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Die Kinder der Wehrmacht

Zwei Bücher fragen sich, was aus dem Nachwuchs der deutschen Besatzer in Norwegen und Frankreich geworden ist

Von ELKE SCHUBERT

Jahrzehntelang wurde darüber geschwiegen, dass etliche deutsche Soldaten, die seit Beginn des Zweiten Weltkrieges halb Europa besetzt hielten, häufig über Jahre Liebesbeziehungen mit einheimischen Frauen eingegangen waren. Nach dem Krieg wurden diese Frauen vor allem in Frankreich geächtet und dem Hass der Öffentlichkeit preisgegeben. Dass aus diesen Verbindungen auch tausende Kinder hervorgingen, die man oft im Unklaren über ihre Herkunft ließ, liegt nahe.

Die "Kinder der Schande" begannen erst im Alter von etwa 60 Jahren nach ihren leiblichen Vätern zu suchen; mittlerweile hat die Veröffentlichung einiger Artikel und Bücher dazu beigetragen, diesen Komplex immer mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Exakte Zahlen gibt es bis heute nicht, denn oft wurden die Kinder adoptiert, wuchsen in Heimen auf und wurden äußerst selten über die Identität des Vaters aufgeklärt.

Jetzt sind gleich zwei Bücher auf deutsch erschienen: Ebba Drolshagen, die schon vor ein paar Jahren eine Untersuchung über die Deutschenliebchen geschrieben hatte, beschäftigt sich mit dem Schicksal der Besatzungskinder in den Niederlanden, Dänemark, aber vor allem in Norwegen, wo es wegen der "sanften" und vor allem langen Besatzung zu den meisten Liebesbeziehungen kam.

Und anders als bei den meisten anderen besetzten Ländern hatten die Nationalsozialisten gegen Kinder aus Verbindungen mit Norwegerinnen nichts einzuwenden, denn diese entsprachen ihrem Ideal der "Nordischen Rasse"; ledige Mütter wurden in "Lebensborn"-Heimen auf jede erdenkliche Art unterstützt.

Neue Verwandte

Ebba Drolshagen ist sich bewusst, dass auch in den von ihr untersuchten Ländern weder verlässliche Zahlen noch gesicherte Untersuchungen darüber existieren, wie es der Mehrzahl der "Kriegskinder" ergangen ist. Zwar haben sie sich in Organisationen zusammengeschlossen und ihre Erfahrungen ausgetauscht, man kann daraus aber beispielsweise nicht den Schluss ziehen, dass die meisten von ihnen ein schweres Schicksal hatten.

Diejenigen, welche eine behütete Kindheit genossen, fanden ihre Geschichte nicht so erzählenswert wie jene, denen Ablehnung und Unrecht widerfahren ist. So kann die Autorin nur von Extremfällen berichten und von der mühevollen Suche nach dem unbekannten Vater, der häufig schon gestorben war, wenn die Suche Erfolge zeigte. Wenn der Vater aber noch am leben war und ausfindig gemacht werden konnte, entstand ihnen aus der Konfrontation der "neuen" Verwandten neue Verbindungen mit einem bisher unbekannten Land. Viele Familiengeheimnisse kamen mit der Kontaktaufnahme ans Tageslicht, und erstaunlich häufig wurde diese von beiden Seiten als Gewinn betrachtet.

Ein französisches Tabu

Der französische Journalist Jean-Paul Picaper und Ludwig Norz, Mitarbeiter der Wehrmachtsauskunftsstelle (Wast) in Berlin, gehen in ihrer auf Frankreich konzentrierten Untersuchung einen anderen Weg. Zunächst stellen sie exemplarische Biografien von Besatzungskindern vor, die auffällige Parallelen aufweisen. In der zweiten Hälfte des Buches beschäftigen sie sich mit den politischen Bedingungen der Besatzungszeit. Schätzungsweise sind in Frankreich zwischen 1941 und 1945 etwa 200 000 Besatzungskinder zur Welt gekommen.

Dennoch wird das Thema "Kriegskinder" von der französischen Regierung bis heute ignoriert und als Tabu behandelt. Picaper hat jahrelang im Wehrmachtsarchiv recherchiert. Dort gehen mittlerweile täglich etwa 50 Vaterschaftsanfragen aus Frankreich ein, mehr als in all den Jahren zuvor. Die Autoren schildern in ihrem Buch, wie sehr die Kriegskinder unter ihrer Herkunft zu leiden hatten, wie sich dieses Leid durch ihre Lebensgeschichte zieht und sich auf die nächsten Generationen auswirkt.

So wie die norwegischen Gefährtinnen der deutschen Besatzer nachher als "Verräterinnen" gebrandmarkt wurden, wurden auch französische Mütter und Kinder von ihren Familien und Nachbarn entsprechend schlecht behandelt. Viele Kriegskinder haben erst durch Jean-Paul Picapers Buch den Mut gefunden, ihr Schweigen zu brechen und an die Öffentlichkeit zu gehen. Vor allem entdeckten die Betroffenen, dass sie nicht allein sind.

So decken Picaper und Norz mit dieser - der ersten Veröffentlichung zu diesem Thema überhaupt - auch die Lebenslüge vieler Franzosen auf, die sich nach dem Krieg als ein Volk von Widerstandskämpfern feierten. Ein Großteil der Franzosen hat nach Einschätzung der Autoren Marschall Petain unterstützt, der 1940 den aussichtslosen Krieg durch die Kapitulationserklärung beendete.

Fünf Jahre später sah es ganz anders aus. Zu dem Bild des moralischen Siegers, in dem auch die Beteiligung an der Deportation der französischen Juden heruntergespielt wurde, passten die Liebesbeziehungen zwischen deutschen Soldaten und Französinnen nicht, am wenigsten die Kinder, die daraus hervorgingen. Was nach Meinung der Autoren noch aussteht, ist die Anerkennung beider Staaten, dass diese Kinder nicht Ergebnis eines Verrats, sondern gleichberechtigte Bürger sind.

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