Kathrin Röggla.
+
Kathrin Röggla.

Wortmeldungen-Literaturpreis

Was passiert da mit uns und mit denen?

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Kathrin Röggla und ihr brillanter Text „Bauernkriegspanorama“, für den sie den Wortmeldungen-Literaturpreis erhält.

Kathrin Röggla entwirft in „Bauernkriegspanorama“ ein dunkles, aber quirliges, geradezu zappeliges Rundbild der deutschen Gegenwart. Corona kommt noch nicht vor. Interessant, dass es die optischen Eindrücke zwar stark geprägt hätte, in der Sache aber wirkt der Text dadurch keinen Deut weniger aktuell. Das Grüppchen, das den Ausgangspunkt bildet, hätte bloß andere, weitere, entsprechende Parolen auf den Plakaten und Lippen.

Das berühmte, das eigentliche „Bauernkriegspanorama“ stammt von Werner Tübke (1929-2004) und ist – unbedingt einen Besuch wert – in einem eigens dafür entworfenen Bau bei Bad Frankenhausen in Thüringen zu sehen. Die Eröffnung im September 1990 markiert einen äußersten Punkt der an dieser Stelle noch einmal faszinierenden und komplexen DDR-Kulturgeschichte, aber nicht darum geht es hier, sondern um das unfassbar große Rundbild selbst. Tübke hielt darin – mit vielen Gegenwartsbezügen – Entschlossenheit, aber auch Wirrnis, Verzweiflung und Verlorenheit rund um Thomas Müntzer und die Schlacht bei Frankenhausen 1525 fest. Dabei stellte er überhaupt ein Panorama der Zeit (der Renaissance), um nicht zu sagen: des menschlichen Lebens zu allen Zeiten her, auch wenn das keineswegs sein Auftrag gewesen war. Man braucht Hilfe, um sich auf diesem Bild zurechtzufinden.

Deutschland, heute

Die künstlerische Gigantomanie des Unterfangens muss nun eine Schriftstellerin nicht bekümmern, und die praktische Umsetzung kann sie fidel mit einer Hand wegwischen, während die andere anfängt, Notizen zu ihrem eigenen Bild zu machen. Deutschland, heute. Lange, schreibt Röggla, ist also nur das erwähnte Grüppchen zu sehen, „das marodierend herumläuft und sich nachts gerne in Träumen zeigt. Sind es Reichsbürger, sind es Wutbürger (...)? Erstaunlich wenig Menschen für so eine Bildfläche obendrein, wird man sagen, da stimmt etwas nicht, aber schon ziehen sie alle Aufmerksamkeit auf sich.“

Zur Sache

Die Schriftstellerin Kathrin Röggla hat mit „Bauernkriegspanorama“ den Wortmeldungen-Literaturpreis für kritische Kurztexte gewonnen, den die Crespo Foundation auslobt. Er ist mit 35 000 Euro dotiert und wird 2020 zum dritten Mal verliehen. Es gibt dazu einen mit 15 000 Euro dotierten Förderpreis, der in diesem Jahr an Miriam Emefa Dzah, Jasmin Merkel und Marie Lucienne Verse geht.

Die Verleihung ist am Sonntag als Radiosendung zu erleben, hr2-kultur strahlt sie um 12.04 Uhr in der Sendung „Literaturland Hessen“ aus. Das Hörspiel „Bauernkriegspanorama“ wird am 21. November um 23 Uhr auf hr2-kultur ausgestrahlt und liegt anschließend als Podcast vor. Das Buch ist der erste Band einer „Wortmeldungen“-Reihe und enthält auch Beate Gütschows Laudatio: „Bauernkriegspanorama“.

Nachfahren Thomas Müntzers seien es jedenfalls nicht, betont Röggla, aber unversehens sie ist schon nicht mehr einfach die Schriftstellerin, die 1971 in Salzburg geboren wurde und in Berlin lebt, sie hat sich bereits selbst ins Bild geschoben (oder ist hineinkatapultiert worden). Denn „wir“, schreibt sie jetzt, demonstrieren hier noch gegen Rassismus und gegen Gentrifizierung und merken nicht oder ahnen bloß, dass „unsere gewohnte Welt“ sich auflöst. „Währenddessen füllen sich andere mit nationalem Stolz, bis sie platzen, sodass Teile des Panoramas mir gleich um die Ohren fliegen werden.“ Denn „das Panorama ist noch in Bewegung“.

Hier lassen sich öde Städte und wutentbrannte Provinzen sehen, da die gerupften Parteien, „auch die Grünen haben etwas hinter sich gelassen, was war es noch“. Im Hintergrund würfeln die, die nichts dafür können, weil sie weisungsgebunden sind oder nicht zuständig oder zumindest womöglich nicht zuständig. „Wir können uns keine Fehler mehr leisten“, rufen sie alle zusammen. Da bekommt man schon beim Hinschauen, also Lesen einen Schreck, weil das ja oft vor dem nächsten Fehler gerufen wird.

Röggla ist an den Plattitüden und ihrem satirischen Gehalt so interessiert ist wie an der Wahrheit. „Die tatsächlichen Toten geraten nie wirklich ins Bild, Opfer von Brandanschlägen, Schlägereien, wüsten Attacken (...) freilich alles Migranten, Menschen, die kaum jemand sieht. Legendenbildung hat sie gleich ersetzt.“

„Bauernkriegspanorama“ ist wie Tübkes Bild voller Details, das Komplizierte darf so kompliziert und so krass in der Schwebe sein, wie es eben ist und wie es viele derzeit (seit jeher) nicht aushalten. Da werden sie schnell nervös. „Wo stehe ich eigentlich, auf wessen Seite, hat man begonnen zu fragen?“ und „ich solle mich hier nicht als Opfer hinstellen“. Aber Röggla kann auch zurückschlagen und als Resümee des Geredes lapidar festhalten: „die Erde wird wieder zur Scheibe:“

Wie bei Tübke gibt es konkrete Anspielungen, wie Tübkes ist auch Rögglas „Bauernkriegspanorama“ das Zeugnis nicht nur eines Moments und nicht einer ganzen Epoche, aber einer Zeit, bei der keiner weiß, wie lange sie anhalten und enden wird. Das Großartige der Grundidee zeigt sich auch darin, dass das Buch wie das Frankenhausener Bild so still und doch so beredet und stürmisch ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare