1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Das Kind, das nicht nein sagen kann

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Die Schriftstellerin Celeste Ng.
Die Schriftstellerin Celeste Ng. © Kevin Day Photography

Celeste Ngs Roman über eine amerikanisch-chinesische Familie, die sich nicht fest zu verankern vermag: „Was ich euch nicht erzählte“

Lydia ist tot“, lautet der unmissverständliche erste Satz von Celeste Ngs Debütroman „Was ich euch nicht erzählte“ und legt damit scheinbar die Karten auf den Tisch. Während James und Marilyn, Nathan und Hannah noch warten, hoffen, bangen, weiß die Leserin schon Bescheid. Einerseits. Andererseits stellt Celeste Ng eine gängige Ausgangskonstellation für einen Thriller auf: Warum und wann hat Lydia das Haus der Lees verlassen? Warum ist sie auf den See hinaus gerudert, wenn sie doch nicht schwimmen kann? War jemand dabei? Und was hat Jack damit zu tun, der zwielichtige junge Mann aus der Nachbarschaft, mit dem Lydia ab und zu gesehen wurde? Bruder Nathan glaubt an dessen Schuld.

Celeste Ng, deren Eltern in den sechziger Jahren von Hong Kong in die USA gingen, die in Pittsburgh geboren wurde, macht es durchaus kunstvoll spannend, erzählt aber vor allem die Geschichte einer chinesisch-amerikanischen Familie, die sich nicht fest zu verankern vermag. Nicht zuletzt werden die gleichmütigen, doch gründlichen Recherchen der Polizei ergeben, dass Lydia keine Freundinnen hatte, obwohl ihre Eltern beteuern, vom Gegenteil überzeugt zu sein. Aber warum schenkt ihr Vater ihr den Ratgeber „Wie man Freunde gewinnt und Menschen beeinflusst“?

„Was ich euch nicht erzählte“ spielt hauptsächlich im Jahr 1977, mit Rückblicken in die Sechziger. Lydia und ihr Bruder Nathan sind 1977 noch die einzigen (Halb-)Asiaten an ihrer High School, sie werden nicht direkt ausgeschlossen, aber auch nirgendwo mit offenen Armen aufgenommen. Ebenso geht es Vater James, der Dozent für Geschichte am College der (fiktiven) Kleinstadt Middlewood ist – Forschungsschwerpunkt des chinesischen Einwanderers ist ironischerweise der Cowboy. Rassismus ist allgegenwärtig, aber es ist ein gleichgültiger, kein aggressiver – sieht man von Marilyns Mutter ab, der ganz entschieden ein weißer Amerikaner als Schwiegersohn vorschwebte.

Größer als der Druck der (weißen) Gesellschaft aber ist der Marilyns, die sich von ihrer älteren Tochter – da ist noch die ebenfalls blitzgescheite kleine Hannah – wünscht, nein, die eigentlich verfügt, dass Lydia Ärztin wird. Ihr eigenes Medizinstudium, ihre eigenen Berufshoffnungen gab Marilyn einst zugunsten der Familie auf. Einen Versuch zu fliehen aus einem Leben, das „weich und warm und erdrückend“ war, brach sie ab, als sie erneut, mit Hannah, schwanger war. Nie wird bei den Lees darüber gesprochen, dass sie neun Wochen lang spurlos verschwunden war, James mit zwei Kindern allein ließ. Aber die Polizei kommt 1977 auf die Vermisstenmeldung zurück.

Der tadellos konstruierte und verzahnte Roman entpuppt sich nach und nach – in manchen Passagen ein wenig zu demonstrativ – als die tragische Geschichte einer im Grunde wohlmeinenden Mutter, die ihre Lebensträume auf die Tochter projiziert, und eines Kindes, das sich gegen die Pläne („Wissenschaftsprojekte. Sommerkurse.“) nicht zu wehren vermag: „Ja, sagte sie jedes Mal. Ja. Ja. Und ihre Mutter atmete wieder weiter.“ Lydia ist Marilyns Augenstern. Lydia kann irgendwann nicht mehr atmen. „Junge Asiatin im See ertrunken“, meldet die Lokalzeitung von Middlewood.

Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte. Roman. A. d. Engl. von Brigitte Jakobeit. dtv, München 2016. 290 S., 19,90 Euro.

Auch interessant

Kommentare