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Michael Wildenhains süffiger Roman aus dem geteilten Berlin

Von STEPHAN REINHARDT

Russisch Brot ist ein dunkelbraunes, süßes Gebäck aus Buchstaben, das in Michael Wildenhains gleichnamigem Roman dem Protagonisten und Ich-Erzähler Joachim Gabriel Rößler besonders gut schmeckt. Wildenhain, mit seinen Romanen zum beispiel k., Die kalte Haut der Stadt und Erste Liebe Deutscher Herbst ein literarischer Chronist der linken Protestszene Berlins, führt uns in die sechziger Jahre, als die gerade gebaute Mauer Familien zerreißt und erst einige Jahre später durch die Passierscheinabkommen wieder wenigstens Besuche von West nach Ost möglich werden. Der Ich-Erzähler Joachim, dessen schwerkriegsbeschädigter Vater und seine Mutter Inka, die in der DDR "Schwierigkeiten" bekam und geflohen ist, leben im Westteil, der Großvater und dessen Anhang im Ostteil, in einer Schöneweider Laubenkolonie.

Wildenhain porträtiert genau und detailgesättigt Orte, Milieus und Besonderheiten der geteilten Frontstadt: das Laubenpieper-Dasein in Schöneweide, vermodernde Kriegsbunker, die Gerüche Ostberlins, die sich zusammensetzen aus "verbrannter Braunkohle und den in Ostberlin benutzten Reinigungsmitteln", schließlich die entnervende Prozedur der Grenzkontrolle am S-Bahnhof Friedrichstraße mit engen Sperrholzkabinen für Leibesvisitationen. Noch immer - und für lange Zeit noch - sind in Berlin die Spuren des Krieges zu beobachten, auch bei den Rößlers im Westteil. Etliche im Körper des Vaters wandernde und eiternde Granatsplitter, die zu seinem frühen Tod führen; von Bomben herrührende Risse im Putz des Treppenhauses; die knarrende Prothese des Lehrers: "Dem Lehrer fehlt ein Arm. Er wippt auf den Ballen. Hin und wieder knackt er mit der Holzprothese, indem er sie mit der gesunden Hand umfasst und zu sich heranzieht."

Mit Sympathie schildert Wildenhain seine Miljöhs: Während die Mutter am Küchentisch das knappe Geld dreht und wendet und im Radio "Die Schlager der Woche" hört, ist unten auf der Straße der Leierkastenmann zu vernehmen. Ihm wirft die Mutter drei Groschen hinunter, eingepackt in Zeitungspapier. Der Autor skizziert den sozialen und politischen Alltag Berlins. In S- und U-Bahn ist die Reklame zu lesen: "Und der Orje fragt den Kulle/ haste noch 'ne Paechbrot-Stulle?" Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister, ist Gegenstand familiärer Alltagsgespräche: ",Is doch Säufer!'... ,Soll aber ooch mit seine Frauen...' ...,Warum'a nach'm Krieje bloß nu' unbedingt ma' sein falsch'n Nam' hat behalt'n müss'n..." Dazu spannt Wildenhain einen weiten historischen Bogen. Er lässt den Großvater von der französischen Kriegsgefangenschaft Ende des Ersten Weltkrieges erzählen und davon, wie der im Zweiten Weltkrieg als Mitglied einer Widerstandsgruppe verhaftet wurde. Breit wird das Kriegende geschildert. Als die teilweise evakuierte Familie zwischen russischen Panzern und Fahrzeugen wieder nach Berlin zurückkehrt, ist sie Grausamkeiten des Krieges ausgesetzt: Tieffliegern, Vergewaltigungen. Erschütternd der Bericht: Wie die Großmutter, um ihre Töchter zu schützen, eine "Beziehung" mit einem sowjetischen Major eingeht und wie sich später ihre Lebensspur nach einer Massenvergewaltigung verliert.

Der unbekannte Mann

Wildenhain hat, um den Realismus seiner Geschichte aufzubrechen und die Spannung zu steigern, von Anfang an einen Liebhaber der Mutter, einen frühen Jugendfreund, ins Spiel gebracht. Erzählökonomisch erweist sich das als wenig vorteilhaft. Denn immer wieder lässt Wildenhain den heranwachsenden Joachim - aus dessen Altersperspektive erzählt wird - auf den "unbekannten Mann" treffen: Zum Beispiel als er mit dem Vater von einer Reise zurückkehrt, beim Geburtstagsfest des Großvaters in der Schöneweider Laube oder danach mit der Mutter im angrenzenden Weltkriegsbunker. Längst wissen aber sowohl Joachim als auch der Leser, dass "der Mann" der Konkurrent des Vaters ist. Auf der vorletzten Romanzeile dann die überfällige und damit auch überflüssige Frage des Jungen: "Sind Sie mein Vater?" Dennoch: Michael Wildenhains Roman Russisch Brot lebt von etlichen eindringlichen, pointiert erzählten Bildern. Von der Empathie eines ganz und gar unzynischen Erzählers für seine Figuren.

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