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Kerstin S. Jobst: „Geschichte der Ukraine“ – Vertrieben aus Mitteleuropa

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Von: Christian Thomas

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Die Staatsmacht und die Menschenmenge: vor dem Parlament in Kiew während der „Orangenen Revolution“ 2004.
Die Staatsmacht und die Menschenmenge: vor dem Parlament in Kiew während der „Orangenen Revolution“ 2004. © Sergey Supinski/afp

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (12): Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“.

Ein Blick auf die Landkarten unserer Tage genügt, um sich von Europa ein Bild zu machen. Damit auch eines von Mitteleuropa und seinen Grenzen? Wie sehr dieser Raum seit seiner Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg, nach 1918 ein Kontinent der „wandernden Grenzen“ (der einzigartige mitteleuropäische Schriftsteller Joseph Roth) gewesen ist, hat brutal die Ukraine erfahren, extrem brutal. Ob durch die Bolschewiki, den Stalinismus, während der UdSSR – oder durch einen weiteren Verbrecher, Wladimir Putin.

Wenn Kerstin S. Jobst in ihrer „Geschichte der Ukraine“ auf dessen Vernichtungskrieg seit dem 24. Februar 2022 zu sprechen kommt, dann auf ein Kapitel der ukrainischen Geschichte innerhalb ihrer Gewaltgeschichte seit dem Mittelalter. Zynisch gesagt, hat es Tradition, wenn Putin der immer schon unterdrückten Ukraine die Eigenstaatlichkeit abspricht. Dieses Kalkül ging auch deswegen auf, weil die Ukraine im Laufe der vergangenen Jahrzehnte aus der Wahrnehmung des „Westens“ herausgefallen war. Das Land, über Jahrhunderte Europa zugehörig, „Grenzland“, wie der Name sagt, und doch kulturell, ethnisch, auch religiös ein Teil Mitteleuropas, wurde randständig. Sicherlich verschuldet durch die geopolitische Konfrontation, denn der Eiserne Vorhang war nicht etwa eine reaktionäre Projektion, sondern ein realsozialistisches Projekt, löste sich die Vorstellung von der Ukraine zunehmend auf.

Eine Terra incognita für Jahrzehnte, wie Jobst anficht. Um tiefer zu schürfen, ausdrücklich verweisend auf solche Diskurse, wie sie vor 300 Jahren ausgerechnet die Aufklärung zu führen begann. Zu ihrer „Erfindung Osteuropas“ gehörte die nicht nur geografische Abkoppelung der Ukraine von Mitteleuropa, womit Jobst auf Debatten der letzten 40 Jahre zurückgreift. Umso energischer die Losung von der „Rückkehr der Ukraine nach Europa“, 2004, durch die „Orangene Revolution“.

Soeben ist Jobsts Darstellung in einer „aktualisierten und erweiterten Neuausgabe“ erschienen, der dritten nach 2010 und 2015. Tatsächlich handelt es sich bei der Aktualisierung um eine Erweiterung mit einem Vorwort und einem Schlusskapitel, so dass sich ein Satz wie der von 2015, der ukrainische Staat befinde sich „gegenwärtig“ in der „schwierigsten Situation seit Erlangung seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991“ anachronistisch liest. Auch wäre ein Register in diesem gleichermaßen kompakten wie begriffsstarken Buch eine Orientierungshilfe, zumal in einer Reihe, die den Reclam-Titel „Sachbuch premium“ trägt – und dabei die Preisexplosion nicht etwa anderen Branchen überlässt. Jobsts griffige Analyse, die auf dem geistigen Energiesektor 2015 noch für 7,60 Euro bezogen werden konnte, kostet – um 20 Seiten erweitert – im Herbst 2022 12,80 Euro.

Jobst analysiert eine ewige Gegnerschaft entlang einer unversöhnlichen Frontlinie: „Ukrainischerseits gab es bereits im Zarenreich gegen die These einer exklusiv-russischen Rus’ mindestens so viel Widerstand wie gegen jene, bei Ukrainern handele es sich nicht um eine eigene Nationalität, sondern allein um die kleineren Brüder der Großrussen.“ Es blieb nicht bei einem Historikerstreit, das Zarenreich stützte seine historischen Lesarten ebenso wie seine hanebüchenen Legenden auf die Machtmittel seiner Bürokratie und die Gewalt seiner Waffen. Ein geradezu toxischer Konfliktstoff war die Sprachenfrage, denn im Russischen Reich wurde das Ukrainische drakonisch unterdrückt. Umso gewichtiger das Kapitel, das durch die ukrainische Nationaldichtung im 19. Jahrhundert geschrieben wurde, angefangen mit Taras Schewtschenko, einer singulären Bezugsgröße bis heute.

Hochfliegend waren auch die Pläne, die sich mit der Losung „sobornist“ verbanden, der Vereinigung aller Ukrainer in einem Nationalstaat, einem politischen Programm 1919/20, unter Bürgerkriegsbedingungen. Die Befriedungsstrategie scheiterte in den Monaten des Ausnahmezustands an alten Ressentiments: Großrussen gegen Vertreter der Habsburger Monarchie, nationalbewusste Ukrainer gegen solche aus Polen, Rote Armee gegen Weiße Garden, Bolschewiki gegen Faschisten: allein die politische Frontstellung fand auf dem Territorium ein Schlachtfeld, eine Lagerbildung, die die Ukraine bis heute prägt.

Die Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Kerstin J. Jobst. Geschichte der Ukraine. Reclam Verlag, erweiterte Neuauflage 2022. 296 S., 12,80 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“, Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“, Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, Oksana Sabuschkos „Schwestern“, Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“, Andreas Kappelers „Die Kosaken“, Vladimir Jabotinskys „Die Fünf“ und Serhij Zhadans „Internat“.

Das 13. Buch wird Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“ sein.

Von krassen Widersprüchen geprägt die ukrainische Geschichte, auch weil die Ukraine immer eine Kontaktzone, als Kulturkorridor zwischen Ost und West zugleich eine Konfliktzone war, Kriegsschauplatz. Die Bevölkerung wurde Opfer des Terrors und des Massenmordes durch den Stalinismus und den Nationalsozialismus. Mit Blick auf das ideologisch und infam umkämpfte Terrain der Erinnerungskultur, im Spannungsfeld von „verbrecherischen Verstrickungen“ und einem „moralisch nicht zu verurteilenden Überlebenswillen“, kommt Jobst mehrfach auf die unhaltbare Verklärung des zum Widerstandskämpfer verklärten Verbrechers Stepan Bandera zu sprechen. Das Eingeständnis der Kollaboration und damit die Beteiligung zahlloser Ukrainer an der Shoa wird als ein entweder massiv ignoriertes oder vehement in Abrede gestellte Kapitel einer „stark fragmentierten Erinnerungskultur“ unter dem Diktat einer „offiziellen Gedächtnispolitik“ nicht nur zu Sowjetzeiten rekonstruiert.

Umso wichtiger die vielstimmige ukrainische Literatur als eine Aneignungsoffensive des lange Verdrängten, des Verfemten nicht zuletzt. Lesenswert ebenso Jobsts Hinweise auf eine neue, in der Tat Ton angebende Schlager- und Pop-Produktion, wie trivial auch immer. Als Ausdruck einer starken Politisierung entwickelte sich der ukrainische Pop als so selbstbewusste wie populistische Antwort auf Putins großrussische Propagandaoffensive.

So dominant für die Jahrhunderte andauernde Entwicklung der Ukraine der „russische Faktor“, an erster Stelle als Machtfaktor, so stark prägend auch zweitens der polnische, unübersehbar stets der Bezug nach Europa – als „Grenzland, als Durchgangsland“. Kompakt dennoch die Arroganz in Brüssel, in Berlin und in Washington, mit der die Ukraine „auf Distanz“ gehalten wurde. Aus heutiger Sicht war es ein massiver geostrategischer Fehler im Kanzleramt und im Weißen Haus, im Konrad-Adenauer-Haus nicht anders als im Willy-Brandt-Haus. Hier wie dort, so darf man schlussfolgern, wurde die Ukraine vertrieben aus Mitteleuropa.

Jobst macht keinen Hehl daraus, dass die Ukraine vor dem 24. Februar 2022 „Merkmale einer defekten Demokratie besaß“. Doch trotz Korruption und der Willkür von Oligarchen behauptete sie ein parlamentarisches System mit freien Wahlen und mehrfachen Präsidentenwechseln. In der Regierung saßen keine Nazis, die Presse nahm ihre Aufgabe als vierte Gewalt wahr. Und doch bilden die „ukrainischen Länder“ (Jobst) ein „geteiltes Land“, das bis heute von einer tiefen Spaltung geprägt ist entlang nicht nur politischer Überzeugungen, sondern ethnischer und religiöser Differenzen, kultureller Traditionen – sowie durch zwei Sprachen.

Zusammen eine Heterogenität, in der Putin einen Sprengstoff wähnte – um sich zu verkalkulieren. Konfrontiert mit „den russischen Kriegsverbrechen rückt das Land also so eng zusammen wie niemals zuvor“. Ein Zusammenhalt, auch der eine Verpflichtung für Europa.

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