Afrikanische Literatur

Kein Monopol auf eine Weltsicht

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Preisgekrönte Gäste und anregende Debatten beim afrikanischen Literaturfestival in Berlin.

Die Essenz ist klar: „Wenn Sie etwas über Afrika erfahren wollen, dann lesen Sie Afrikas Literatur“, sagt Chris Abani. Den Menschen im vollbesetzen Babylon-Kino muss der nigerianische Schriftsteller das eigentlich nicht mehr empfehlen: Sie sind schließlich am Donnerstagabend zur Eröffnung von Berlins erstem afrikanischen Literaturfestival „Writing in Migration“ gekommen, um das literarische Schaffen des Nachbarkontinents zu feiern.

Deutschland an sich aber brauche einen solchen Weckruf durchaus, meint die deutsch-nigerianische Autorin und Festivalkuratorin Olumide Popoola. Während sie in London, wo sie derzeit lebt, euphorische Reaktionen auf das hochkarätige Programm mit mehr als 30 Autorinnen und Autoren aus einem runden Dutzend Ländern, von Südafrika über Kenia und Uganda bis Nigeria und die außer-afrikanische Diaspora, erhalten habe, seien die vielfach preisgekrönten Literaturschaffenden hierzulande vielen Menschen unbekannt. Genau deshalb richtet die Literaturagentur für afrikanische Literatur, InterKontinental, das Festival nun erstmals aus.

Kann es so etwas aber überhaupt geben, eine afrikanische Literatur? „Reproduzieren wir damit nicht die Schublade, der wir doch entkommen wollen?“, so Popoola. Oder „ist afrikanische Literatur ein Genre?“, fragt Moderatorin Jana Pareigis? „Afrikanische Literatur ist ein erotisches Krimi-Fantasy-Genre mit einigen historischen Bezügen“, witzelt Popoola daraufhin und Abani sagt „Wir sind jede Art von Genre.“

In seiner Keynote hatte Abani zuvor den Sprachenreichtum des Kontinents hervorgehoben, das riesige Erbe oraler Erzähltraditionen und schriftlicher Literatur, die Jahrhunderte zurückreiche (und nicht etwa, wie der kenianische Autor und Literaturprofessor Mukoma wa Ngugi, Sohn des ewigen Literaturnobelpreisanwärters Ngugi wa Thiong’o, hervorhob, erst mit dem Schaffen der Generation Chinua Achebes eingesetzt habe). Wie wenig der globale Literaturbetrieb davon mitbekomme, verdeutlichte ein Beispiel Abanis: Nordnigerianische Autorinnen produzierten Jahr für Jahr rund 4000 Bücher in ihrer Sprache Hausa.

In Bezug auf das Festivalmotto erörterte Abani, ob es „eine Ästhetik der Migration“ gebe – und antwortete selbst, dass eine solche Ästhetik eine sei, die Vorannahmen dekonstruiere und die Idee von Singularität als Lüge enttarne. Darin, dass der Begriff der Migration ein ambivalenter ist, zeigten sich ohnehin viele Autorinnen und Autoren einig. Zum einen, so sagten Chika Unigwe, Yewande Omotoso und Jude Dibia übereinstimmend, seien Menschen ohnehin stets in Bewegung – „motion“ sei daher das „M-Wort, das sie bevorzuge, so die in Barbados geborene, in Nigeria aufgewachsene und seit langem in Südafrika lebende Omotoso. Zum anderen werde der Begriff Migrant gemeinhin nur auf Menschen des globalen Südens angewandt, während andere schlicht Reisende oder „Expats“ seien.

Abseits stigmatisierender Migrationsdiskurse eröffne das In-Bewegung-Sein aber gerade Literaturschaffenden Möglichkeiten, „denn es zeigt dir, dass du kein Monopol auf eine Weltsicht hast“, so die nach Jahren in Belgien nun in den USA lebende Nigerianerin Unigwe. Migration in diesem Sinne sei mit dem Lesen verwandt, schloss Omotoso sich an: „Auch Literatur weckt in dir Empathie und Demut.“ Wenn man den Blick über den Tellerrand wagt.

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