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Khaled Khalifa „Keiner betete an ihren Gräbern“: Bis die Gewalt alles zunichte macht

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Von: Stefan Michalzik

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Syrer überqueren 1945 den Euphrat.
Syrer überqueren 1945 den Euphrat. © AFP

Der große Generationenroman „Keiner betete an ihren Gräbern“ des syrischen Schriftstellers Khaled Khalifa

Eine mehrere Generationen überspannende Familiensaga, auf vortreffliche Weise verwoben mit dem Panorama der Gesellschaft einer vergangenen Epoche – das bietet „Keiner betete an ihren Gräbern“, der jüngste Roman des in Damaskus lebenden syrischen Schriftstellers Khaled Khalifa, der zu den schärfsten Kritikern des Regimes gehört und dessen Bücher in seiner Heimat verboten sind. Ähnlich wie in „Keine Messer in den Küchen dieser Stadt“, dem vorangegangenen Roman, geht es um einen Moment, in dem eine Utopie aufscheint, lokalisiert hier in Khalifas Heimatstadt Aleppo, Gewalt jedoch wird die Hoffnung zunichte machen.

War es in „Keine Messer ...“ die kulturelle Zerstörung – Jahrzehnte vor der kriegerischen – der einstmals religiös toleranten und liberal-prosperierenden Stadt unter dem Regime von Hafez al-Assad – Vater des heutigen Machthabers – und seiner Baath-Partei, so geht es nun zurück in das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert.

Mitnichten eine Zeit der Harmonie und des Friedens. Der Tod grundiert dieses Buch, das 2019 herauskam und nun in einer hervorragenden Übersetzung von Larissa Bender vorliegt. Im vom Osmanischen Reich einverleibten Syrien waren die Christen Menschen zweiter Klasse. Sofern sie nicht ihrer Religion abschwören wollten, mussten sie eine Kopfsteuer zahlen. Im Krieg von 1915 plünderten die Osmanen die Stadt. Wer nicht gleich getötet wurde, lief Gefahr, an Pest oder Cholera zu sterben.

Am Anfang steht für den Christen Hanna, die Zentralfigur, und seinen gleichfalls wohlhabenden Freund, den Muslim Zakira, das traumatische Ereignis einer Euphrat-Überschwemmung. Ihre Frauen und Kinder sind von den Fluten mitgerissen worden. Eines schon zuvor ausschweifenden Sexuallebens wegen ist der Ruf Hannas zweifelhaft. Zugleich hat er sich ein erhebliches Ansehen als Wohltäter und Förderer liberaler Ideen erworben. Er gehört zu den Verfechtern einer nationalen Unabhängigkeit und einer Orientierung des Landes nach Europa. Offenbar die Parallelen zu den Bestrebungen der osteuropäischen Staaten nach 1989.

Das Buch:

Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern. Roman. A. d. Arab. v. Larissa Bender. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 544 S., 26 Euro.

Erzählt wird aus männlicher Perspektive – einesteils. Es werden immer wieder die äußerlichen Vorzüge von Frauen gepriesen, die Schönheit ihrer Körper, der Duft ihrer Parfüms. Die Männer verkehren in „Freudenhäusern“, wobei sie den „Freudenmädchen“ Achtung entgegenbringen. Aber auch moderne Frauen aus dem Mittelstand treten auf, die einen Plan für ihr Leben haben, im Ausland studieren oder ein eigenes Geschäft gründen wollen.

Mit Blick auf Suad, die ihren Traum von einer eigenen Modenschau zu verwirklichen sucht, würde man heute von weiblicher Selbstermächtigung sprechen. Auch über ihrem Plan schwebt aber das Damoklesschwert der Gewalt: Die Schau wird schließlich von vermummten Gestalten in Flammen gesetzt, die sich „rechtschaffene Heilige“ heißen, mit der Mission, die „Ungläubigen“ ob ihrer Sündhaftigkeit zu strafen.

Khalifa zeichnet eine in den Grundfesten archaisch wirkende Welt, in der etwa Rachemorde üblich sind, zugleich zeigt sich eine Gesellschaft im Wandel. Liebesverhältnisse über die Grenzen der Religionsgemeinschaften hinweg bergen einen besonderen Sprengstoff.

Hanna wendet sich nach dem Tod seiner Familie geläutert der Askese zu und zieht sich zurück – die Frage des Glaubens interessiert diesen illusionslosen Menschen dabei nicht Obskurerweise will die Nonne Marjana gleichwohl ein Heiligennarrativ um ihn und seine vorgeblichen Wundertaten aufbauen. Hanna spielt eher widerwillig mit, überzeugt davon, dass Gott eine literarische Konstruktion ist und Jesus eine grandiose Idee, die zum Lügenkonglomerat herabgewürdigt worden ist.

Wie stets bei Khaled Khalifa ist ein Motiv die existenzielle Unerfülltheit. Eine der zahlreichen Randfiguren, William, ein weiterer Jugendfreund Hannas, schmeißt eines Tages die Sicherheit versprechende Ausbildung zum Buchhalter und bricht auf nach Istanbul, um Maler zu werden und seine Schwermut in Bilder zu fassen – keiner will sie kaufen.

Die in sich ruhende epische Wucht des nüchternen Erzähltons Khalifas ist beachtlich. Ein herausragendes Buch, mit vielen Sprüngen in der Chronologie, die Schicksale etlicher Figuren werden lediglich kurz angerissen – über die annähernd 550 Seiten hinweg fasert das nie ins episodenhaft Fragmentierte aus.

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