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Keine Freitagsgebete

  • Karl Grobe
    VonKarl Grobe
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Nick Fielding und Yosri Fouda berichten über ihre Gespräche mit zwei Planern der Anschläge vom 11. September

Genau ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon fanden pakistanische Ermittler einen der Terror-Planer. Ramzi Binalshibh wurde in einem der besseren Wohnviertel von Karatschi aufgespürt und verhaftet. Einen anderen Al-Qaeda-Drahtzieher, Khalid Sheikh Mohammed, stellten die Ermittler am 1. März dieses Jahres. Mit beiden hat der Chefkorrespondent des arabischen Fernseh-Nachrichtensender Al Dschasira gesprochen. Sie hatten ihn Anfang April 2002 zum Interview eingeladen. Was Yosri Fouda, der Fernsehmann, dabei aufzeichnen konnte, ist nicht weniger als ein Geständnis. Freilich, gerichtsverwertbar wird es wohl kaum sein.

Fouda und der Chefreporter der Londoner Sunday Times, Nick Fielding, haben das Material und eine Fülle weiterer Recherchen zu einem Buch verarbeitet, das im Untertitel "Der Insider-Report von al-Qaida" heißt. Es ist aber ein Report nicht von, sondern über Al Qaeda, wie ihn nur Außenseiter verfassen konnten, welche einen Blick ins Innere werfen konnten.

Der Bericht über die Reise Foudas von London nach Karatschi ist auch eine Darstellung der konspirativen Vorgehensweise, die das Terror-Netzwerk beherrscht und unter denen es sich offenkundig reorganisiert, wie der Anschlag in der saudi-arabischen Hauptstadt gerade belegt hat. Das Netz der Geheimhaltung zu durchdringen ist Fouda gelungen, weil Binalshibh und Mohammed es so wollten; sie hatten eine Botschaft zu überbringen. Sie sicherten sich ab. Ein Detail: Fouda, in Karatschi angekommen, wird angewiesen, in seinem Hotelzimmer zu warten, auch nicht in die Moschee zu gehen. "Und die Freitagsgebete?", fragte Fouda. "Allah wird dir vergeben", antwortete sein Kontaktmann.

Diesen spontan erteilten religiösen Dispens empfand der Journalist als "schon eine Frechheit" und reflektiert: "Bis wohin gelten die Gesetze des Islam, und wer entscheidet darüber? Und wo ist der Unterschied zwischen dieser Denkweise und der von Präsident George W. Bush, der im Namen des Kampfes gegen die ,Feinde der westlichen Zivilisation' gerade die Werte dieser Zivilisation aufs Spiel setzt... durch diskriminierende Gesetze und durch Inhaftierung von Menschen ohne gerichtliche Anklage?"

Die Gleichsetzung schockiert. Was sie soll, haben die Autoren im Vorwort so formuliert: "Die Rede vom Friedensprozess ist zur leeren Floskel erstarrt. Die Stimmen mehren sich, die darauf hinweisen, dass Präsident Bush und seine Vertrauten keinen Deut weniger ideologisch verbohrt sind als Osama bin Laden, Ayman al-Zawahiri und deren Gefolgschaft. Irgendwo unter den Trümmern dieser verfeindeten Mächte liegen die verschütteten Prinzipien und Werte dreier großer Religionen."

Eine Warnung vor dem Verlust der kulturellen Grundlagen also. Dennoch, die in Guantánamo festgehaltenen rechtlosen Gefangenen sind immer noch lebende Menschen. Die über dreitausend Opfer der Anschläge vom 11. September leben nicht mehr. Die Verletzung menschenrechtlicher Grundsätze, so unannehmbar sie ist, hat andere Qualität als ein Massenmord.

Wie der von langer Hand und mit durchdachter Strategie geplant und ausgeführt wurde, haben die von Fouda Befragten detailliert erzählt. Außer Binalshibh und Mohammed sprachen in der konspirativen Wohnung in Karatschi auch andere, die offenbar zum engeren Kreis gehörten. Es ist nicht ersichtlich, ob sie das hatten (und haben), was im bürgerlichen Verständnis Unrechtsbewusstsein genannt wird. Binalshibh auf die Vorhaltung "Sie haben unschuldige Menschen getötet": "Das ist ein wichtiger Punkt, und ich möchte nicht, dass er zu kurz kommt." Das war's.

Gerade Lücken wie diese macht die Aussagen und ihre Wiedergabe in diesem Buch glaubwürdig. Die Masterminds of Terror haben technokratisch geplant: "Wir redeten über mögliche Ziele und dachten erst an nukleare Anlagen, aber aus Angst, dass die Sache außer Kontrolle geraten könnte, entschieden wir dagegen. Mehr brauchst du im Moment nicht zu wissen", sagte Khalid Sheikh Mohammed dem Interviewer. Und auch dies: "Die Anschläge sollten möglichst viele Todesopfer fordern, und sie sollten Amerika besonders empfindlich auf eigenem Boden treffen."

Damit, das dargestellt zu haben, begnügen sich die Autoren aber nicht. Sie haben den Biographien der Attentäter, den Brüchen in ihren Lebenswegen, der Rekrutierung und dem Umfeld nachgespürt, bestätigen vieles, das aus anderen Quellen bekannt ist, und sagen viel Neues. Der Bericht ist im Ton sachlich, zumal Foudas Part. Er schildert seine Angst vor der Reise zum ihm unbekannten Treffen, sein Nachdenken über journalistische Möglichkeiten und Grenzen; er berichtet über den Verdacht, durch sein Interview sei den Ermittlern die Spur zu Binalshibh enthüllt worden, und kann dies glaubhaft entkräften. Und er legt dar, wie Mittelsmänner der Al-Qaeda-Planer versucht haben, ihn zu instrumentalisieren.

Die Person des Interviewers tritt allerdings weit zurück. Er ist hier einer von zwei Autoren, die sehr sorgfältig vorgegangen sind. Ihre Arbeit reicht weit über die Darstellung und Aufklärung des Verbrechens vom 11. September 2001 hinaus. Die Entwicklung des Deobandi-Islamismus, jener Ideologie, die vom islamischen Teil der kolonial-indischen Gesellschaft ausgegangen ist und sich zur Ideologie der Taliban und eines nicht unbedeutenden Sektors der pakistanischen Gesellschaft ausgeweitet hat, ist (neben dem bekannten Standardwerk von Ahmed Rashid) hier am präzisesten zusammengefasst.

Was dieses Buch auszeichnet, ist die Zusammenführung des Hintergrunds im weitesten Sinne mit der Tat und der Organisation, die sie geplant und ausgeführt hat. Der Ton ist sachlich und neutral; was auch bedingt, dass beide Autoren en passant mitteilen, was sie bei den Recherchen über das Faktenwissen hinaus gelernt und erfahren haben. Ein Stück Selbstreflexion, das hilfreich sein kann, die Selbstgerechtigkeit von Fundamentalisten hüben und drüben als Selbstgerechtigkeit zu erkennen. In diesem Zusammenhang sind die anfangs zitierten Bemerkungen über die Zerstörung religiöser und kultureller Grundlagen zu lesen.

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