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Jack Kerouacs Arbeitsschuhe in einer Ausstellung in New York.

Anthony McCarten: "Jack"

Kerouacs Tochter

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Der neuseeländische Autor Anthony McCarten legt den ausgefuchsten, pseudobiografischen Roman „Jack“ vor, der vor allem von seiner seltsamen Erzählerin lebt.

Das muss etwas bedeuten, wenn Anthony McCarten in seinem neuen Roman „Jack“ gleich zweimal dasselbe Zitat von Jean Genet platziert. Das erste Mal ist es Jack Kerouac (1922–1969), der Beat-Poet, der einer Besucherin diese Lesefrucht überreicht: „Nichts könnte mir unähnlicher sein als ich selbst.“ Das zweite Mal sagt es eben diese Besucherin selbst, als wäre auch sie eine Genet-Expertin: „Nichts könnte mir unähnlicher sein als ich selbst.“ Tatsächlich treibt die Frage nach dem eigenen Ich, die dieses Zitat aufwirft, die Hauptfiguren des Romans um – Jack Kerouac, den Schriftsteller, und Jan Weintraub, die junge Literaturwissenschaftlerin, die ihn verehrt und besucht und dann mit einer sehr starken Behauptung an sich bindet. Jack und Jan sind für eine kurze Weile Partner und Gegner in einem Spiel der Identitäten.

Indem McCarten diese Jan Weintraub auf die Reise schickt, damit sie eine autorisierte Biografie des Schriftstellers schreiben kann, macht sich der neuseeländische Autor selbst daran, dem Autor auf den Grund zu gehen. Und wie Jan verehrt auch McCarten diesen Mann: „Von Kerouac lernte ich zu schreiben“, sagt er anlässlich der Veröffentlichung dieses Romans. „Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen.“ Vermutlich könnte McCarten wie die Romanfigur behaupten: „Ich weiß alles über diesen Mann, diesen großen Schriftsteller.“

Tatsächlich lernen wir Kerouac in „Jack“ ein wenig näher kennen. Vor allem die Geschichte seines Kultbuches „On the Road“, das 1957 in den USA im Original und zwei Jahre später unter dem Titel „Unterwegs“ auf Deutsch erschienen ist. Dieser Roman vom ewigen Unterwegssein ist eine faszinierende Metapher für das Leben: „Der Name Jack Kerouac und der seines Helden Dean Moriarty verschmolzen zu einem einzigen für alle jungen Leute, die gegen die Langeweile und die erdrückende Moral ihrer Nachkriegseltern ankämpften.“

Doch die eifrige Wissenschaftlerin interessiert hier zunächst, dass Kerouac seine Erlebnisse mit dem Freund Neil Cassady ausgeschlachtet und diesen dann im Stich gelassen habe. Demnach versagte der Autor seine Unterstützung, als Cassady im Gefängnis landete, nachdem die Polizei durch das Buch auf dessen Drogenkonsum aufmerksam geworden war. Dann ignorierte er Cassadys Versuche, dem Bild zu entsprechen, das sich junge Fans aufgrund der Lektüre von ihm gemacht hatten: Sex, Drugs and on the road. Der Freund von einst hätte Hilfe dringend nötig gehabt.

Cassady starb 1968 in Mexiko. Das ist das Jahr, in dem Jan Weintraub „gewissermaßen im Dienst der Geschichtsschreibung“ Jack Kerouac in Florida aufspürt. Sie konfrontiert den alkoholkranken alten Mann mit ihren Vorwürfen. Was in die jugendbewegte Zeit der 68er passt, als den Altvorderen auf den Zahn gefühlt wurde. Doch Kerouac weicht erst einmal aus: „Sie wollen mir was anhängen. Mich zum Sündenbock machen! Genau wie all die anderen!“

Danach verschafft sich Weintraub heimlich Zugang zu der umfangreichen Korrespondenz, die Kerouac im Schlafzimmer aufbewahrt hat. Darunter sind Briefe der berühmten Kollegen, aber auch Durchschläge eigener Schreiben – „American letters“ lautet der Originaltitel. Jan fasst zusammen: „Ich war auf eine Goldader gestoßen.“

Sie entdeckt nicht nur kostbares Material für die Biografie. Auch stößt sie auf einen Brief, den sie auf ihr eigenes Leben bezieht. Just in diesem Moment, beim Durchstöbern der fremden Post, wird die Frau vom Dichter auf frischer Tat ertappt. Sie bleibt cool und überrascht Kerouac mit der Behauptung: „Ich bin Ihre Tochter.“ Wer? Sie sei Janet Haverty, Spross aus der zweiten Ehe mit Joan Haverty. Ein Brief von 1950, gerade im Archivschrank gefunden, bestätige dies.

Das könnte stimmen. Muss es aber nicht. Immerhin bemerkt Kerouac Ähnlichkeiten. Und Jan frohlockt. Plötzlich ist sie kein Niemand mehr, sondern eine Person mit ordentlicher Biografie. Doch dann hat Petey seinen Auftritt. Kerouacs Neffe, frisch heimgekehrt aus Vietnam, steckt nicht nur voller Adrenalin, sondern auch voller Skepsis. Der lässt er freien Lauf. Es wird nicht mehr lange dauern, dann nimmt der Roman eine weitere Wendung.

Das Lesevergnügen lebt vor allem von der bizarren, offenbar keiner realen Person nachempfundenen Hauptfigur. Jans Geschichte, aus ihrer Perspektive erzählt, ist psychologisch originell gezeichnet. Das geschieht so zügig und wohl konstruiert, wie man es von einem ausgefuchsten Erzähler wie McCarten erwartet, der auch ein sehr erfolgreicher Drehbuchschreiber ist. Von ihm stammt unter anderem das Script zum Churchill-Film „Die dunkelste Stunde“. Biografien in der Fiktion zu ergründen, ist McCartens Leidenschaft. Stephen Hawkings war schon an der Reihe, und demnächst folgen die Päpste Benedikt und Franziskus sowie die Pop-Päpste Freddie Mercury und John Lennon.

Aber selbstverständlich ist „Jack“ ein Roman und kein Sachbuch über den Romancier der Beat-Generation. Vor einem solchen Versuch hatte schon F. Scott Fitzgerald – ganz grundsätzlich – gewarnt. Anthony McCarten zitiert den großen Kollegen mit diesen Worten: „Von einem guten Romanschriftsteller hat es noch nie eine gute Biografie gegeben. Kann es nicht geben. Es stecken zu viele Menschen in ihm, wenn er wirklich gut ist.“ Und Jack war, das bestätigt uns Jan Weintraub beziehungsweise Janet Haverty, „ein sehr guter Schriftsteller.“ Nach dieser Logik also einer mit besonders vielen Identitäten.

Trotzdem ist dieser Roman auch eine Hommage an Jack Kerouac – und zwar eine differenzierte. Dem Werk fügt McCarten keinen Kratzer bei. Aber dem Menschen kann und will er keinen Heiligenschein aufsetzen. Legende hin oder her. Ja, mit diesem Jack Kerouac, wie er in McCartens Buche steht, möchte man nicht unbedingt im Auto unterwegs sein.

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