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Die Kerzen gelöscht

Erika Mann erzählt aus einer deutschen Kleinstadt des Jahres 1938

Von IRING FETSCHER

Von ihrem Exil in der Schweiz aus konnte Erika Mann sich gut über die Verhältnisse im "neuen Deutschland" orientieren. Sie las die Nazi-Presse und aktuelle Publikationen, hörte den Reichdeutschen Rundfunk und kam mit vielen Flüchtlingen ins Gespräch. Gestützt auf diese Quelle hat sie 1938 und 1939 zehn Porträts von Zeitgenossen in einer kleinen süddeutschen Bischofs- und Universitätsstadt entworfen und sie 1940 in London und New York auf Englisch veröffentlicht. Jetzt liegt das kleine Buch erstmals in deutscher Rückübersetzung vor - da das Original verloren gegangen ist.

Es sind teils typische, teils anrührende, teils auch ungemein humorvolle Skizzen von Menschen, die sich meist angepasst haben, schließlich aber doch in Konflikt mit dem Regime geraten: Ein Fabrikant macht zwar gute Geschäfte mit der Rüstungswirtschaft, ärgert sich aber über staatliche Bevormundung. Als er sich in eine Sekretärin verliebt und von ihr erfährt, dass sie Halbjüdin ist, beendet er nicht nur die Beziehung, sondern entlässt sie vorsichtshalber auch noch.

Mitschuld und Reue

Ein an die kleine evangelische Gemeinde der katholischen Stadt strafversetzter Pfarrer hält am Buß- und Bettag eine mutige Predigt und bekennt seine und seiner Kirche Mitschuld "an allem, was geschehen ist, was uns mit Schrecken und Sorge erfüllt. Unsere Pflicht ? wird es sein zu bereuen, die Vergebung Gottes für uns, für unser so tief in der Sünde versunkenes Volk und für die Kirche zu erbitten, die sich so weit von der Botschaft des Evangeliums entfernt hat." Als Zeichen des eigenen Sündenfalls lässt er die Kerzen löschen. Wie zu erwarten, wird der Pfarrer verhaftet, kann aber auf abenteuerliche Weise aus der Haft fliehen und erreicht die sichere Schweiz.

Das eindrucksvollste Porträt gelingt Erika Mann mit der Schilderung der Vorlesung eines konservativen Professors des öffentlichen Rechts, der durch bloße nachdrückliche Hervorhebung von Zitaten des Nazi-Justizministers, des Staatssekretärs Josef Freisler und des Verfassers des "Verfassungsrechts des Großdeutschen Reiches" Ernst Rudolph Huber seinen aufmerksamen Studenten einen Eindruck von der Inhumanität der NS-Justiz vermittelt.

"Recht ist, was Deutschland nützt"

Der Jura-Professor beginnt mit dem Fall, bei dem ein unbescholtener Jude zufällig in der Nähe des Tatopfers wohnt und kein Alibi vorweisen kann. Auf die Frage "wie würden Sie entscheiden?" gibt der Professor gleich die richtige Antwort: "Ihr Plädoyer muss so ausfallen, dass jeder Geschworene es als gefährlich für sich und seine Familie ansehen muss, die Anklage fallen zu lassen."

Die zentrale These des Lehrbuchs von Huber könne man so zusammenfassen: "Die juristische Tradition, die Deutschland im 19. Jahrhundert mitbegründet hat, wird samt und sonders über Bord geworfen. Die Volkssouveränität, die der große Deutsche Johannes Althusius einst als unveräußerlich bezeichnet hat, geht über Bord. Der Staat ist allmächtig ?, die Autorität seiner Forderungen ist totalitär in jedem Lebensbereich durchzusetzen." Die Maxime laute: "Recht ist, was dem deutschen Volke nützt."

Eine anrührende Geschichte erzählt Mann in den Kapiteln acht und neun. Ein junger Seemann besucht in New York die Versammlung antifaschistischer Seeleute, wird denunziert und in Hamburg ermordet. Ein Freund des Toten überbringt gemeinsam mit der Nachricht ein Päckchen Kaffee, das der Matrose in den USA für seine Mutter gekauft hatte. Sie erleidet einen Schlaganfall, als sie vom Tode des Sohns erfährt.

Der jüngere Sohn bringt sie in die Klinik, wo Geheimrat Scherbach sie aufnimmt. Als er vom Schicksal der Todkranken erfährt, verhilft er ihr durch eine Überdosis Morphium zu einem sanften Tod. Zuvor verspricht er ihr, sich um den jüngeren Sohn zu kümmern und ihn etwas Anständiges lernen zu lassen. Entspannt und dankbar schläft die Mutter ein. Nebenbei erfährt man, dass der Jura-Professor, der die NS-Justiz so anschaulich und abschreckend präsentiert hat, seinen Lehrstuhl verliert. Und auch der am Verfall der ärztlichen Versorgung und der ideologisch deformierenden Ausbildung junger Mediziner verzweifelnde Chefarzt dürfte seine Stellung nicht mehr lange behaupten.

Auch wenn Erika Mann "Geschichten" erzählt und keine Reportage, vermittelt ihr Buch ein ungemein lebendiges und realistisches Bild des Zustands von Menschen in der bedrückenden Erwartung des drohenden Krieges und in schlecht verdrängter Angst vor der Gestapo. Als Beitrag zur Alltagsgeschichte des "Dritten Reiches" verdient es, aufmerksam gelesen zu werden.

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