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Kein Lehnsessel, sondern frische Luft

Alles glaubte Max Beckmann erreichen zu können, bevor ihn der Erste Weltkrieg aus der Bahn warf. Stephan Reimertz sieht ihn als Titan und Genie

Von Alexander Kluy

Die englische Schriftstellerin Rebecca West mokierte sich einst bitter über den Berufsstand der Biografen. Diese würden, als handele es sich um ein Picknick von Kannibalen, an den noch offenen Gräbern verstorbener Prominenter sitzen, deren Knochen fein säuberlich abfieseln und das Gebein dann kreuz und quer hinter sich werfen, wenn sie mit ihrer unappetitlichen Tätigkeit fertig seien. Dieser weit verbreiteten Kritik, impertinente Schamlosigkeit zum Arbeitsprinzip zu erheben und unter alle Betten zu schauen, hielt Michael Holroyd, selber Autor einiger Biografien, in seiner im letzten Jahr erschienenen Essaysammlung Works on Paper: The Craft of Biography and Autobiography die Fähigkeit der biografischen Darstellung entgegen, gerade durch das Schildern von Verdecktem der Geschichte ein menschliches Gesicht zu verleihen, sie zu humanisieren.

Der Luchterhand Verlag präsentiert nun eine Lebensbeschreibung des Malers und Grafikers Max Beckmann (1884 - 1950) aus der Feder des Kunstwissenschaftlers und Romanautors Stephan Reimertz. Reimertz verbrachte einige Zeit als Dozent und Fellow-in-Residence an nordamerikanischen Universitäten. Doch die Diskussion um das Genre Biografie, das von Autoren aus dem angelsächsischen Raum auf hohem intellektuellem und stilistischem Niveau betrieben wird, scheint an ihm vollständig vorbei gegangen zu sein, ganz zu schweigen von den seit langen geführten, überreich dokumentierten Debatten europäischer Historiker um Probleme der Lebensbeschreibung. Fremd ist Reimertz auch das Einbetten eines Lebenslaufs in den größeren Strom einer Sozial-, Kultur-, Mentalitäts- oder gar Psychohistorie. Statt dessen steht im Mittelpunkt der Künstler als Titan, Max Beckmann als unerreichtes Maler-Genie des 20. Jahrhunderts, dessen Aussagen und Selbstauslegung unbedingt und blind und taub für verborgene oder fehlende Zwischentöne zu folgen ist.

Reimertz, so ist zu vermuten, wollte mit diesem Buch der hochtrabenden Bezeichnung "Kunstschriftsteller" neues Leben einhauchen. Das ist ihm auf der ganzen Linie gelungen - zum definitiven Nachteil dieser Bezeichnung. Denn diese Leiche ist schon lange tot. Dabei ist Max Beckmann ein dankbares Thema für eine Biografie. In seinem Leben und seinen Werken schlug sich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen Facetten deutlich nieder. Rollenstilisierung in der Nietzsche-Nachfolge nach 1900, Erster Weltkrieg und psychischer Zusammenbruch, die Roaring Twenties, Jazz Age und Wohlstand, Emigration, die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs, die Beckmann und seine Frau in Amsterdam erlebten, die Auswanderung in die USA im Jahr 1947 sowie die dann langsam einsetzende Wertschätzung seines Werkes markieren seinen äußeren Lebensweg. Seine Korrespondenz von 1899 bis 1950 und Tagebücher liegen seit Jahren publiziert vor. Daraus tritt ein griffig formulierender Mensch hervor, der über eine scharfe Beobachtungsgabe verfügte und Humor hinter grimmig-abweisendem Äußeren zu verbergen vermochte.

Disruptionen bestimmten sein Leben. Im zarten Alter von 19 Jahren, da hatte er gerade die Kunstakademie Weimar hinter sich und stand vor dem Sprung nach Paris, verkündete er: "Ich glaube, dass ich alles erreichen werde, was ich will, alles." Dann warf ihn die Erfahrung als Sanitäter im Ersten Weltkrieg für Jahre aus der Bahn. Seine erste Ehe zerbrach darüber. Es entstanden in den folgenden Jahren Werke wie das Gemälde Die Nacht, in der Brutalität und Folter dominieren. Erfolg und Anerkennung in den Zwanzigern musste er sich hart erarbeiten. "Medizin der Abhärtung und der Entzückung sind meine Bilder. Sind schon etwas heroisch. Kein Beruhigungsmittel, sondern Stärkungsmittel. Kein Lehnsessel, sondern frische Luft", meinte er in den Dreißigern. Die Berliner Nationalgalerie eröffnete im Januar 1933 ihren Beckmann-Saal, zu späte öffentliche Anerkennung für ihn, der kurz darauf seine Professur an der Städelschule verlor. Das Exil in Holland von 1937 bis 1947 kostete ihn die Gesundheit. Am 28. Dezember 1950 ereilte ihn 66-jährig nahe des Central Parks in New York der tödliche Gehirnschlag.

Sprachliche Manierismen machen Reimertz' Buch zum Ärgernis. So taucht Adolf Hitler durchgehend als "der Anstreicher" auf, Picasso als "der Spanier", die expressionistischen Maler sind "Espressos". Künstler-Zeitgenossen Beckmanns gelten Reimertz sämtlich als minderbegabt oder überschätzt, Künstler der jüngeren Generation wie Anselm Kiefer gar als geistesverwirrte Krakeeler. Da fügt sich nahtlos ein, dass Reimertz grobe Fehler wie falsch geschriebene Namen und Zuschreibungen unterlaufen. Er setzt ganz auf - scheinbar präzise - Werkbeschreibungen der Bilder und ihre eigenwillige Symbolsprache.

Der Verlag verzichtete allerdings darauf, dem Buch Bilder beizugeben. Hat man die jedoch vor Augen, zeigen sich teilweise deutliche Unzuverlässigkeiten und Unzulässigkeiten des Interpreten. Dafür entschädigt Reimertz in dieser Hagiografie mit geradezu rührender Kritik- und Ahnungslosigkeit der geistigen Strömungen in Europa seit 1900. Psychologie, Psychoanalyse, Mentalitätsbeschreibung, soziopolitische Entwicklungen, faktengesättigter Unterbau - alles Hekuba. Wen kümmert's, wenn man anbetend auf den Knien liegt und raunen darf.

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