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Kent Haruf „Ein Sohn der Stadt“: Der Mann, auf den sie reinfielen

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Von: Petra Pluwatsch

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Auf den Spuren des Lebens auf dem Lande.
Auf den Spuren des Lebens auf dem Lande. © Joe Raedle/AFP

Neues aus Holt: Auch Kent Harufs Roman „Ein Sohn der Stadt“ führt in die unglaublich interessante Provinz von Colorado.

Jack Burdettte ist ein unangenehmer Mensch von Kindheit an. Zu laut, zu herrisch, zu selbstverliebt. Zu verwöhnt von einem überforderten Elternpaar. Seine Lehrer fürchten den renitenten Schüler, der kommt und geht, wann es ihm passt. Die anderen in der Klasse bewundern ihn wegen seiner großen Klappe. Seine Freundin Wanda Jo, eine Kleinstadtschönheit mit rotblonden Haaren, betet ihn an. Schon bald macht Burdette Karriere: Erst als gefeierter Footballstar an der High School, später als Manager der örtlichen Farmer-Kooperative – ein hochgeachteter „Sohn der Stadt“, so der Titel von Kent Harufs fünftem, posthum ins Deutsche übersetzten Roman.

Der Kosmos des amerikanischen Autors, der 2014 verstarb, ist seit je die fiktive Kleinstadt Holt, ein verlorenes Nest, eingebettet in die endlosen Weiden und Felder Colorados. Hier, zwischen den wenigen Bars, Kneipen und Kramläden, auf abgelegenen Farmen und in engen Vorstadthäusern spielt das Leben. Der Frauenverein trifft sich zum Bridgespielen und zum Nachmittagstee. Die Männer hängen am Wochenende am Tresen des „Legion“ oder in der Kneipe an der Mainstreet ab.

In Holt bittet die 70-jährige Addie ihren verwitweten Nachbarn Louis, bei ihr zu schlafen, damit sie nachts nicht so allein ist. Und beschwört damit einen Skandal herauf („Unsere Seelen bei Nacht“). In Holt erlebt Dad Lewis seinen letzten Sommer und nimmt Abschied von einem Ort, in dem er bald 80 Jahre gelebt hat („Kostbare Tage“). Kent Harufs Romane sind kleine Meisterstücke über das Leben in der amerikanischen Provinz. Keines seiner Bücher umfasst mehr als 300 Seiten, doch das genügt, um den Menschen jenseits der Großstädte ein Denkmal zu setzen.

Das Buch:

Kent Haruf: Ein Sohn der Stadt. Roman. A. d. Engl. v. pocio u. Roberto de Hollanda. Diogenes 2021. 284 S., 24 Euro.

Wo ist das Geld geblieben?

In „Ein Sohn der Stadt“ geht der Autor zurück in die 1960er, 1970er Jahre. Burdette ist seit acht Monaten Chef der örtlichen Kooperative, als er von einer Tagung in Tulsa als verheirateter Mann zurückkommt. Jessie Miller ist bei der überstürzten Heirat erst 21 Jahre alt, nie wird sie sich hier einleben können. Schnell hintereinander werden zwei Söhne geboren. Als Jessie ein drittes Mal schwanger ist, verschwindet Burdette spurlos – und mit ihm das Geld der Kooperative. Acht Jahre vergehen, bis er wieder auftaucht, fett geworden, alt und fast kahlköpfig. Wo er sich in diesen acht Jahren versteckt hat, bleibt ebenso sein Geheimnis wie der Verbleib des gestohlenen Geldes.

Schon bald zieht der einstige Sonnyboy den Zorn der Menschen in Holt auf sich. Der Sheriff buchtet ihn ein, und auch Jessie will nichts mehr von ihm wissen. Sie hat längst einen anderen Partner gefunden: Pat Arbuckle, den Herausgeber des „Mercury Holt“ und Ich-Erzähler des Buches.

Haruf schildert einen Mann, der an seiner Selbstüberschätzung und nicht zuletzt am Leben in der amerikanischen Provinz scheitert. Nur in einer Stadt wie Holt konnte einer wie Burdette glauben, ein ganz Großer zu sein. Und wohl nur in Holt konnte man einem wie ihm auf den Leim gehen.

„Ein Sohn der Stadt“ ist gewiss nicht Harufs bestes Werk. Dafür fehlen ihm stellenweise die erzählerische Finesse und die Wortgewalt der Vorgängerromane. Vor allem der Ich-Erzähler bleibt seltsam blass, und einige wenige Passagen lesen sich fast wie Nachrichtentexte. Dafür punktet „Ein Sohn der Stadt“ mit einer spannungsreichen und starken Geschichte aus Holt, dem Städtchen, über das man gar nicht genug erzählen kann.

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