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Katja Petrowskaja „Vielleicht Esther“: Routinen des Todes

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Von: Christian Thomas

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Ein Denkmal und ein Besucher in Babij Jar, Kiew.
Ein Denkmal und ein Besucher in Babij Jar, Kiew. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (3): Katja Petrowskaja: „Vielleicht Esther“

Die Geschichte zum Sprechen bringen, von ihr hören lassen durch Geschichten. Gemacht aus Wörtern, die ein Geschenk für die Phantasie sind. Besonders ergiebig für die Vorstellungskraft des Kindes das Wort Stammbaum, „so etwas wie ein Tannenbaum, ein Baum mit Schmuck aus alten Kisten, manche Kugeln gehen kaputt, zerbrechlich wie sie sind, manche Engel sind hässlich und robust und überleben alle Umzüge.“ Umzüge, die die Erzählerin erlebt hat, aber auch Umsiedlungen, die ihre Vorfahren nicht überlebt haben. Was bereits das Kind ahnt, das sich die Welt durch Wörter erobert. Aber da sind auch befremdende Worte, die das Kind erobern, etwa das Wort „innere Organe“ – als Bezeichnung für eine Bürokratie, die alles öffentliche Leben von innen auffrisst.

In Katja Petrowskajas Geschichten, die sie 2014 unter dem Titel „Vielleicht Esther“ versammelte, kommt eine Welt aus sieben Generationen zusammen, eine über zweihundert Jahre zurückreichende Familiengeschichte mit Namen von Ahnen, die „sich über ganz Europa verteilten“, darunter Lehrer, die Schulen gründeten, exklusive Einrichtungen für Gehörlose. Die Welt zum Sprechen bringen, sie hören lassen: eines der verstörenden Sinnbilder in Petrowskajas Buch mit der Gattungsbezeichnung „Geschichten“, bestehend aus längeren Prosapassagen ebenso wie Schnappschüssen, aufblitzenden Traumsequenzen, dem eigenen Alb, dem erzählten Traumgespenst, nicht zuletzt poetologischen Reflexionen. Die sechs plus zwei Kapitel mit ihren fast 70 Geschichten sind eine postmoderne Textmontage, die sich als Epos versteht. Für die Erzählerin reichen die Recherchen zurück in eine Zeit, die sie ihre eigene „Antike“ nennt, „ins Warschau der Vorkriegsantike“, vor 1914. Erklärtermaßen „Teil eines großen Epos“ wird die nicht abreißende Wanderschaft der Juden in Polen, Russland und in der Ukraine rekonstruiert, vielfach ein Weg in den Tod. Um ihn abzuwenden, nahm „Pogrom-Mädchen“ schon der Urgroßvater 1905 in seine Schule auf.

Wollte man auch das Buch eine Wanderschaft nennen, so beginnt sie in Berlin, der Stadt, „die zu einer der friedlichsten Städte der Welt geworden ist“, der Stadt, von der aus der „Krieg gesteuert worden (ist), der tausendfach Verwüstung verursacht hatte“. Die Erinnerungen der Erzählerin hängen an Gesprächen, an einer schwarzen Haarnadel aus Sowjetzeiten, einer alten Schallplatte auf einem Polenmarkt. Die Dingwelt einer zerborstenen Welt erweist sich als ein Vexierspiegel. Ungezählte Dokumente die gesichtet wurden, unzählige Fotografien, vertieft wird die Vergegenwärtigung durch ausgedehnte Google-Touren. Material in einer Fülle, um sich an der „Geschichte zu verschlucken“.

1970 geboren in Kiew, wo Katja Petrowskaja aufwächst in einem von Privilegierten bewohnten Haus, an einer vornehmen Adresse, geht sie zum Studium nach Estland, promoviert in Moskau, siedelt 1989 um nach Berlin. Sie erfährt die „Kluft der Sprachen“, auch weil „Sprache“ im Deutschen weiblich ist, im Russischen männlich. Intensiv der Wunsch, auf Deutsch auch schreiben zu können, in der Fremdsprache, jahrelang der Sprache des Feindes. Das Befremdende wird zur Bereicherung, 2013 erhält sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihre Erzählung „Vielleicht Esther“. Es ist die Geschichte der Großmutter, die zu schwach war auf ihren alten Beinen, um der Deportation im Sommer 1941 in Kiew zu entgehen.

Zur Sache:

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Katja Petrowskajy: Vielleicht Esther. Geschichten. Suhrkamp Taschenbuch 4596, 288 Seiten, 12 Euro.

Das vierte Buch wird „Die Stadt“ von Walerjan Pidmohylnyj sein.

Gehen ist eines der Schlüsselwörter in diesen Texten. Entgehen hieße entkommen, doch die Greisin ereilt das Schicksal von tausenden Jüdinnen und Juden. Kiew war während der Besatzung durch die Wehrmacht auf Schritt und Tritt ein Ort totaler Willkür, überall drohte „auf der Stelle der Tod“. Zwei mit der Deportation beschäftigten Deutschen entgegentaumelnd, wird sie bereits auf der Straße niedergemacht „mit nachlässiger Routine“. Es ist eine Straße in den Tod, in den Abgrund von Babij Jar, wo Jüdinnen und Juden zu Tausenden durch Maschinengewehre in eine Schlucht hineingemäht wurden.

Die Recherchierende bewegt sich „wie ein Pendel“ durch Raum und Zeit, die Erzählerin ertappt sich dabei, dass sie „wie Gott aus dem Fenster des gegenüberliegenden Hauses“ die Ermordung Esthers beobachtet: „Ich sitze oben, ich sehe alles. Manchmal fasse ich mir ein Herz und komme näher heran und stelle mich hinter den Rücken des Offiziers, um das Gespräch zu belauschen. Warum stehen sie mit dem Rücken zu mir? Ich gehe um sie herum und sehe nur ihre Rücken.“

Warschau, Babij Jar oder Mauthausen heißen die Orte, es sind Chiffren aus dem Zeitalter der Extreme. Jahrzehntelang gab es keinen Großvater, vierzig Jahre wurde er vermisst, aus dem Nichts kommend steht er eines Tages der Zwölfjährigen gegenüber – 1982 ein Greis. Wer war er: ein Überlebender der stalinistischen „Säuberungen“, ein Kriegsgefangener, für die UdSSR somit kein Veteran in der „Menge feierlicher Helden“, vielmehr ein KZ-Insasse, in Mauthausen. Der Versuch sich dort, „früher Konzentrationslager, heute Gedenkstätte“, anzumelden, ist niederschmetternd. Am Telefon die Gewissheit: „Ich bin die Kundin.“ Ein Grund, nicht aufzugeben.

Über den Großvater wird gesagt: „Sein Lächeln nährte sein Schweigen“. Ein Satz, der typisch ist für die Prosa Petrowskajas, charakteristisch für eine Lakonie, die das Beschwiegene zum Sprechen bringt. Zu den wie versiegelten Familiengeschichten gehört die schier unbegreifliche Episode vom „Verwandten“ Judas Stern, dem Großonkel, der am 5. März 1932 in Moskau auf den deutschen Botschaftsrat Fritz von Twardowski schoss und ihn verletzte. Ein Attentat mit enormen Folgen, sprengte es doch die zu der Zeit tatsächlich harmonischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland. Sollte es so sein, dass der Irrsinn Sterns, in den Familiengeschichten entweder verschwiegen oder für „meschugge“ erklärt, „verantwortlich“ war für den Weg in das „größte Unheil des zwanzigsten Jahrhunderts“? Keinen Zweifel lässt die Erzählerin daran, dass der Gang durch die Geschichte der Gewalt, ob flink oder hinkend, ob besser zu Fuß oder schleppend, dem Gesetz einer Tragödie folgt, ganz nach antikem Vorbild. Hineingeworfen in ein unabwendbares Unheil, lautete die Devise des Großvaters: „Wer zweifelte, hat nicht überlebt.“

Zu sehr hat der Zufall des Überlebens die jüdische Familiengeschichte der Erzählerin bestimmt, eine grauenvolle Kontingenz, als dass sich noch an eine konsistente Erzählung glauben ließe. Daher ist der Fluchtpunkt aller Bemühungen das Fragment. Und eine Sprache, ausgedrückt in einer befremdenden Fremdsprache: „Ich war ein sowjetisches Kind (…) und erdete meinen Schritt.“ Wieder ein Gehen, aber kein Weiterkommen dabei, denn Vergegenwärtigung kennt keinen Fortschritt, das Eingedenken, das den Toten gilt, kann nicht auf Erlösung hoffen. Etwa in der Schlucht von Babij Jar, wo an zwei Septembertagen des Jahres 1941, so weiß man es aus Listen, 33 771 Juden ermordet wurden. Zur Gewissheit, die aus den Geschichten spricht, gehört schließlich: „Wir sind mit 20 Millionen Kriegstoten aufgewachsen, dann stellte sich heraus, es waren viel mehr. Durch Zahlen sind wir verwöhnt und verdorben, von der Vorstellung der Gewalt vergewaltigt, wenn man diese Zahlen versteht, akzeptiert man auch die Gewalt.“

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