"Keine besonderen Vorkommnisse"

Das Tagebuch von Petr Ginz (1928-1944) gewährt Einblicke in das Leben eines klugen Jungen im Prag der NS-Zeit

Von ERNST PIPER

Am 16. Januar 2003 startete die US-Raumfähre Columbia ins Weltall, an Bord war erstmals auch ein israelischer Astronaut, Ilan Ramon. Er wollte im Gedenken an seine Mutter, eine Auschwitz-Überlebende, ein Symbol für die Shoa mit ins All nehmen. Nach einem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem entschied er sich für eine Kopie der Zeichnung "Mondlandschaft" von Petr Ginz (1928-1944).

Die Mannschaft der "Columbia" blieb 16 Tage im All und erfüllte ihre Mission. Doch bei der Rückkehr kam es zu einem schrecklichen Unfall. Bereits beim Start hatten herabfallende Schaumstoffteile den Raumgleiter beschädigt, beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerbrach die Fähre, alle Astronauten kamen bei dem Unfall ums Leben. Ilan Ramon starb am 1. Februar 2003. Petr Ginz wäre genau an diesem Tag 75 Jahre alt geworden, wenn ihn die Deutschen nicht ermordet hätten.

Nach dem tragischen Unglück meldete sich ein Mann aus Prag bei Chava Pressburger, der in Israel lebenden Schwester von Petr Ginz. Er bot ihr Aufzeichnungen ihres Bruders an, die er auf einem Dachboden gefunden hatte. Die Fundstücke hat Pressburger nun als Tagebuch ihres Bruders herausgegeben. Es bietet Gelegenheit, einen Jungen mit vielen Begabungen und einem enormen Interessenhorizont kennen zu lernen.

Petr Ginz lebt in Prag und ist von einer stupenden Belesenheit. Er hat sich in ganz jungen Jahren bereits eine außerordentliche Bildung auf den erstaunlichsten Gebieten angeeignet. Aber er liest nicht nur, er schreibt auch und hat mit 14 Jahren bereits fünf Romane verfasst. Er erfindet eine Geheimschrift, in der er die Nachrichten der BBC notiert. Er malt und musiziert. Da Juden in der NS-Zeit ihre Musikinstrumente abliefern müssen, bastelt er sich eine Geige aus Baumrinde.

Petr Ginz sieht sehr klar, was um ihn herum geschieht. Gleichwohl bewahrt er sich eine gelassene Heiterkeit, die einem den Atem raubt. Seine Notate sind lapidar, ohne jede Larmoyanz. Am 1. Oktober 1941 notiert er: "Viele Menschen wurden hingerichtet wegen Vorbereitung von Sabotage, unerlaubtem Waffenbesitz und Ähnlichem." Am Tag darauf ist sein Eintrag ganz kurz: "Ziemlich kalt. Nichts besonderes." Und am 6. Oktober lesen wir: "Unterwegs habe ich in der Redaktion von Rajská zahrádka die Rätsellösung abgegeben. Dort saß eine Frau, die ähnelte mehr dem Tod als einem Menschen." Und noch einmal vier Tage später: "Vormittags in der Schule. Ehrlich aus der Parallelklasse fährt am Montag mit dem ersten Transport von fünftausend Juden nach Polen."

"Wie Galeerensklaven mit Nummer"

Am 11. Dezember 1941 ist eine Familie im Freundeskreis betroffen: "Morgens in der Frühe sind die Mautners gegangen, überall wurde geweint; wie Galeerensklaven mit einer Nummer auf dem Mantel verließen sie das Haus." Der von den Besatzern organisierte Massenmord verlief in geordneten Bahnen: "Der Wohnungsschlüssel musste bei den Deutschen abgegeben werden. Frau Mautnerová bekam einen Heulanfall nach dem anderen." Am Nachmittag ging Petr Ginz wieder zur Schule, und Deutschland erklärte den USA den Krieg.

Alltag im Vorhof der Hölle

Die Basis dieser beklemmenden Aufzeichnungen bildet das Alltagsleben. "Keine besonderen Vorkommnisse" lautet der häufigste Eintrag. Aber das Alltägliche ist in diesem Vorhof der Hölle schon aberwitzig genug. In einem langen Gedicht, das satirisch zu nennen einem fast blasphemisch vorkommt, fasst Petr Ginz die kaum zu überschauende Vielzahl der für die Juden im Ghetto geltenden Vorschriften und Verbote zusammen, die nicht nur Autos, Grammophone und Konzertbesuche, sondern auch Blumensträuße, Tageszeitungen und Rasierseife betreffen.

Aber auch über die große Politik ist er informiert. So notiert er, der deutsche Vormarsch in der Sowjetunion gerate im Dezember ins Stocken. Und natürlich findet das Attentat auf Reinhard Heydrich in diesem Tagebuch seinen Niederschlag.

Im August 1942 enden die Aufzeichnungen. Wenig später wurde Petr Ginz nach Theresienstadt deportiert. Dort gründete er die Zeitschrift Vedem ("Wir führen"), die wöchentlich erschien und von ihm gemeinsam mit anderen Jungen redigiert wurde. Ginz schrieb selbst viele Texte für die Zeitschrift, Gedichte, Erzählungen und Feuilletonistisches. Mit unerschöpflicher Energie lebte er an gegen das nahende Verhängnis. In Theresienstadt, dem Vorzeige-KZ, mit dem die Deutschen die Welt über die wahre Natur der NS-Vernichtungsmaschinerie täuschen wollten, gab es ein reiches kulturelles Leben und viele wissenschaftliche Vorträge. Ginz nahm all das begierig auf. Er las, exzerpierte und fasste den Entschluss, "mich über jede einzelne Wissenschaft zu informieren". Er erlernte Lithographieren und fertigte eine Weltkarte nach der Mercator-Projektion an. Am 16. August 1944 notierte die Schwester in ihrem Tagebuch: "Petr ist ein so wahnsinnig kluger Junge." Sie war kurz zuvor nach Theresienstadt gekommen. Doch die Wiedersehensfreude währt nur kurz. Im September deportierten die Nazis Petr Ginz nach Auschwitz, wo er wenig später ermordet wurde.

Die Erschütterung, mit der man dieses Buch liest, ist schwer in Worte zu fassen. Der Text ist liebevoll ediert, mit kundigen Vor- und Nachworten sowie einer ganzen Anzahl von Illustrationen versehen. Auf den Fotos sieht man einen selbstbewussten, der Welt zugewandt Jungen. Er durfte nur 16 Jahre alt werden.

Petr Ginz: Prager Tagebuch, 1941-1942. Herausgegeben von Chava Pressburger. Aus dem Tschechischen von Eva Profousova. BerlinVerlag, Berlin 2006, 167 Seiten, 19,90 Euro.

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