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Roman

Kennen Sie Professor Garba Huntingawbe?

Abdourahman A. Waberi lacht schallend über "Die Vereinigten Staaten von Afrika", denn dort regiert der Wohlstand: Sein Roman lebt von der satirischen Umkehrung.

Von MARTIN ZÄHRINGER

Wer ein Buch mit dem Titel "In den Vereinigten Staaten von Afrika" sieht, wird das Wort Afrika unwillkürlich zensieren und durch das Wort Amerika ersetzen. Die Vereinigten Staaten von Amerika, USA - das ist das universale Symbol der Macht, für immer vergeben und in der Welt verankert. Wenn also der kosmopolitische Abdourahman A. Waberi, 1965 im ostafrikanischen Kleinstaat Dschibuti am Horn von Afrika geboren, eine Satire schreibt, in der die Vereinigten Staaten in Afrika liegen und den Rest der Welt dominieren, dann betreibt er bewusst sein Spiel mit dem politischen Unbewussten. Das Fehllesen ist gewollt, die Zensur bedacht, die hartnäckige Korrektur folgt im Text:

"Seit im Jahre 1324 Kaiser Kankan Musa, Herrscher über das antike Reich von Mali, das heute eines der glanzvollsten Mitglieder unserer Föderation ist, während seiner Pilgerreise nach Mekka überall mit vollen Händen Gold austeilte, richten die Elenden der ganzen Welt ihre Augen auf unseren Wohlstand."

Einer dieser Elenden ist aus der Schweiz geflüchtet, und der diesem emigrierten alemannischen Zimmermann der Einfachheit halber zugewiesene Name Yacouba ist ein geradeso gemeines Spiel mit den umgekehrten Konventionen wie dessen Fluchtmotiv: die vielen Ethnien in der Schweiz überziehen sich noch immer mit Bürgerkriegen und Raubzügen und wissen nicht, ob sie sich nach italienischen, französischen oder deutschen Metropolen ausrichten sollen. Aus allen Ländern der Nordhalbkugel strömen die Flüchtlinge in diese gelobten USA(frica), und wenn dort der Professor Garba Huntingawbe für die Abschiebung von ausländischen Staatsangehörigen plädiert: "Zuerst die Illegalen, dann die Halblegalen, dann die Paralegalen und so weiter und so fort", dann dringt der Witz der Sache deutlich durch.

Waberi entfaltet in seinem schmalen Roman nicht das gesamte Staatspanorama dieser umgekehrten Welt. Er begnügt sich mit pointierten Fallbeispielen, zeichnet aber einen sorgfältig erschlossenen Index jener neuweltlich-afrikanischen Hegemonialfiktion ein. Deren Kartographie - im Sinn jenes nun angeblich weltweit schicken Konzeptes der Afrikanisierung - verweist allerdings auf konkretes Personal: von Abdullah Ibrahim, dem südafrikanischen Jazzer, bis zu Zumbi dos Palmares, Sklavenführer im 17. Jahrhundert in Brasilien. Bekanntere Namen dieser afrikanisierten Geschichte wie Nuruddin Farah, Chinua Achebe oder Nelson Mandela garnieren hier die Städte, die Straßen, Institutionen und festlichen Ereignisse der US-Africa.

Da die Satire als Roman daherkommt, gibt es eine subjektive Option. Protagonistin der neuen Welt ist Maya, eine junge Künstlerin, die als Kind aus Frankreich adoptiert wurde. Mayas Geschichte wird als Bildungsroman erzählt, was manchmal etwas ausgedehnt wird und nicht immer zur satirischen Klärung der Weltrevolution beiträgt. Aber Maya ist Kronzeugin des neuen afrikanisierten Erlebens, und sie reist: nach Paris, wo das totale Elend herrscht. Ihr dortiges Schlüsselerlebnis entspricht nun nicht mehr ganz dem satirischen Duktus, denn Maya repräsentiert ein konkretes kulturpolitisches Programm.

Die herzensgebildete junge Frau stellt die politische Frage, nach Abhilfe, klugerweise als Frage nach der Verbindung von Privatem und Politischem, zwischen individuellem Dasein und großer Geschichte: "Du kennst die Antwort, Maya. Ohne zu zögern sagst du: in Kunst und Literatur. Hierin ist also auch die Arznei zu finden: in Kunst und Literatur."

Wer die Antwort goutiert, lässt dem Autor den Stilbruch locker durchgehen und kauft seine kosmopolitischen Grundsatzthesen zum interkulturellen Literaturaustausch noch dazu: "Ein paar Guineen mehr in den Kassen der Entwicklungshilfe würden ja schon reichen, um die gesamte hohe Weltliteratur ins Französische, Englische, Deutsche, Flämische oder Italienische zu übersetzen" - denn man müsse ja lernen, sich mit den Figuren jenseits der Grenze zu identifizieren.

Grundsätzlich ist dieses dialogische Prinzip auch im karnevalesken Ansatz des Literaturtheoretikers Michail Bachtin enthalten, dessen Idee satirischer Subversion Waberis Stück offensichtlich befeuert. Die satirische Nord-Süd-Beziehung leuchtet ein - ein globaler König Karneval hat die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. "Das ambivalente Lachen des Karnevals ist ein weltanschauliches und universelles Lachen", so heißt es bei Bachtin, leider geht aus Gründen der komplexen kulturellen Codierung in der Übersetzung viel von diesem Lachen verloren. Die Satire schlägt dennoch nachhaltig durch.

Vorgestellt hat Waberi sein Verfahren bereits in einem Essay der Zeitschrift Lettre International (Heft 67/2005), "Die Vereinigten Staaten des Sahel". Bei der Gelegenheit sei erwähnt, dass man Abdourahman Waberi überhaupt als kritischen und subtilen Kenner vor allem des frankophonen Afrika wahrnehmen und ihn vom karnevalesken Kopf auf die vernünftig-kritischen Füße seiner Autorschaft stellen sollte. Die satirische Prosa kommt fast noch zu früh, aber eine überzeugende Visitenkarte ist dieses Buch allemal.

Der Autor liest am 17. März um 20.30 Uhr in Frankfurt aus seinem Buch: Die Fabrik, Mittlerer Hasenpfad 1-5.

Abdourahman A. Waberi: In den Vereinigten Staaten von Afrika. Roman. Aus dem Französischen v. Katja Meintel. Edition Nautilus, Hamburg 2008, 160 S., 16 Euro.

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