Kein Monster, sondern Biofakt

Sowohl geworden als auch gemacht: Ein Sammelband widmet sich produzierten Lebewesen

Von ANDREAS BRENNER

Als Berliner Student machte der in Lebensdingen nicht eben beschlagene Edmund Husserl eine Erfahrung, die ihn kurz um den Verstand brachte und die bildarme Philosophie langfristig um eine lebhafte Vorstellung reicher machte: die Husserlsche Puppe. Der nachmalige Begründer der Phänomenologie hatte sich etwas abseits der akademischen Wege in ein Wachsfigurenkabinett begeben und doch tatsächlich geglaubt, die Dame, die ihm dort mit wächsener Hand zu winkte, sei echt. Erst als der Sophiestudent wieder klaren Blickes war, war das Rätsel aufgelöst: die Dame war keine, sondern Wachs, das Ganze ein Artefakt.

In dem von Nicole Karafyllis herausgegebenen Buch geht es nicht um Artefakte, also nicht um künstliche Gegenstände, sondern um Objekte, die in einer gewissen Weise Leben in sich haben, die aber nicht unumstritten auf die Seite des Lebens gehören, sondern genau dazwischen, zwischen Artefakt und Leben. Diese Objekte könnte man, wie Karafyllis schreibt, als "biotische Artefakte" bezeichnen, oder gleich als "Biofakte"; sie nehmen eine Zwischenstellung zwischen künstlich Erzeugtem und natürlich Gewordenem durch "Anteile technischer Zugerichtetheit" ein. Während ihre technischen Anteile diese Objekte noch als Gemachte (Fakte) ausweisen, ordnet der Teil eigenen Lebens sie eindeutig zur Seite des bios hin. Biofakte nehmen also eine Art Zwitterstellung im Reich der Objekte ein: sowohl gemacht als auch geworden. Das ist neu - bislang war etwas entweder gemacht, oder es war geworden.

Leben ist unaufhörliches Wachstum, wie bereits das Zellwachstum belegt. Entsprechend stellt Karafyllis fest: Biofakte sind Lebewesen, "weil man sie wachsen sieht und sie wie traditionelle Bekannte aussehen". Indes gilt, wie Karafyllis einräumt, die Einschränkung, dass das Wachstum der Biofakte nicht autonom ist, zumindest der erste Impuls für das Wachstum verdankt sich einer künstlichen Setzung. Mehr noch als Artefakte führen Biofakte uns jedoch an der Nase herum, wenn wir uns die Frage stellen, echt oder künstlich? Denn Biofakte sind, wie Karafyllis ihre Begriffsdefinition weiter ausbaut, im Aussehen mit den uns bekannten Lebewesen identisch.

In ihrem Reader übergibt die Herausgeberin den von ihr eingeführten Begriff des Biofakts der Prüfung durch Autoren und Autorinnen verschiedener Disziplinen, wodurch ein breites Spektrum der Sicht auf den Zwitter Biofakt entsteht. Die Entdeckerfreude, die einen bei der Lektüre überkommt, erfährt dabei jedoch darin einen Dämpfer, dass das Buch trotz seines avantgardistischen Anscheins formal immer wieder den Charakter einer selbstbestellten Festschrift offenlegt. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass es Karafyllis eine Spur zu gut verstanden hat, die von ihr eingeladenen Autoren und Autorinnen auf den von ihr eingeführten Begriff einzuschwören, die in ihren Beiträgen allesamt der Begriffsstifterin ihre Referenz erweisen. Trotz dieses unbotmäßigen Habitus findet man in diesem Buch höchst erhellende Analysen der technisch veränderten Lebewesen, beispielsweise bei Peter Wehlings Untersuchung des Dopings im Sport.

Monster im Anmarsch

Den Preis, den die Athleten und mit der entsprechenden Verzögerung auch die Hobbysportler für ein ständiges "Schneller, höher, stärker" bezahlen, hat die FR bereits im letzten Jahr unter dem Titel "Monster im Anmarsch" benannt. Gemeint ist damit das Doping mittels gentechnischer Veränderung. Monströs werden die so gedopten neuen Superstars auch daher wirken, weil der technisch erzeugte Kraftzuwachs zugleich Teil ihrer "Natur" sein wird. Spätestens dann ist aber, wie Wehling feststellt, die Frage echt oder künstlich obsolet geworden. Wie paradox diese Entwicklung ist, dokumentiert der Hersteller des zum Gendoping verwandten Medikaments "Myostat". In der Beschreibung des Mittels, das noch in diesem Jahr in Deutschland auf den Markt kommen soll, heißt es: "Dank Myostat können Sie mehr Muskeln aufbauen, als genetisch möglich wäre. Myostat durchbricht die genetischen Grenzen."

Wenn uns also demnächst bereits die ersten grenzenlosen Muskelathleten begegnen, werden wir vielleicht zwar ins Staunen geraten, nicht aber ins Zweifeln, ob denn diese Kraftpakete auch Personen im rechtlichen Sinne sind. Bei anderen technisch veränderten Lebewesen kann dies jedoch durchaus umstritten sein, wie Malte-Christian Gruber in seinem Beitrag zeigt. Die zunehmende Manipulation der Entwicklung des Menschen höhlen sowohl die Kategorie des Natürlichen aus, wie auch das gängige Potentialitätsargument. Letzteres wird beispielsweise immer wieder in der Diskussion um den moralischen Status des (menschlichen) Embryos bemüht.

Beide Argumente versagen jedoch in Bezug auf technisch verändertes menschliches Leben: Es ist weder Natur - im herkömmlichen Sinne - noch realisiert es mit Blick auf eine konventionelle Natur eine Potentialität. Was aber bleibt, wenn uns durch den technischen Fortschritt die zwei Hauptargumente in der Personendebatte abhanden kommen? Gruber plädiert für ein Konzept der "Biowürde" und damit für die Anerkennung der je gegebenen Natur. Das ist ein vernünftiger Ansatz, der, wie man leicht sieht, ohne den so vielsagenden Begriff des Biofaktes auskommen könnte.

Wenn es schon nur ein Begriff sein soll, der uns die technisch veränderten Lebewesen begreifbar macht, warum dann nicht statt des Kunstwortes Biofakt das Wort Leib? Mit dem Leib-Begriff, den Husserl wieder in die Philosophie eingeführt hat und für den die berühmte Puppe Pate stand, lassen sich die Grenzen zwischen Gewordenem (Leben) und Gemachtem (Artefakt) ebenso angeben, wie die Grauzone des Dazwischen (Biofakt) ausloten. Indes wird Husserl in diesem Buch lediglich einmal kurz erwähnt, sein innovativer Nachfolger, der Kieler Phänomenologe Hermann Schmitz, dagegen vollkommen totgeschwiegen. Vielleicht liegt es an dieser theoretisch schwachen Ausstattung, die den Eindruck erweckt, dass das "Biofakt" sauerstoffmäßig unterversorgt sei.

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