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Wyomings Grand Tetons im Abendlicht. Autor Gstrein und seine Figuren hegen eine immense Amerika-Sehnsucht.

Roman

Keine Liebe in den Bergen

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Norbert Gstreins seismografischer Gegenwarts- und Geschlechterroman „Als ich jung war“.

Wie war das noch mal mit der Liebe, was könnte mit diesem Begriff gemeint gewesen sein? Nach der Lektüre von Norbert Gstreins neuem Roman „Als ich jung war“ sind alle diesbezüglichen Gewissheiten verflogen. Denn Gstrein unternimmt mit der Präzision eines literarischen Akku-Schraubenziehers die Dekonstruktion eines offenbar altmodisch gewordenen, zumindest aber verdächtigen bis fragwürdigen Gefühls. Der Hauptteil des Romans trägt den vermeintlich harmlosen, dabei ins Maliziöse spielenden Titel „Diese Freuden“. Als sich im vorletzten Kapitel ein Paar unverhofft küsst, kommt das einer unerhörten Begebenheit gleich. Schauplatz der leidenschaftlichen Szene in einer klirrend kalten Winternacht ist ein Parkplatz in einem der sogenannten Flyover States wie Wyoming, Idaho oder Montana, die der mächtige Gebirgszug der Rocky Mountains durchzieht. Norbert Gstrein ist von dieser Gegend fasziniert und besuchte dort einen alten ausgewanderten österreichischen Skilehrer, wie er letztes Jahr in einer Rede beim Lucerne Festival ausführte.

Im bevölkerungsärmsten US-Bundesstaat Wyoming verdingt sich der Ich-Erzähler Franz provisorisch als Skilehrer, nachdem er es im heimischen Tirol nicht mehr aushielt. Der Hintergrund dieses existenziellen Unbehagens ist wie so oft bei Gstrein kriminalistisch getönt. Den Job vermittelt hat Franz’ Vater, ein Patriarch reinsten Wassers. Vater und Sohn hegen – wie der Autor selbst – eine immense, an Franz Kafkas paradiesisches „Naturtheater von Oklahoma“ erinnernde Amerika-Sehnsucht, „oder zumindest nach der Idee von Amerika, danach, immer noch einen anderen Ort auf der Welt zu haben, immer noch weggehen und neu anfangen zu können“.

„Liebe“ nur als Lexikoneintrag

Daheim in Tirol hat der namenlos bleibende Hotelier seiner Frau verboten, Hosen zu tragen und Ski zu fahren, so dass sie ihren Radius auf die Küche beschränkt und sich zum Trost heimliche Schnapsvorräte anlegt. Dieses Elend wird vor den Touristen sorgsam kaschiert, denn von Frühjahr bis Herbst richtet die Familie mit einer gewissen Gnadenlosigkeit Hochzeiten aus: „Ihr verheiratet hier doch alles und jeden.“ Dem schüchternen Halbwüchsigen Franz drückt der Vater eine Leica in die Hand. Er muss die Paare fotografieren, wobei er es als ausgesprochener Augenmensch mit „sanftem Blick“ zu einer gewissen Meisterschaft bringt: „Die Bräute haben bei dir ausgesehen, als würdest du sie lieber ins Kloster stecken, als sie ihren Männern zu überlassen, und das am schönsten Tag ihres Lebens.“

Norbert Gstrein: Als ich jung war. Roman. Carl Hanser, München 2019. 351 S., 23 Euro.

Die alpine Eingangsszenerie des Romans erweckt den Anschein, als sei der 1961 in Mils, Tirol, geborene Norbert Gstrein an den Handlungsort und zu den Themen seines frostig antiklerikalen Debüts „Einer“ aus dem Jahr 1988 zurückgekehrt. Darin kommt „Liebe“ nur als Lexikoneintrag vor, jetzt erscheint jede Hochzeit als bedrohlicher Freiheitsentzug für die Braut. „Der Fotoapparat ist ein erinnerungsträchtiges Gehäuse“, schrieb Uwe Johnson, und so ist auch „Als ich jung war“ war ein ausgesprochen visueller Text. Wie ein „drittes Auge“ wirkt das Muttermal über der Oberlippe der unglücklichen Braut Iris auf den juvenilen Fotografen, der seine besten Aufnahmen stets über einem Abgrund mit „Unendlichkeits-Panorama“ macht. In der Nacht darauf kommt Iris, die sich mit ihrem Bräutigam heftig gestritten hatte, ums Leben – hat sie sich umgebracht? Das Geheimnis der toten Braut belastet Franz’ weitere Existenz. Zudem wirft er sich vor, bei einer anderen Hochzeit eine Dreizehnjährige, deren wahres Alter er nicht kannte, gegen deren Willen geküsst zu haben. Diese mehr oder weniger kriminalistischen Ereignisse tragen ihm hartnäckige Nachstellungen eines verschrobenen Kommissars ein. Der Autor skizziert ihn als eine Mischung aus leicht trotteligem Inspektor Columbo und scharfem Bluthund, sobald er den Verdacht sexuellen Missbrauchs wittert.

Dieses moralische Gepäck beschwert den ohnehin passiven und bis zur mimetischen Verschmelzung einfühlsamen Franz auch in den vermeintlich freien Vereinigten Staaten. Selbst im stillen Wyoming trifft er kaum ein männliches Subjekt, das nicht irgendwann und irgendwie in den Verdacht geraten wäre, sich Mädchen oder Frauen gegenüber unangemessen zu verhalten. Hier zeigt sich erneut das überragende Vermögen des Romanciers Norbert Gstrein, aktuelle Stimmungen und Debatten seismographisch zu verarbeiten, ohne einen Begriff wie „MeToo“ nennen zu müssen. Zuletzt thematisierte er in „Die kommenden Jahre“ selbstironisch aus der Perspektive eines fiktiven österreichischen Schriftstellers die deutsche „Willkommenskultur“.

Nun wechseln sich gewagte Männlichkeitsentwürfe vom „Leichen-Hildebrand“, Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens, bis zu einem Haikus dichtenden Sheriff aus Kyoto mit irrlichternd schönen Schilderungen schneebedeckter Prärien, Highways und Seelenlandschaften ab. Als sich Franz platonisch in die rothaarige Eileen verliebt, eine Leserin des Western-Romanciers Louis L’Amour, besteht das Höchste der Gefühle in gemeinsamen Überlandfahrten. Eileen verschwindet spurlos, was zu einer weiteren Erosion von Franz’ Selbstentwurf führt und ihn erneut verdächtig macht. Besonders trifft ihn aber der Selbstmord seines treuesten Skischülers, eines aus Mähren stammenden Raketenphysikers, in dessen mitteleuropäisch-amerikanischer Vita er sich spiegelt. Als der Freund in voller Absicht auf Skiern gegen einen Baum rast, stellt sich postum heraus, dass der „sanfte, zurückhaltende, ja sich in allem selbst im Weg stehende Mann“ ein ganz anderer war. Eine ähnlich mysteriöse Kippfigur ist die Tiroler Ordensschwester und aggressive Feministin Antonia, unter deren Habit verschmutzte Bergstiefel hervorblitzen.

In Norbert Gstreins stets eleganter und herausfordernder „Anti-Wahrheitsprosa“ lösen sich diesmal vermeintlich geschlechtsgebundene Identitäten und Verhaltensmuster bis hin zur Karikatur auf. Von Louis L’Amour, der um die hundert Werke à la „Mustang Man“ verfasste, borgte sich der Autor augenzwinkernd das Motto für seinen Roman: „A lot remained to be explained.“ Das trifft exakt dieses flirrend überbelichtete und gerade deshalb so eindrückliche Porträt unserer zur Hysterie neigenden Gegenwart.

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