Die vertrautere Katja Riemann, hier mit Armin Laschet und Regisseur Oskar Roehler.
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Die vertrautere Katja Riemann, hier mit Armin Laschet und Regisseur Oskar Roehler.

Menschenrechte

Katja Riemann: „Jeder hat. Niemand darf.“ – Im Feld

  • Tanja Kokoska
    vonTanja Kokoska
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Gegen das „Stigma des Gutmenschen“: Schauspielerin Katja Riemann legt ein Buch über Menschenrechte vor.

Einst stellte Roger Willemsen in der „Zeit“ Konstantin Wecker die Frage, warum er noch immer gegen den Krieg ansinge, wenn man ihn, den Künstler, deshalb doch als „Gutmenschen“ verspotte. Wecker erwiderte, er wolle sich „die Sprachhoheit zurückerobern“ und das Wort „Gutmensch“ nicht mehr als Beleidigung verstehen müssen. Was verrate es über „diese Zeit, dass sie den ,Gutmenschen‘ zum Schimpfwort erhoben“ habe, wollte Willemsen darauf wissen. Und Wecker antwortete: „Seit gut zehn Jahren werden alle desavouiert, die sich engagieren. Die allgemeine Entpolitisierung wird genutzt, um auch die Künstler zu entpolitisieren.“

Das war im August 2009. Klingt nicht wie elf Jahre her.

„Wie kommen wir um das Stigma des ,Gutmenschen‘ herum, weil wir langweilig an das erinnern, was bereits errungen wurde und was es unserer Meinung nach zu beschützen gilt?“ Sagte die Schauspielerin Katja Riemann unlängst im „taz“-Interview über ihren Einsatz für die „Offene Gesellschaft“. Sie ist also auch so ein „Gutmensch“ – Unicef-Patin, Unterstützerin von Amnesty International und der Hilfsorganisation Plan International, sie bekam das Bundesverdienstkreuz für ihr soziales Engagement und den Bad Iburger Courage-Preis. Nur spricht sie eher selten darüber und das wohl eher nicht aus Sorge, „langweilig“ zu wirken.

Im Sommer 2015 lud Roger Willemsen sie zum Mannheimer Literaturfestival ein, das er kuratierte. „Wollen wir zusammen einen Abend machen über deine Menschenrechtsarbeit? Davon wissen doch viel zu wenige“, habe er gesagt. Zu diesem Abend kam es nicht mehr, Willemsen starb kaum ein Jahr später, im Februar 2016. Ihm hat Katja Riemann nun – folgerichtig – ihr Buch gewidmet. „Jeder hat. Niemand darf.“, heißt es, angelehnt an die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Fast jeder deren 30 Artikel beginnt mit diesen Worten: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ – „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden.“

Katja Riemann erzählt vom Verstoß gegen diese Rechte, und sie tut das eindrücklich, ohne Attitüde und glaubhaft in dem Bestreben, „etwas bewegen“ zu wollen. „Das ist doch Wahnsinn, ich komme hierher und versuche etwas zu geben und habe nichts, das ich geben könnte, außer meinem ehrlichen Interesse an dem, was hier geschieht, um es in das bisschen Welt zu tragen, das ich kenne.“ Dieses „Hier“, das sind zehn Länder, die meisten in Afrika, in die sie Projektreisen unternommen hat.

Das Buch

Katja Riemann: Jeder hat. Niemand darf. Mit einem Nachwort v. Harald Welzer. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 396 S., 24 Euro.

Aus dem Senegal berichtet sie von Molly Melching, die die Organisation „Tostan“ gegründet hat und der Beschneidung von Mädchen entgegenwirkt. Im Ostkongo begegnen ihr die Ärzte Denis Mukwege und Kasereka Lusi und ihr Kampf gegen ein besonders grausames Kriegsinstrument – die Vergewaltigung. Aus Moldawien erzählt sie von Zwangsprostitution, in Nepal von Menschenhandel. Und stets behält sie die Engagierten im Blick, die „Gutmenschen“, die das Recht gegen seinen andauernden Verstoß hochhalten und verteidigen.

Auch Zumutungen wagen

Katja Riemanns Schilderungen ähneln bisweilen Tagebucheintragungen, dann streut sie Gedankenfetzen, innere Monologe, Wortkreationen ein, gibt Gespräche wie Filmszenen wieder. Das wirkt lebendig und anschaulich. Und sie hat ein gutes Gespür dafür, wann es angebracht ist, diese Ebene zu verlassen und schonungslos zu werden, Zumutungen zu wagen und etwa eine Vergewaltigung detailliert zu beschreiben.

Über allem aber steht die bedingungslose Hingabe an „menschenrechtliche Arbeit“: „Was im Feld geleistet und versucht wird, das ist beeindruckend, das ist existent, das gibt es, da passiert was, das ist mein Thema.“ Das hat zwar nicht die virtuose sprachliche Qualität eines Roger Willemsen oder die unnachahmliche Protestprosa eines Konstantin Wecker. Aber das muss es auch gar nicht, um zu berühren. Die Schauspielerin Katja Riemann mit ihrer Gabe zu genauer Beobachtung, mit ihrem Bewusstsein für menschliche Abgründe, lässt, auch wenn sie schreibt, etwas aufscheinen, das großen Künstlerinnen und Künstlern eigen ist: Haltung.

„Die Enden der Welt“ nannte Roger Willemsen eines seiner Bücher, in dem er von seinen Reisen erzählte. Auf ihre Weise führt Katja Riemann sein Erbe fort: Das Ende der Welt, das Ende der Möglichkeiten, ist noch lange nicht erreicht, solange es Menschen gibt, die sich dagegenstemmen.

Sie nimmt uns mit in dieses „Feld“, diese Felder, die es auch in Deutschland gibt. Das ist eines der stärksten Kapitel ihres Buches – auch, weil es klarmacht, dass der Verstoß gegen die Menschenrechte keine Frage von geografischer Entfernung ist. Und zugleich ein Appell, „das Feld“ zumindest gedanklich zu betreten: „Wenn man aufhört zu denken in einem Land, in dem Denken nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist, (…) wenn man sein Denken einstellt, um an seine Stelle Stereotype zu setzen, dann ist das natürlich das Beste, was Propagandisten passieren kann.“

So lässt sich ihr ganzes Buch lesen: Als Aufruf, eine Haltung einzunehmen gegen das „Stigma des Gutmenschen“. Das ist alles, aber nicht langweilig. Und: Es kann in diesen Tagen gar nicht genug solcher Bücher geben.

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