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Luftalarm in Aleppo, 2012. Das Elend aber hat lange vorher begonnen.

Syrischer Roman

Die Stadt, die Familie und der Tod

  • vonStefan Michalzik
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Khaled Khalifas Roman „Keine Messer in den Küchen dieser Stadt“ erzählt von drei Geschwistern in Aleppo.

Alle spürten“, heißt es an einer Stelle, „dass das bisschen Erfolg und Sicherheit, das sie sich erarbeitet hatten, wie weggeblasen war und dass das Überleben zum Ziel an sich geworden war.“ Der bereits 2013 in Kairo veröffentlichte und nun in deutscher Sprache vorliegende Roman „Keine Messer in den Küchen dieser Stadt“ von dem syrischen Schriftsteller Khaled Khalifa schildert die Geschichte eines Geschwistertrios aus einer ursprünglich ambitioniert mittelständischen Familie. Zwar scheitern sie am Ende an sich selbst, das Leben dieser Generation – es ist die des 1964 geborenen Schriftstellers – ist jedoch von den lastenden Verhältnissen der Existenz unter einer Gewaltherrschaft geprägt.

Den Hintergrund bildet der Niedergang von Khalifas Heimatstadt Aleppo – als eine der ältesten Städte der Welt als Unesco-Kulturerbe gelistet – unter dem Regime des Linksnationalisten Hafez al-Assad und seiner Baath-Partei, dem Vater des heutigen Machthabers. Zugrundegegangen ist die einst religiös diverse und liberal-prosperierenden Stadt nach Khalifas Befinden lange vor der kriegerischen Zerstörung 2012.

Mit jedem Kapitel greift das Buch vom Ausgangspunkt des Sterbens der Mutter aus retrospektiv in die Familienhistorie zurück. Der Erzähler selbst verschwindet hinter der Erzählung, eine treffliche Form der Charakterisierung. „Keine Wünsche, keine Träume. Keine Zukunft, keine Vergangenheit“, lautet sein niederschmetternder Selbstbefund. Diese Generation kennt keine andere Wirklichkeit als jene unter der Diktatur. Die Bücher des heute in Damaskus lebenden Schriftstellers stehen in Syrien auf dem Index.

Das Buch ist nicht zuletzt auch eines über den Tod, in Verschlingung mit Eros, Religion und Politik. Nach dem Putsch der Baath-Partei macht sich rasch die Gewalt rivalisierender Clans in den Straßen breit; die Söhne einflussreicher Beamter und Offiziere machen sich die Stadt zur Beute. Lärmend grölen die Nachbarn die Parteilieder, Immobilienhaie haben freie Bahn zur Verschandlung der einst blühenden Metropole. Es herrscht ein Klima der Angst. Der Erzähler spricht von einem „Parallelleben“, das er, zahllosen anderen gleich, über Jahrzehnte hinweg geführt habe.

Der Hauptstrang gilt der Schwester Saussan, einer zunächst draufgängerischen Männerköpfeverdreherin. Während ihrer Ausbildung zur Fallschirmjägerin spitzelt sie für den Geheimdienst, mit fatalen Folgen für ihre Umgebung. Khaled Khalifa zeichnet seine Figuren nüchtern in der widersprüchlichen Breite ihre Persönlichkeit mit allen Verirrungen. Im Falle Saussans gehört dazu ein Umschwung in eine rigide Religiosität nach enttäuschter Liebe samt späterer Rückkehr in die Weltlichkeit mit erotischer Selbstinszenierung und Kinderwunsch. Am Ende wird sie selbst von den repressiven Verhältnissen eingeholt, die sie zuvor mit ihrem Denunziantentum befördert hat; sie traut sich nicht mehr, kurze Röcke zu tragen und legt sich ein Messer zwecks Selbstverteidigung zu.

Der Bruder Raschîd, zunächst ein beim Publikum gefragter Geiger, bejubelt den „Angriff auf New York“ 2001, er schließt sich den Muslimbrüdern an und zieht als Dschihadist in die Schlacht um Bagdad, um „islamische Erde“ vor den amerikanischen „Kreuzfahrern“ zu verteidigen. Schnell merkt er, dass er und seine Kameraden verheizt werden sollen und sucht das Weite.

Nisar, der homosexuelle Onkel, ein Komponist, ist eine Art guter Geist für die Geschwister. Der „Schande“ wegen wird er von seinem Bruder bedroht, schließlich landet er im Gefängnis, „Abteilung für Pädophile und andere moralisch Verkommene“, was er einzig deshalb halbwegs unbeschadet übersteht, weil er einem in der Anstaltshierarchie hochrangigen Mitgefangenen als Sexsklave zu Willen ist. Ein standfester Mann, der sich zu seiner Neigung ungeachtet aller Widernisse offen bekennt.

Das Buch, von Hartmut Fähndrich in ein hervorragendes Deutsch gebracht, zeichnet sich durch eine schnörkellose literarische Dichte aus, in einer beinahe dokumentarisch knappen, nicht aber nüchtern-unterkühlten Erzählweise. Die Technik der Rückblenden erinnert ans Kino; tatsächlich hat Khalifa eine Reihe von Filmdrehbüchern verfasst. In einer sparsamen Fülle taucht eine große Zahl von – zumeist zwielichtigen – Figuren am Rande auf. Eines hat dieser große Realist, der ohne Pathos auskommt, partout nicht zu bieten: einen tröstlichen Ausgang.

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