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Kinder, spielt Klavier

"Leichtes Licht", Hans Pleschinskis kurioses Manifest für höflichere Umgangsformen und guten Stil

Von DIRK FUHRIG

Single-Frau im Urlaub, ganz klassisch auf den kanarischen Inseln. Der Weg ist das Ziel - und ein Ritual. Seit Jahren entzieht sich Christine Perlacher dem Winter-Grauen Hamburgs, setzt sich in ein Flugzeug, auf der Suche nach Licht - südlichem, "leichtem Licht". Immer Kanaren, immer Teneriffa, immer eine Woche. Kleine Flucht aus dem Alltag, beileibe kein Abenteuerurlaub. Christine Perlacher ist bescheiden. Ihre Ferienbedürfnisse sind so harmlos wie ihre gesamte Existenz. Eine Bucht, bisschen Ruhe, bisschen Sonne. Die pflichtbewusste Angestellte der Sozialbehörden ist frei von besonderer Ambition. Sie ist korrekt, erledigt ihre Arbeit effizient, ohne dabei in Kälte und Routine zu erstarren. Für die "Leistungsempfänger", die sie zu kontrollieren hat, empfindet sie Mitgefühl, wo es nötig ist; sie verbreitet Strenge, wo sie Missbrauch wittert. Eine fleißige, ehrenhafte Bundesbürgerin Anfang 40, die sich ihre allwinterliche Atempause weißgott verdient hat.

Sympathisch und durchschnittlich

Hans Pleschinski zeichnet seine Heldin sympathisch und durchschnittlich bis zum Abziehbild. Christine Perlacher ist gebildet, geschmackvoll gekleidet, eher konventionell als modisch, aber immer mit Pfiff, kulturell interessiert, mit Abo fürs Symphoniekonzert. Auf der Reise erlaubt sie sich träumerische Erinnerungen an turbulente Jugendtage, als Fräulein Perlacher anscheinend öfter mal Fünfe gerade sein ließ und sich mit wechselnden Männerbekanntschaften die Zeit vertrieb - einmal sogar mit zwei Motorradfahrern gleichzeitig! Schön war die Zeit.

Der Autor setzt seine Süden-Reisende ins Flugzeug neben pauschale Pärchen-Urlauber und lässt sie milde übers deutsche Kleinbürgertum ebenso lächeln wie über die Getriebenheit dauertelefonierender Geschäftsleute am Flughafen. Kaum hebt sie in Fuhlsbüttel ab, lösen sich deutsche Alltagsverkrampfung, Miesmachertum und schlechte Laune.

Christine Perlacher reist, kontempliert, denkt nach. Ihre Reflexionen über die gesellschaftliche und soziale Lage in Deutschland, über Urlaub an sich und überhaupt, die Mitreisenden, über Beziehung und Sex im mittleren Alter sind meistens jedoch von verblüffender Harmlosig- und Oberflächlichkeit. Pisa 2 und Hartz IV werden zwischen Kofferband und erstem Glas Rotwein im Terrassencafé gestreift. Alltags-Beobachtungen fügen sich mit Sekretärinnen-Weisheiten zu milden großväterlichen Zeigefingerurteilen. Man sieht dauernd den Werther's-Echte-Onkel vor sich. Etwa bei Sätzen wie: "Doch, die Kinder sollten wieder Klavierspielen lernen müssen! Wenigstens den Flohwalzer. Dem Stottern, Verstummen und Verdummen war Einhalt zu gebieten."

Eine Decke von Betulichkeit liegt über dem gesamten Buch. Zivilisationskritik light - vorgetragen von einer damenhaften Erscheinung, die Stil, Rücksichtnahme, Höflichkeit und Anstand nicht nur fordert, sondern nahezu perfekt verkörpert. Als eine Art Sabine Christiansen vom Sozialamt räsoniert sich Christine Perlacher durchs Leichte Licht. Dabei hätte diese Figur zu einer überraschenden Heldin der deutschen Gegenwartsliteratur werden können. Hans Pleschinski hätte sie nur etwas mehr von Ferne betrachten müssen.

Mit einem gewissen Abstand, mit freundlichem Spott hätte er mit Fräulein Perlacher womöglich den Prototyp einer fröhlich-nachdenklichen Single-Frau in der Midlife-Crisis schaffen und einen komödiantischen, tatsächlich "leichten" Roman über ihre Sommererlebnisse schreiben können. Was eine heitere zeitgenössische Geschichte aus dem gebildeten Mittelstandsmilieu hätte werden können, entpuppt sich in seiner Ernsthaftigkeit, Ernst-Gemeintheit jedoch als kurioses Manifest für höflichere Umgangsformen und bessere Manieren.

Ironischer Impetus

Seinen gesamten ironischen Impetus legt der Autor der deutsch-deutschen Erzählung Ostsucht und des ebenfalls autobiografischen Aids- und Künstlerromans Bildnis eines Unsichtbaren in den Schreibstil. Die Sprache gibt sich originell und gewählt, wirkt aber eher prätentiös. Viele Wendungen erscheinen gesucht, und es regiert ein übertriebener Hang zum Stabreim. Dazu wimmelt es von Anleihen aus dem vermeintlichen Jugend-, Medien- und Lockerflockig-Jargon: "Youngster", "Fläschchen", "Schwips", "Abzocke" , "Fun-Reisende"; anstelle des Flugzeugs hebt der "Jet" ab, ein Auto ist ein "prachtvoller Schlitten", "raue Gesellen" spielen nicht etwa Fußball, sondern es wird "gebolzt", und so fort. Diese betonte Flapsigkeit, die der Autor seiner Figur in den Mund legt, wirkt auf die Dauer ermüdend und altväterlich.

Höchst gediegen bleibt es auch, wenn es um Christine Perlachers Liebesleben geht. Zwar spürt sie einen leichten Schauer beim Betrachten eines kanarischen Jünglings mit "gebräunter Armmuskulatur". Und am Ende scheint sich gar ein Urlaubsflirt anzubahnen. Doch Gedanken über das comme il faut hinaus erlaubt sich die Romanfigur ebenso wenig wie der Autor. Es wird zu wenig gewagt in diesem Buch, und vielleicht ist es gerade deshalb eine passende Bestandsaufnahme der deutschen Gegenwart.

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