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Kinderunterwäsche und ein bisschen Paranoia

"20 unter 30": Eine Anthologie über die junge, deutsche Literaturszene will das "wirklich Interessante" zeigen

Von Susanne Balthasar

Zum Beispiel "Eiswind, Januarkind, Eiswind". Da schwingt Ene-Mene-Miste mit, aber auch Schneekristallzauber, die Zeit zwischen Kindheit und Pubertät hallt nach, und jedes Wort dreht die Zeit zurück. Zurück nach damals, als man mal die Liebe probierte und dabei versehentlich Kinderunterwäsche trug. Auch bei Nette geht so ein Erlebnis ziemlich ins Höschen und wird zu einer Reise hinaus ins Leben. In "Zickzack oder die sieben Todsünden" erzählt Silke Scheuermann von einem sturmfreien Abend, der damit endet, dass die 14-Jährige ihren angebeteten Bruder mit seiner Freundin teilen muss. Nun, jung waren wir schließlich alle gern.

Jung ist ein Adjektiv, das der Literatur mindestens so gern angepappt wird wie das Ökosiegel dem Eierkarton. Überall werden Jungautoren für Jungbücher gesucht, mit Jungpreisen überhäuft. Also haben Martin Brinkmann, Autor und selber erst 25, und Werner Löcher-Lawrence, ein etwas älterer Mitarbeiter der DVA, sich mit ein bisschen Zahlenklauberei das Etikett "jung" gleich doppelt angetan: 20 unter 30. Junge deutsche Autoren heißt der von ihnen herausgegebene Erzählband. Junggut oder jungschlecht, jedenfalls nicht jungpop. Von dem zwar jugendlichen, aber angeschlagenen Image der Popliteratur distanzieren sich die Herausgeber, indem sie im Vorwort darauf verweisen, dass es nicht um Popliteratur, sondern um das "wirklich Interessante" in der deutschen Literatur gehe. Also hat man noch 20 Eier auf den Buchumschlag gedruckt, als wären die ungeschlüpften Literaturküken kurz vorm Durchbruch.

Junge Literatur umfasst nicht notwendigerweise junge Themen. Großräumig kündigt der Klappentext "Geschichten aus dem Leben, vom Tage und der Nacht, aus Großstädten, der Provinz, dem Nähkästchen und der Historie." Querschnittig eben. Einige Geschichten versuchen sich tatsächlich im Historischen, allerdings die, die besonders zwanghaft konstruiert sind. Als hätten die Herausgeber die Breite des Themenspektrums als Auswahlkriterium zugelassen. Die besseren Texte stammen thematisch aus der Lebenswirklichkeit der Autoren: Parties, Pubertät und ein bisschen Paranoia. Es geht um die Liebe, die Langeweile, die Lebensloser. Um Menschen wie Steffi, die dicke Heldin aus Julia Christina Wolfs Geschichte "Babyspeck", die von der dünnen besten Freundin und der Mutter gleichermaßen getriezt wird. Oder um Menschen wie den Single-Appartment-Bewohner aus der Spinnerstraße in Braunschweig, der ein todtristes Leben als Student fristet. Martin Brinkmann, diesmal der Autor, löst in der Erzählung "Schöner Leben" alles Geschwätz von den tollwilden Uni-Zeiten in melancholischer Einsamkeit auf. In diesen und wenigen anderen Geschichten sind es echte Jugendthemen, die auch einem Über-30-Leser noch was vom Leben erzählen. In solchen Geschichten ist Jungsein keine Frage des Alters.

Zu oft verläppern sich die Texte im Fluss der eigenen Geschwätzigkeit: belanglose Gegenwartsdokumentationen, in Buchstaben gefasste Ereignislosigkeit. Mit überbordender Pingeligkeit werden ohnehin schon langweilige Parties breitgeschrieben, und zwischen den Zeilen unfreiwillig von noch nicht gelebtem Leben geschwätzt. Am Ende ist die dröge Stimmung bis zum Leser ins Wohnzimmer geschwappt. Die inhaltliche Öde wird in sturzbraven Sätzen ausgeplaudert: Gemäßigte Sprache für gemäßigte Lebenserfahrung. Vielleicht liegt darin auch das einzig erkennbar verbindende Glied dieser jungen Autorenauswahl: die unaufgeregte, detaillierte Beobachtung von Wirklichkeit. Selbst Heike Geßlers reizende Geschichte über ein Mädchen, dem der Verstand davonfliegt, hebt niemals wirklich ab. Keine Story sprengt die Form oder die Wahrnehmung, keine versucht zu verunsichern.

Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, die Geschichten seien von Grund auf schlecht. Bis auf einige Ausnahmen sind die meisten von ihnen handwerklich durchaus sauber gearbeitet. Mehr aber auch nicht, eher weniger: Für sich genommen sind die meisten angenehm lesbar, aber wer sich im Sammelband von einer zur nächstens hangelt, versumpft schon bald im Erzähleinerlei. Auch die Geschichte über das Januarkind Nette macht da keine Ausnahme. Silke Scheuermann gelingt es zwar, um Nette eine Welt zu spinnen, die synästhetisch und verspielt ist. Was ihr nicht gelingt, ist eine Erfahrung zu schildern, die jenseits der 16 noch interessant sein kann. Nach einem hübschen Einstieg zerdehnt sich die Geschichte wie ein ausgeleierter Kaugummi. "Zickzack oder die sieben Todsünden" ist auch nicht viel mehr, als ein ausgeblasenes Ei; immerhin bunt angemalt.

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