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London im Jahr 1940: Einwohner suchen im U-Bahn-Tunnel Schutz vor Bomben.

Deckname Flamingo

Wo keiner der ist, der er zu sein scheint

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Kate Atkinsons „Deckname Flamingo“ erzählt von Spionen, ist aber auch ein literarisches Spiel.

Wenn Sie eine Lüge erzählen“, so hat es Doppelagent Toby Godfrey unserer Heldin beigebracht, „erzählen Sie eine gute“. Miss Armstrong, Julia, hält sich daran, hat eigentlich überhaupt keine Mühe, sich daran zu halten. Ein Naturtalent. Mit 18 und im Jahr 1940 aber tippt sie noch Abhörprotokolle für den MI5, den britischen Inlandsgeheimdienst. Eine mühevolle und langweilige Arbeit, die oft nur zu Rumpfsätzen wie diesem führt: „Es ist schwierig, verstehen Sie, hier ist … (6 Wörter fehlen) wie genau zu überqueren (?)“. Doch bald soll die anstellige Julia nicht mehr nur lauschen und tippen, sondern selbst die sogenannte Fünfte Kolonne – britische Nazi-Sympathisanten – aushorchen. Man hängt ihr den Namen Iris Carter-Jenkins um wie ein Tarnmäntelchen, gibt ihr Ohrringe (unbedingt möge sie sie am nächsten Tag zurückbringen zum Juwelier – aber es wird schiefgehen wie auch andere Nächster-Tag-Pläne), dann wird sie bei Mrs Scaife eingeführt, in eine Salongesellschaft für glühende Hitler-Verehrerinnen. Im Obergeschoss herumschnüffelnd, muss sie einmal durchs Fenster flüchten.

Kate Atkinson: Deckname Flamingo. Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube. Droemer, München 2019. 336 S., 19,99 Euro.

Wenn Sie eine Geschichte erzählen, vergessen Sie die Komik nicht: Vermutlich musste keiner der englischen Schriftstellerin Kate Atkinson diesen Rat geben. Es ist ihr Ton – spöttisch, ironisch, manchmal scharf wie Chili – der auch ihren jüngsten Roman prägt. Man mag den schwarzhumorigen Blick auf die Welt typisch britisch nennen, er ist jedenfalls typisch für die 1951 Geborene, die sogar in ihren dunklen Weltkriegs-Romanen („Die Unvollendete“, „Glorreiche Zeiten“) comic relief einzusetzen versteht – wenn auch sparsamer als hier. Wo freilich der leichtere Ton nicht zu einem leichtgewichtigen Roman führt. „Transcription“, Abschrift, heißt dieses jüngste Buch im 2018 erschienenen Original; „Deckname Flamingo“ in der in diesen Tagen bei Droemer veröffentlichten feinen Übersetzung von Anette Grube.

Im Abspann des Romans findet sich eine Liste der benutzten Quellen, auch originale MI5-Protokolle standen Kate Atkinson zur Verfügung. In einem Nachwort erzählt sie außerdem, wie „Jack King“ den Anstoß gab für „Deckname Flamingo“, in der Realität ein Bankangestellter namens Eric Roberts, der erfolgreich faschistische Kreise infiltrierte. Sie nennt ihn Toby Godfrey und gibt ansonsten fröhlich zu, „dass ich die Geschichte auseinandernahm, um sie dann wieder fantasievoll zusammenzusetzen“. Zum Auseinandernehmen gehört auch, dass Atkinson zwischen 1940 und 1981 nicht chronologisch erzählt.

Verschieden-, bei weitem nicht nur flamingofarbige Stränge hat sie ineinander geflochten. Der eine ist der sorgsam recherchierte Weltkriegs- und Nachkriegs-Alltag. In dem jede Essenseinladung ein Grund zur Freude ist (es gibt Fleisch, wo mag das herkommen und von welchem Tier!?). In dem Kollegen bei einem Bombenangriff getötet werden. In der sich ein geliebter Hund im Bombendonner so erschreckt, dass er wegläuft und nie wieder auftaucht. In der Menschen sich als fröhlich hassplappernde Antisemiten entpuppen. Andere hineingezogen werden in Dinge, die sie das Leben kosten. Wieder andere Menschen sich schuldig fühlen – oder auch auf dem Standpunkt stehen: Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Und im Krieg ist es der ganz große Hobel. Julia trägt zur Verhaftung einiger Mitglieder der Fünften Kolonne bei. 1950, sie arbeitet mittlerweile bei der BBC, erhält sie eine Drohung: „Du wirst bezahlen für das, was du getan hast“. Kurz vorher hat sie auf der Straße Toby Godfrey nach Jahren wiedergesehen, er tat so, als kenne er sie nicht.

Ein anderer Strang ist also der einer veritablen Spionagegeschichte, in der keiner der ist, der er scheint. Oder vielleicht doch der ist, der er scheint. Oder jedenfalls manchmal der ist, der er scheint. Julia, Miss Armstrong, soll nicht nur ein Auge auf die Fünfte Kolonne, sondern später auch auf einen ihrer Chefs haben (es scheint viele zu geben, sie versteht die genaue Hackordnung ebenso wenig wie die Leserin). Alles soll sie über ihn weitererzählen, was „ungewöhnlich“ ist.

Es gibt genug davon. Zeitungen werden auf Bänken abgelegt und hastig von jemand anderem geschnappt. Hunde werden als Geisel genommen. Konspirative Wohnungen eingerichtet. Immer wieder hört Julia hinter sich ein ominöses „Tap-tap-tap“. Immer wieder fällt der Satz „Kann ich Sie verleiten?“, der ein Erkennungszeichen sein kann, dass die betreffende Person ebenfalls für den Geheimdienst arbeitet, aber auch nur die höfliche Frage, ob Miss Armstrong noch einen Drink möchte. Wie kann ein Mädchen da nicht verwirrt sein?

Kate Atkinson schert sich wenig um eine restlose Entwirrung der Spionagegeschichte um die beherzte, ein wenig naive (nun ja, sie ist anfangs 18), ziemlich romantische, dazu literaturbegeisterte Julia. Dank Letzterem – und einer listigen Autorin – kommt es zu einem weiteren, einem anspielungsreichen und metafiktionalen Strang. Julia rätselt etwa über ihren „Platz im Plot“ und das zuverlässige Auftauchen mindestens eines Hundes in jedem Buch. Und kurz vor Ende des Romans fällt der Satz: „Wir nähern uns nicht dem Ende eines Romans, Miss Armstrong.“ Die Leserin tut das aber und findet es schade.

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