+
Schriftsteller an Bord? Möglich wär's.

Bodo Kirchhoff

Keine Kreuzfahrt

Schön für ihn, nicht so sehr für seine Leserinnen und Leser: Schriftsteller Bodo Kirchhoff entspannt sich mit einer langen Kreuzfahrt-Absage.

Sollte es sich hier um das Offene-Türen-Problem handeln? Sollte der Kern der Schwierigkeit in „diesem leicht Bitteren“ liegen, das „bisher von keiner noch so guten Fotografin und schon gar nicht von Männern mit einer Kamera zum Verschwinden gebracht“ wurde? „Mal taucht es um den Mund auf, mal in den Augen oder auf der Stirn ... .“ Hat der Autor eine Konstruktionsentscheidung getroffen, mit der er sich selbst, aber nicht allen seinen Leserinnen und Lesern einen Gefallen tut?

Das Offene-Türen-Problem. Es ist ein doller Einfall, einen Schriftsteller als Author-in-Residence auf eine Kreuzfahrt einzuladen. Ein normaler Dichter kann eine solche Einladung schwerlich annehmen, an die – Bodo Kirchhoff schildert es glaubhaft – zahlreiche Bedingungen verknüpft sind, darunter ein allgemein entgegenkommendes Auftreten gegenüber den Mitreisenden sowie eine Einbindung des Autors in das Animationsprogramm. Der Irrwitz ist aber so offensichtlich, ebenso der Graus einer Kreuzfahrt, sofern man kein beinharter Kreuzfahrer ist, dass sich darüber kaum drei Worte verlieren lassen, noch weniger 126 Seiten.

Außer der Autor träte die Reise an. Das tut er jedoch nicht. Stattdessen begründet sie in einem 126 Seiten langen Schreiben an eine Mitarbeiterin der Reederei seine (mutmaßliche) Absage. Susanne Faber-Eschenbach heißt die Mitarbeiterin. Der Autor ist schon in den Namen fast verknallt und überhaupt etwas unkonzentriert.

Führt uns Bodo Kirchhoff an der Nase herum?

„Dieses leicht Bittere“. Es ist nicht das erste Mal, dass die Frage erfreulicher-, aber auch strapaziöserweise offen bleibt, ob Bodo Kirchhoff uns an der Nase herumführt: uns, die wir womöglich doch nicht so lupenrein zwischen Autor und Erzähler unterscheiden können, wie es die Deutschlehrerin uns beizubringen versuchte. „Dieses leicht Bittere“ führt dabei in Versuchung, denn ja, da ist es wieder auf dem hübschen Klappenfoto zu betrachten. Es ist aber nicht nur zu betrachten, es ist auch zu lesen.

Der Schriftsteller, der in Bodo Kirchhoffs neuem Buch „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ ausführt, weshalb er die Einladung (voraussichtlich) nicht annehmen wird, ist ein am korrekten Konjunktiv II, an schönen schlanken Frauen, an flotten Autos und an einem gepflegten Äußeren interessierter Mann. Dumme Fragen von Moderatorinnen (mit Schmollmund, nein, Schmollmündchen) gehen ihm auf die Nerven, dünne Hotelwände noch mehr. Die jungen Mitarbeiterinnen seines Verlags müssen das bei Lesereisen vorab klären, er aber hört trotzdem Gestöhn von nebenan. Er ist selbst extrem unverheiratet, wie er im Zuge des zunehmend flirtiven Tonfalls gegenüber Frau Faber-Eschenbach hervorhebt.

Wenn er auf Kafkas „Auf der Galerie“ anspielt, rät er ihr allerdings, das im Zweifel zu googeln (Kafka & Galerie). Das ist einer der Momente, in denen man vor sich sieht, wie Susanne Faber-Eschenbach mit den Augen rollt, und in denen die Gratwanderung zwischen leichter Ironie und schlecht gelaunter Gönnerhaftigkeit dermaßen zugunsten schlecht gelaunter Gönnerhaftigkeit kippt, dass es einem Schriftsteller an sich nicht entgehen kann.

Der Mann in Kirchhoffs neuem Buch ist ihm also ähnlich (trotz des extremen Unverheiratetseins), aber er geht einem auf den Geist, aber das könnte Kirchhoffs Plan sein: Einem ihm ähnlichen, dabei jedoch wenig sympathischen, selbstgefälligen, mit einem behäbigen, sardonischen Humor ausgestatteten Autor das Wort zu überlassen, der überall Dummheit, Ironie und Irrsinn findet, nur nicht in den eigenen Worten. Und keiner, der ihm widersprechen kann. Das wäre kühn, aber auch sehr subtil.

Die Konstruktionsentscheidung. Es wäre gewiss ein witzigeres Buch geworden, wenn der Erzähler die Kreuzfahrt angetreten hätte. Allerdings hat es das bereits gegeben. „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ von Frank Schulz zum Beispiel. Viets ist Privatdetektiv, aber Schulz reiste probeweise selbst. Oder „In 180 Tagen um die Welt“ von Matthias Politycki. Seine Figur ist Beamter, aber Politycki war „Schiffsschreiber“ auf der MS Europa. Das kommt der Sache schon ziemlich nah. Aber auch diesen Geschichten fiel es schwer zu überraschen. Eine Kreuzfahrt ist leichte Beute.

Eine Kreuzfahrt ist leichte Beute

Jan Brandt, der im Literaturbetriebsroman „Tod in Turin“ eben nicht nur die anderen, sondern vor allem sich selbst auf die Schippe nahm, würde einen in dieser Lage interessieren. Oder Brigitte Kronauer, der (in „Zwei schwarze Jäger“) die weltbeste Erzählung einer gruseligen Lesung gelang. „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ hingegen wird erst bei der eine Spur faden Pointe interessant – eben deshalb, weil sie fad ist, man wird direkt neugierig –, aber da ist es offensichtlich 126 Seiten zu spät.

„Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ ist eine Entspannungs- und Schreibübung für einen Schriftsteller, ein Buch für Kirchhoff-Leser, die sich keine Zeile entgehen lassen. Alle anderen lesen jetzt bitte endlich „Verlangen und Melancholie“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion