Keine Lust auf die Höflingsrolle

Die Lebenserinnerungen des im Mai 2004 verstorbenen Journalisten Günter Gaus

Von RUDOLF WALTHER

"Das alles ist verloren", sagte Egon Bahr auf der Trauerfeier für den am 14. Mai 2004 verstorbenen Journalisten Günter Gaus. Bahr spielte mit dem Satz darauf an, dass die Erinnerungen, die der an Krebs Erkrankte schrieb, schon mit der Berufung zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt im November 1973 enden. Seine Zeit als erster Ständiger Vertreter der BRD in der DDR konnte er ebenso wenig beschreiben wie seine Reaktion auf den Umbruch von 1989 oder seine Gründe für den Austritt aus der SPD drei Jahre vor seinem Tod.

Das ist schade, aber unwiderruflich, denn keine noch so gute Biografie kann ersetzen, was Gaus' Erinnerungen auszeichnet: sein subjektiver Blick auf Ereignisse und Prozesse; seine elegante und präzise Darstellungskunst. Kunst? Ja, Kunst. Gaus schreibt genau so kunstvoll, wie er seine legendären Fernseh-Interviews Zur Person komponiert hat: Das Wichtigste war ihm, dass die 43 Minuten langen Interviews, an denen - mit einer Ausnahme - nachträglich nicht herumgeschnitten wurde, einen dramatischen Spannungsbogen mit Introduktion, Hauptthema und Schluss bildeten. Zwischen 1963 und 2004 produzierte Gaus auf der Grundlage minutiöser Vorbereitung über 200 Interviews; der erste Gast war Ludwig Erhard, der letzte Edelgard Buhlmahn - zwei Monate vor Gaus' Tod.

Die Lebenswelt der Großeltern

Gaus stammte aus bäuerlich-kleinbürgerlichen und protestantischen Verhältnissen in Niedersachsen. Die drei Kapitel über seine Kindheit und Jugend, eingebettet in eine Familienchronik, gehören zu den besten des Buches und zeigen in liebevollem Ton, worum es Gaus immer gegangen ist: Er mochte die schwachen und einfachen Leute, vor denen er größten Respekt hatte und für die er vorbehaltlos Partei ergriff. Das wird deutlich in der einfühlenden Art, wie er die Lebenswelt seiner Großeltern, seiner Eltern, die ein Gemüsegeschäft in Braunschweig führten, sowie seiner zahlreichen Onkel und Tanten schildert.

In subtilem Zwiegespräch mit seiner 16-jährigen Enkelin erklärt er dieser eine Welt, die längst untergegangen ist oder beschreibt die Schrecken der Bombennächte, die ihn ebenso geprägt haben wie, als 15-jähriger Gymnasiast, seine Einberufung im Januar 1944/45. In die Glossierung des damals "landläufigen Heldengedenk-Deutsch" und "Kriegsvokabulars" streut Gaus fein dosiert auch seine Kritik am starkdeutschen Polit-Slang jener Außen- und Militärpolitik, die Deutschland heute auch am Hindukusch verteidigen möchte: "Heute, übrigens, sind in Äußerungen mancher deutscher Politiker und Medienmacher erste Anklänge von Heldenrhetorik wieder zu hören. Die Normalisierung sucht ihren sprachlichen Ausdruck."

Ganz nebenher erfährt man auch, dass Gaus der Autor der Formel von der "Gnade der deutschen Geburt" ist. Ein Redenschreiber Helmut Kohls kupferte sie bei Gaus ab, bei dem sie freilich nicht als "Ablasszettel" für deutsche Verbrechen diente, sondern als selbstkritischer Hinweis darauf, dass Spätgeborene vor schwierigen Situationen wie dem Mitmarschieren im mörderischen Krieg der deutschen Wehrmacht nach Osten bewahrt wurden.

Nach dem Abitur studierte Gaus ab dem Wintersemester 1949/50 Geschichte und Theaterwissenschaft in München. Nach vier Semestern verließ er die Universität und studierte an der Journalistenschule, die Werner Friedmann, der ehemalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, in München gegründet hatte. 1952 schloss er diese Lehrzeit, die auch mit Praktika verbunden war, ab und ging mit 23 Jahren für vier Jahre als Redakteur zur Badischen Zeitung. Nach einem Zwischenspiel in Stuttgart heuerte ihn Rudolf Augstein 1958 für den Spiegel an. Die Artikel des Magazin wurden damals noch nicht namentlich gezeichnet, und das missfiel Gaus ebenso wie die "Höflings-Rolle" bei Augstein sowie der "Spiegel-Stil" mit seiner "blödsinnigen Verstiegenheit".

Nach drei Jahren verließ Gaus den Spiegel und wurde politischer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung (1961-1965). Ab 1963 begann er mit der Interviewserie Zur Person, die ihn bundesweit bekannt machte und Auszeichnungen wie den Grimme-Preis eintrug. Gaus und seine Ehefrau Erika besaßen zwar 1965 noch keinen Fernseher, aber das hinderte das Wahlgremium des Südwestfunks Baden-Baden nicht daran, ihn 1965 zum Programmdirektor für Funk und Fernsehen zu machen. Der damalige Provinzfürst Helmut Kohl half übrigens mit, dass Gaus gewählt wurde.

Begegnung mit Brandt und Wehner

Von 1966 an moderierte Gaus selbst das politische Magazin Report. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie beschreibt Gaus sein Dasein als "Hierarch" - mit Dienstwagen, Fahrer, Vorzimmer, und Sekretärinnen in einem ziemlich unübersichtlichen und bürokratischen Großbetrieb, der sich zum Beispiel leistete, 52 Mitarbeiter von Baden-Baden nach Bonn zu schicken für ein Interview mit dem Kanzler Erhard. Trotz fehlender Erfahrung gelang es Gaus, dem ZDF das Image zu nehmen, der Sender stehe vor allem für Mainz, wie es singt und lacht. Übrigens eine Veranstaltung, an der Gaus von Amts wegen drei Mal teilnehmen musste, was seine Ehefrau, die elf Umzüge quer durch die Republik "ziemlich klaglos" mitmachte, entschieden ablehnte.

Das beeindruckendste Kapitel enthält ein 30 Seiten langes Porträt Herbert Wehners, dessen Ecken und Kanten, Widersprüche und Verletzungen Gaus ohne Anbiederung, aber auch ohne Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei darstellt. 1969 kehrte Gaus für vier Jahre zum Spiegel zurück - als Chefredakteur. Es war die Zeit, als im Medienwesen in Hamburg mit der großen Kelle angerichtet wurde - Dienstlimousinen, Flüge in Privatjets und andere Schicki-Micki-Accessoires gehörten auch zu Gaus' Alltag. Aber sie verblendeten ihn ebenso wenig wie der Zugang zu Willy Brandt, für dessen Regierungserklärung unter dem Motto "Mehr Demokratie wagen" (1969) er Formulierungshilfe leistete. Gaus' Erinnerungen vermitteln einen lebendigen Einblick in die Medienwelt der fünfziger und sechziger Jahre und sind, obwohl der Autor im Mittelpunkt steht, fast völlig frei von Selbstbespiegelung und Eitelkeitspirouetten.

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