber nicht doch. Um das finanzielle Wohl der National Book Foundation sind schließlich in erster Linie eben diese Medienkonzerne und Verleger besorgt. Dass diese nur Konflikte haben, wenn Interessen fehlen, dürfte inzwischen ein offenes Geheimnis sein. Der einzige, dem hier keine eigennützige Absichten unterstellt werden können, ist Stephen King. Der verkauft seine Millionenauflagen sowieso, und dem Rampenlicht zieht er die Ruhe in einem seiner diversen Landhäuser vor. King hat angekündigt, die 10 000 Dollar Preisgeld der Stiftung für wohltätige Zwecke zurückgeben zu wollen. Das ist doch nett, wirklich.

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