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Kein Schweinegrunzen weit und breit

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Peter Handke besucht die serbisch-orthodoxe Kirche Sveti Stefan in Velika Hoca.
Peter Handke besucht die serbisch-orthodoxe Kirche Sveti Stefan in Velika Hoca. © rtr

Peter Handke hält seinen letzten Besuch bei den Serben im Kosovo aus Sicht eines Reporters fest. "Die Kuckucke von Velika Hoca" setzt sich wohltuend von seinen vorherigen Aussagen zum Thema ab.

Von MARTIN LÜDKE

Größenwahn, so würde man es bei einem Sportler nennen, der sich für den Nabel der Welt hält. Nicht bei einem Dichter? Bei einem Schriftsteller, der schreibt: "Was kann ich gegen das Jahrhundert haben? Es gibt doch mich", und vorher schon bekundet hatte: "Ich grüße dich, Homer". Einem Erzähler, der "episch feststellen" möchte wie Stifter, Fontane, Keller, aber noch hinzufügen will: "Glaubt mir und haltet euch daran!"

Einem Poeten, der solche "Größe nicht als meinen ‚Wahn'" erlebt und doch stets eine "abendliche Rede an die Menschheit" gehalten hatte. Bei einem also wie Peter Handke, der, ein Vierteljahrhundert nach solch stolzen Bekundungen, noch immer trotzig selbstbewusst durch die fernen Lande zieht und mit seinem poetischen Blick eine andere Welt, wenn nicht gar Welten sieht.

Das eigene Ich ins Unermessliche aufzuplustern gehört dazu

Seit der Genie-Ästhetik des Sturm und Drang gehört diese Fähigkeit, das eigene Ich ins Unermessliche aufzuplustern, zur Grundausstattung des hehren Poeten. Wenn die Natur der Kunst die Regel gibt, sei das Genie am Werk, meinte Kant. Erst als diese Ansicht überwunden war, konnte die (literarische) Moderne entstehen. Wobei, zugegeben, noch weitere Unterscheidungen nötig und auch am Genie einige Abstriche zu machen waren.

Doch gehen wir erst einmal ein Stück mit unserem Autor. "Keine Fahrspuren" waren mehr zu sehen. Wirklich? Es gab doch noch welche, aber die "stammten klar aus einer Vorzeit", wie "Versteinerungen". Dazwischen bewegt er sich nun, der Dichter, im Niemandsland, zwischen zwei Orten. Ein Wanderer, auf der Suche. Wie einen Köder, den man an einer Angel vor sich her trägt, sieht er das unerreichbare Ziel stets vor Augen. Er geht und geht.

Niemand sonst zu sehen. Niemand zu hören. "Kein Hund bellte los. Kein Hahn krähte. Kein irgendwo angebundenes Pferd oder Maultier." Geschweige denn Schweinegrunzen, das schon einmal gar nicht (denn, so wird damit suggeriert, die Schweine wurden von den säuischen Feinden der Serben, den Albanern also, allesamt umgebracht). "Kein Rauch auch - die verkohlten Rebstöcke, das musste schon vor langem gewesen sein."

Handke kommt aus einer anderen Zeit

Handke kommt aus einer anderen Zeit. Er geht in eine andere Zeit. Hinterher, nicht nur in der "Nachschrift" zu dieser "Nachschrift", weiß er wieder zu unterscheiden zwischen den Zeiten und zwischen den (ihnen zugehörigen) Wirklichkeiten.

Ein friedlicher Vormittag im Dolce Vita, einem Café. Eine den Norden wie den Süden umfassende Friedlichkeit. Kein leerer, kein grundloser Wahn. Nein: "der Friede hatte seinen Grund - er lag in der Luft und ebenso klar auf der Hand - er hatte (eine) Zukunft", auch wenn es dafür "zwei sehr verschieden klingende Wörter gab". Serbische und albanische nämlich.

Der bei Paris lebende Peter Handke war im Mai des letzten Jahres wieder einmal unterwegs gewesen, in Velika Hoca, einer serbischen Enklave des jetzt albanischen Kosovo. Serben sehen, Kuckucke hören. Das Andere suchen. "Was vorher war, oder geschah, ist hier festgehalten eher eins nach dem andern, gemäß der Kalenderchronologie. Die folgenden Tage in der Enklave, fast ständig an Ort und Stelle, verlangen, oder ermöglichen, eine andere Zeitrechnung" - "verkörpert von den Kuckucksrufen".

"Es drängte mich, den einzelnen zu befragen"

Dabei ist das Motiv dieser Reise auf eine für Handke ungewöhnliche Weise zweckbestimmt. "Es drängte mich", bekennt er gleich eingangs, "den und jenen einzelnen im serbischen Kosovo ausführlich, sozusagen systematisch, in der Rolle eines Reporters oder meinetwegen Journalisten, zu befragen, und die Antwort dem entsprechend mitzuschreiben".

Das kleine Büchlein, das sich diesem Vorhaben verdankt, ein knappes Jahr nach der Reise herausgekommen, unterscheidet sich in der Tat wohltuend von den teilweise haarsträubenden Verlautbarungen jenes Peter Handke, der sich im Gestrüpp seiner politischen Meinungen hoffnungslos verfilzt hatte.

Handkes Bekenntnis-Schriften zur serbischen (Milosevic-)Politik gingen, um an eine seiner eigenen Unterscheidung zu erinnern, auf "höchstpersönlichen Bedürfnisse" zurück. In einem Drehbuch für den Wim-Wenders-Film "Falsche Bewegung" hatte Handke 1975 richtig festgestellt: "Wilhelm: Für mich gibt es nur höchstpersönliche Bedürfnisse. Der Alte: Aber sie sind unerfüllbar, im Gegensatz zu den Bedürfnissen, mit denen sich die Politik beschäftigt. Erfüllt werden sie nur im Schein der Poesie. Wilhelm: Dieser Schein bedeutet aber doch die Hoffnung, dass sie erfüllbar sind - denn sonst würde es nicht einmal den Schein davon geben."

Die Warnung, die der "Alte" daraufhin aussprach, es ist ja lange her, hatte Handke leider vergessen, als er für die Serben bedingungslos Partei ergriff: "lass dich", mahnt der Alte, "nicht betrügen von deinem poetischen Weltgefühl". Den Stoßseufzer: "Wenn nur beide, das Poetische und das Politische eins sein könnten" - beantwortete der Alte mit der Feststellung: "Das wäre das Ende der Sehnsucht und das Ende der Welt."

Die "Langsame Heimkehr" zum Naturschönen

Implizit, ohne dass es damals schon erkennbar gewesen wäre, bereitete Handke in diesem Dialog bereits seine "Langsame Heimkehr" vor. So hieß dann ein Zyklus von vier Büchern (ab 1979), die Handkes Abkehr von der Moderne ratifizierten, die Wende vom "kritischen Sprachspieler" zum "Kundschafter der sichtbaren Welt" (Fabjan Hafner).

Handke war in den siebziger Jahren zu einem der letzten bedeutenden Vertretern der literarischen Moderne geworden. In der Theorie dieser Epoche, die ihm keineswegs fremd war, galt das Naturschöne nicht nur als eine abbildbare ästhetische Erscheinung, sondern als Signatur eines Flüchtigen, das allenfalls noch in den Verfahrensweisen der Kunst aufscheinen konnte.

Mit seiner Rückbesinnung auf Adalbert Stifters "sanftes Gesetz" hatte Handke damals auch die Rückkehr zum Naturschönen vollzogen. Das lässt sich hier, in dem neuen Büchlein, wieder einmal nachlesen: "Auch die rings auf den Hügeln weiß-in-weiß blühenden Akazien, die (wenigen) Weizenfelder und die (seit dem Krieg) weniger werdenden Weingärten standen für jene anders herrschende Zeitenfolge, die statt aus dem vorigen ‚Und dann - und dann', aus einem ‚Jetzt - und jetzt - und jetzt' bestand, wobei das nach der üblichen Zeitrechnung spätere Jetzt das frühere sein konnte". Und immer "das Vordringliche": "die Kuckucksrufe".

Das ist alles gut und schön. Jetzt, bei den "Kuckucken", oft sogar sehr schön. Nur ist es, wie in allen Handke-Stellungnahmen zum Jugoslawien-Konflikt und seinen (geo-)politischen Folgen, begrifflich ungenau und gedanklich sprunghaft. Handke versuchte hier, wider besseres Wissen, die Lizenzen einer poetischen Betrachtungsweise auf die Sphäre der Politik zu übertragen.

Das hätte eventuell noch funktionieren können, wenn er an den Grundannahmen einer Ästhetik der Moderne festgehalten und eine politische Perspektive aus ästhetischen Motiven entwickelt hätte. Doch die hatte er längst (mit seiner "Langsamen Heimkehr" endgültig) aufgegeben. Die Vorstellung des Naturschönen, auf die er sich seither beruft, stammt aus der Vormoderne. Entsprechend lässt sich daraus allenfalls ein regressiver Begriff von Utopie entwickeln, kein politischer, wie ihn Handke dennoch anstrebt.

Damit geht es ihm ähnlich wie unseren "Kuckucken", die sich, wie er schreibt, "infolge der Klimaerwärmung", vor leeren Nestern fänden, weil die Vögel, denen sie früher ihre Kuckuckseier ins Nest geschmuggelt hätten, jetzt viel früher brüteten. "Die Kuckucke ‚wussten' das noch nicht" und flogen deshalb weiter, weshalb man "in unseren Breiten auch die entsprechenden Rufe" kaum mehr höre.

Peter Handke: Die Kuckucke von Velika Hoca. Eine Nachschrift. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 100 S., 15,80 Euro.

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