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Kindern Punk erklären

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Schlechte Noten in der Schule haben und bloß nicht aufräumen. Das sind die Anforderungen von Pogos Eltern an ihren Sohn. Kinderbuchautor Jochen Till im Interview über sein neues Buch "Pogo & Polente."

Herr Till, Sie haben gerade mit „Pogo & Polente“ Ihr 48. Buch veröffentlicht. Hauptsächlich verfassen Sie Kinder- und Jugendliteratur. Wie kam es dazu?

Ich habe da nie groß drüber nachgedacht, ob ich jetzt für Erwachsene oder Kinder und Jugendliche schreibe, das hat sich einfach so entwickelt. Die ersten Bücher waren Jugendbücher und seit sechs Jahren schreibe ich auch für Kinder. Meine Jugendbücher sind immer aus dem echten Leben und bei den Kinderbüchern spinne ich dann rum. Die Geschichten spielen oft im Weltraum oder in der Hölle, das macht mir Spaß.

In Ihrem Kinderbuch „Pogo & Polente“ trifft ein Punkerkind in der Nachbarschaft auf die Tochter eines Polizisten. Das ist weder Weltraum noch Hölle.

Das ist mein erstes realistischeres Kinderbuch. Pogo ist ein elfjähriger Junge, der in die sechste Klasse geht. Seine Eltern sind Punker. Sein Vater arbeitet nicht, Spießer findet er schrecklich, er trinkt immer Bier. Da sind viele Klischees dabei. Pogo ist aber ein cleveres Kerlchen und ziemlich gut in der Schule. Er möchte ein anderes Leben, als sein Vater für ihn vorgesehen hat. Da entsteht sehr viel Reibung. Und dann taucht ein Mädchen in einer Polizeiuniform auf und verteilt Strafzettel. Man muss wissen, Punker und Polizisten sind natürliche Feinde und deshalb kann Pogo das Mädchen erst gar nicht leiden. Als sein Fahrrad geklaut wird, raufen sich die beiden aber zusammen, um das aufzuklären.

Identifizieren Sie sich eher mit Pogo oder mit Polente?

Ich war selbst Punker. Ich hatte zwar nicht solche Eltern, aber ich habe bei dem Buch überlegt, wie es ist, wenn jemand so bleibt, wie er mit 16 ist. Was wäre gewesen, wenn ich so geblieben wäre, mit dieser Punk-Attitüde? Das ist zwar alles total überzogen, aber ich fand das Gedankenspiel lustig: Was ist, wenn man solche Eltern hätte, die sich da treu geblieben sind. Die ihr Kind ganz anders erziehen: Du darfst nicht gut in der Schule sein, du darfst dein Zimmer nicht aufräumen. Daraus entsteht eine Komik, finde ich.

Für Erwachsene sind diese überzogenen Klischees lustig. Hat man als Autor die Sorge, dass man bei Kindern dadurch Stigmatisierungen reproduziert? Der Punk, der ständig Bier trinkt und nur Dosenravioli isst…

Nee, eigentlich gar nicht. Ich will hauptsächlich, dass es für Kinder lustig ist. In meinem Umfeld kam vorher eher die Frage auf: Können Kinder überhaupt noch was mit Punk anfangen? Ich habe jetzt mitbekommen, dass durch das Buch Eltern ihren Kindern Punk erklären und sich die Kinder damit zum ersten Mal beschäftigen. Dass die Kinder alles für bare Münzen nehmen, glaube ich nicht. Die merken schon, dass es solche Eltern nicht gibt. Das ein oder andere Kind hat bei den Lesungen gesagt „Ich will auch Punker werden.“

Sind Kinder verlässlichere Leser*innen als zum Beispiel Jugendliche?

Jugendliche sind definitiv die schwierigste Klientel. Ich habe Bücher für Jungs geschrieben, die ja eher nicht lesen. Das kenne ich auch von mir. Ich habe, bis ich zwölf war, sehr viel gelesen und dann hat es abrupt aufgehört. In der Schule habe ich gar nicht gelesen, da haben mich andere Sachen interessiert. Danach habe ich dann wieder angefangen. Unter Jugendlichen und gerade bei Jungs ist es schwierig, Leser zu finden. Bei Kindern ist es leichter, die freuen sich noch über Bücher. Ich merke das immer bei Lesungen in den Schulen. Bei 5. und 6. Klassen füllen sich immer die ersten Reihen zuerst. Ab der 7. Klasse besetzen die Schüler zunächst immer die Stuhlreihen ganz hinten. Das ist so das Alter, wo das Interesse am Lesen kippt.

Haben Sie als Autor das Gefühl, dass es aktive Initiativen von Schulen gibt, um das Interesse von Kindern und Jugendlichen am Lesen zu steigern?

In einem Jahr habe ich über 100 Lesungen in Schulen oder Bibliotheken. Ich lese fast ausschließlich vor Schülern und auf Einladung von Schulen. Da beantworte ich immer viele Fragen. Etwa: Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben, was verdient man daran? Da entstehen schon gute Diskussionen.

Im Deutschunterricht stehen aber häufig ältere Klassiker, wie Goethe oder Thomas Mann auf dem Lehrplan.

Das hat mir als Jugendlichen auch das Lesen verleidet. Die Bücher aus dem Deutschunterricht haben mich nicht interessiert, weil die Sprache und der Inhalt nichts mit meinem Leben zu tun hatte. Heute finde ich die Klassiker wichtig, auch wenn ich das damals nicht so gesehen habe. Aber man sollte auch zwischendurch etwas Zeitgenössisches lesen, was mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu tun hat.

Was haben Sie gerne als Kind gelesen?

Das übliche damals: Ich habe die „Fünf Freunde“-Reihe komplett gelesen, „Burg Schreckenstein“ und „Die drei ???.“ Natürlich auch sehr viel Astrid Lindgren, die Klassiker eben.

Und was lesen Sie heute?

Ich lese nicht so gerne Fantasy oder Krimis. Lieber realistische Geschichten, wo auch ein gewisser Humor drin ist. Ich liebe John Irving und John Niven. Viele Johns, stelle ich gerade fest.

Können Sie von der Autorentätigkeit leben?

Nur vom Verkauf der Bücher kann ich nicht leben, aber das können auch nur zwei Prozent aller Schriftsteller. Aber mit Lesungen verdiene ich auch Geld, und beides zusammen reicht für mich. Das ist schon selten genug, und ich schätze mich da sehr glücklich.

Bei Ihren Lesungen reisen Sie zu zweit an und haben einen Vorleser dabei. Warum?

Ich kann selbst nicht so gut vorlesen. Ich bin Stotterer. Das merkt man im freien Gespräch nur ab und zu, aber beim Vorlesen schon. Dass ich mit meinem Vorleser Linus Koenig reise ist also eigentlich aus einer Not heraus geboren, macht aber sehr viel Spaß. Dann sitzen da zwei Menschen vor den Kindern, die sich beide nicht so ernst nehmen. Damit nimmt man noch mehr das Gefühl raus: „Das ist jetzt Literatur und ganz ernst, ihr müsst jetzt leise sein.“ Der Spaß kommt noch besser rüber. Wir lesen dann auch vor allem lustige Szenen vor.

Gibt es eine Reaktion eines Kindes auf ihren Lesungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Manchmal kommen lustige Fragen, wie: Hast du auch mal Urlaub oder schreibst du immer? Und es ist uns einmal gelungen, dass ein Kind vor Lachen vom Stuhl gefallen ist. Den hat es richtig zerbrezelt, der konnte nicht mehr. Sowas ist natürlich eine tolle Reaktion.

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