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Katya Apekina.

Roman

Katya Apekina „Je tiefer das Wasser“: Menschen, die nicht gut füreinander sind

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Mitreißend erzählt, vielschichtig arrangiert: In Katya Apekinas Debütroman „Je tiefer das Wasser“ entfaltet sich ein Familiendrama von archaischer Schicksalhaftigkeit. Von Katharina Granzin.

Die Kunst ist nicht nur die Kunst, und das Leben ist nicht nur das Leben. Jedenfalls nicht in diesem Roman, der von einer Familie handelt, in der beides auf schmerzhafte bis fatale Weise ineinander verstrickt ist.

Auf den ersten Blick ist das ein klassischer Topos der neueren amerikanischen Belletristik, in der die Creative-Writing-Kultur ein hohes Maß an medialer Selbstreflexivität hervorgebracht hat. Aber die Beziehung zwischen Literatur und Realität in Katya Apekinas Debütroman ist weder metafiktionaler Art noch zielt die Autorin auf den Literaturbetrieb an sich. Vielmehr handelt ihr Roman davon, dass die Kunst nicht unschuldig ist, weil auch die Menschen es nicht sind. Auch wenn sie gar nichts dafür können.

Von Louisiana nach New York

Es ist ein verqueres Coming of age, das die Schwestern Edith und Mae erleben müssen. Sechzehn und vierzehn Jahre alt, werden sie aus Louisiana, wo ihre Mutter nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie sitzt, nach New York geschickt: zu ihrem Vater, der die Familie verlassen hatte, als die Mädchen noch Kleinkinder waren, und inzwischen ein berühmter Schriftsteller geworden ist. Während die rebellische Edie sich Dennis’ väterlichen Bemühungen widersetzt, liebt die jüngere Mae ihren Vater und ihr neues Leben in New York. Dennis seinerseits scheint niemals wirklich über Marianne, die Mutter der Mädchen und einst seine Muse, hinweggekommen zu sein.

Warum genau er sie verlassen hat, wird im Roman nur angedeutet. Seine Schwester Rose sieht die ganze Schuld bei der aus ihrer Sicht völlig überspannten Marianne, die den wohlmeinenden Dennis gequält habe. Edie dagegen ist überzeugt davon, dass der Vater seine sehr viel jüngere Frau, die im übrigen eine begabte Lyrikerin ist, nur zum Wohle seiner Romanproduktion ausgequetscht und fallengelassen hat, als das Familienleben zu anstrengend wurde. – Als Edie schließlich auf eigene Faust nach Louisiana abhaut und Mae in New York zurücklässt, entwickelt sich zwischen der jüngeren Tochter und dem Vater eine enge Beziehung, die, da Mae ihrer Mutter ähnlich sieht, inzestuöse Züge annimmt. Dennis nutzt das aus für einen großen kreativen Schub, für Mae aber bahnt sich eine Katastrophe an. Auch in Louisiana, wo Edie ihre Mutter im Krankenhaus aufsucht, geraten die Dinge außer Kontrolle.

Das Buch:

Je tiefer das Wasser. Roman. A. d. Engl. v. Brigitte Jakobeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 396 S., 24 Euro.

Katya Apekina erzählt dieses Familiendrama in sehr bezwingender Weise multiperspektivisch. Sie legt ein farbiges Erzählpuzzle aus, dem man allmählich zwar ein annähernd rahmenfüllendes Bild entnehmen kann, das aber weiße Stellen enthält, die bis zum Schluss unausgemalt und der Imagination der Lesenden überlassen bleiben.

Den größten Textanteil hat Edith, dicht gefolgt von Mae. Des weiteren steuern zahlreiche Nebenfiguren ihre Sicht der Dinge bei. Was diesem polyphonen Verfahren weitere Tiefe verleiht, ist die Tatsache, dass nicht nur viele verschiedene Ich-Erzähler, sondern auch unterschiedliche zeitliche Perspektiven zum Einsatz kommen. Die eigentliche Handlung spielt im Jahr 1997, doch ein großer Teil des Romans betrachtet diese Phase im Rückblick, und ein kleiner Teil beleuchtet auch noch die Vorgeschichte der Eltern in den sechziger Jahren.

Während Edie, die tatkräftige, leicht über die Stränge schlagende Schwester, durchgehend im Präsens erzählt, somit ganz im Hier und Jetzt verankert ist, spricht Mae in einem gleichsam neutralisierenden Erzählpräteritum, aus der sicheren Distanz von über eineinhalb Jahrzehnten Abstand. Das von Beginn an zu wissen, entlastet auch bei der Lektüre emotional, denn es bedeutet, dass Mae, die gefährdetste, schutzloseste unter den Romanfiguren, die große Krise des Jahres 1997 überlebt hat.

Ziemlich klar zeigt sich in diesem mehrdimensionalen, aber unvollständigen Gesamtbild immerhin, dass sowohl Dennis als auch Marianne Personen sind, die anderen Menschen nicht immer gut tun. Alle Erzählerfiguren haben dabei ihren in je eigener Weise verengten, voreingenommenen Blick, niemand ist neutral. Natürlich bemühen sich insbesondere die anderen Frauen im Leben von Dennis, dem Großschriftsteller, ihn vor Schuldzuweisungen zu schützen. Geschickt lässt die Autorin es offen und unserem Urteil überlassen, inwieweit er als Haupttäter der Geschichte in Frage kommt.

Nur wenige Passagen im Roman sind aus Dennis’ Perspektive erzählt. Es sind sämtlich Tagebucheinträge aus der Frühzeit seiner Beziehung zu Marianne: Texte, die deutlich von seiner großen emotionalen Abhängigkeit zeugen. Auch Marianne tritt die längste Zeit nicht direkt als Erzählerin auf, sondern über Texte, die sie zu verschiedenen Zeiten schreibt: Briefe, verrätselte Gedichte. Eine in sich versponnene, zu direkter Kommunikation nur schwer fähige Persönlichkeit deutet sich darin an.

Es gibt Überlebende

Am Ende scheint es am ehesten so, als hätten die Ereignisse sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit so entwickelt, wie sie sich nun einmal entwickelt haben. Haben doch alle nur so gehandelt, wie es ihrer Natur und wohl einem unbewussten Drang in ihnen entspricht. Diese Beschreibung wäre ebenso einer antiken Tragödie angemessen: ein Vergleich, der nahe liegt. Katya Apekina, in Moskau geboren und als Dreijährige in die USA gekommen, hat ihren polyphonen Chor aus eigenwilligen Einzelstimmen virtuos arrangiert. Dabei behält sie jederzeit eine Leichtigkeit im Erzählton bei, die umgehend mitreißt und sehr tief in eine Geschichte von archaischer Dramatik hineinführt. Bei den Autoren des alten Griechenland hätte wohl kaum eine der Figuren das Ende der Geschichte lebend erreicht. Aber heutiges Romanpersonal ist ja deutlich resilienter.

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