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Aber wie kommt man mit anderen ins Gespräch? Selfie-Schießen mit Roboter Sophia (r.).
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Aber wie kommt man mit anderen ins Gespräch? Selfie-Schießen mit Roboter Sophia (r.).

Künstliche Intelligenz

Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“ – Meine Freundin ist ein Roboter

  • vonCornelia Geißler
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Der neue Roman des Literaturnobelpreisträgers geht an die Grenzen des Menschseins.

Was Kazuo Ishiguros Erzählen vor allem auszeichnet, ist die Art, wie er Emotionen weckt. Auch seine berühmtesten Bücher, „Was vom Tage übrigblieb“ und „Alles, was wir geben mussten“, auch sein Ausflug ins Fantasy-Genre mit „Der begrabene Riese“ haben berührt, ohne dass der Stil emotional gewesen wäre. Er schafft mit dem Wesen seiner Figuren, der Perspektive und der Dramaturgie der Handlung einen Raum, der sich beim Lesen mit Gedanken und mit Gefühlen auffüllt.

Bei „Klara und die Sonne“, seinem ersten Roman nach der Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis 2017, braucht er dafür einen gewissen Anlauf, handelt es sich doch bei der Erzählerin um eine leblose Figur. Sie ist eine KF, eine künstliche Freundin, von Menschen zum Bewegen, Sprechen und Entscheiden befähigt.

„Klara und die Sonne“ spielt irgendwo in den USA in einer nicht näher definierten Zukunft, in der künstliche Intelligenz zum Alltag gehört. Puppen wie Klara wurden entwickelt, um Einzelkindern die Einsamkeit zu nehmen. Sie wartet mit anderen KFs im Laden und schaut aus dem Fenster. Einen Bettler nennt sie „Bettelmann“, die mobilen Geräte der Menschen bezeichnet sie als „Rechtecke“, sie sagt Sätze wie: „Ich rief mir den vorhergehenden Tag noch einmal ins Gedächtnis.“ Solch ein Experiment, die Erzähler-Instanz an jemanden mit einer so steifen Sprache abzugeben, kann sich nur ein Autor erlauben, von dem man weiß, dass sich das im Verlauf des Romans noch ändern wird.

Klara kommt zur 14-jährigen Josie, die, wie bald zu erfahren ist, durch eine Krankheit zunehmend geschwächt wird. Anders als sein Kollege Ian McEwan, der vor zwei Jahren den Roboter-Roman „Maschinen wie ich“ mit dem gut aussehenden Adam als Helden veröffentlichte, beschreibt Ishiguro nicht das Äußere der künstlichen Freundin. Es gibt nur Hinweise auf ihre Größe (so groß wie Josie) und ihre Trittsicherheit (sie bevorzugt befestigte Wege), einmal erfahren wir, dass eine für ihre Funktion wichtige Stelle unter ihren Haaren verborgen ist.

Das Buch

Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne. Roman. A. d. Engl. von Barbara Schaden. Blessing, München 2021. 352 S., 24 Euro.

Den Teenagern im Roman fällt der Kontakt zu den KF so leicht, wie es Kinder in unserer Gegenwart normal finden, dass man sich beim Telefonieren sehen kann. Erst als die Erzählerin einmal woanders zu Besuch ist, wird ihr unnatürlicher Charakter thematisiert. „Man weiß nie, wie man einen Gast wie dich begrüßen soll“, sagt die Nachbarin. „Du bist doch ein Gast? Oder soll ich dich behandeln wie einen Staubsauger?“

Hier nun, etwa in der Mitte des Buches, verändert sich der Roman. Befriedigte er bis hierhin die Neugier darauf, wie die KF sich mit Josie und ihrer Mutter zurechtfindet und in welcher Weise sich Klaras Ausdrucksweise und Wahrnehmung erweitern, beginnt hier die Phase, da man sich in einer Rezension mit inhaltlichen Aussagen zurückhalten sollte. Es kommen weitere Personen hinzu, darunter ein Porträtmaler mit einem Faible für künstliche Intelligenz und Josies Vater. Das Geschehen verlagert sich lokal, die Erzählung gewinnt an Tempo, und es stellen sich größere ethische Fragen als die, ob ein humanoider Roboter der richtige Gefährte für ein 14-jähriges Kind ist.

Die Zukunft ist das Metier der Wissenschaft und der Kunst. Wir schicken heute Roboter auf den Mars, setzen sie in der Industrie, in der Medizin und in der Pflege ein. Künstliche Intelligenz entwickelt sich zu einem Lieblingsthema der Literatur. Daniel Kehlmann versuchte mit einem Algorithmus aus dem Silicon Valley eine Geschichte zu schreiben, Emma Braslavsky entwickelte Roboter-Liebespartner. Wie viele vor ihm lässt Ishiguro anklingen, inwieweit künstliche Intelligenz nicht nur hilfreich ist, sondern den Menschen auch verdrängen kann. Es wird sogar darum gestritten, ob ein KF einen Platz im Theater einnehmen darf.

„Klara und die Sonne“ heißt der Roman, weil die Erzählerin sich durch die Absorption von Licht ernährt. Mit dieser Naturkraft schafft der Autor einen auffälligen Kontrast zu ihrem künstlichen Charakter. Klara wird zu Beginn besonders gelobt für „ihre Neugier, ihre Lust zu beobachten und zu lernen“. Es spielt keine Rolle, dass Menschen sie erst so programmiert haben. Klara erkennt, so explizit lässt Ishiguro sie sprechen, „Umweltbelastung“ als Gefahr. Das ist ein (über)deutlicher Gruß an die umweltbewegte Jugend, für Klara allerdings auch ein Grund, sich um die „besondere Güte“ der Sonne zu sorgen. Sie erwartet etwas von ihr, auch dafür steht der Titel.

Viele Gedankenfäden in diesem Buch lassen sich weiterspinnen. Am Ende aber besticht es weniger als ein Roman über das Verhältnis der Gesellschaft zur Technik denn als Reflexion über das Menschsein. Es geht um die Frage, ob es möglich ist, alles Individuelle zu „extrahieren, kopieren, transferieren“. Es geht um den Glauben, „dass in jedem von uns etwas Ungreifbares ist“, etwas nicht durch Algorithmen Vorhersagbares, „das einzigartig ist und sich nicht übertragen lässt“.

Die besondere Kunst des Kazuo Ishiguro besteht hier darin, die Gedanken und Gefühle beim Lesen an ein fremdartiges erzählendes Ich zu binden. Mit ihm durchläuft man mehrere Stufen der Empathie. Man spiegelt sich in Klara und fragt sich: Was macht mich und meine Spezies aus? Das kann keine künstliche Intelligenz erreichen, sondern nur ein kreativer Mensch, ein großer Schriftsteller mit seiner Sprache und Intuition: Wie die Leserin sich Positionen zu eigen macht und selbst in dem Roman verschwindet.

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