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Katerina Poladjan „Zukunftsmusik“: Vielleicht eine feine Wurst, vielleicht das Nichts

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

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Katerina Poladjan.
Katerina Poladjan. © Andreas Labes

Katerina Poladjans Roman „Zukunftsmusik“ führt ins Jahr 1985 in der Sowjetunion

Hochdosiert, aber leichthändig ist Katerina Poladjans Roman „Zukunftsmusik“ ausgerechnet einer Zeit des Umbruchs in der Sowjetunion gewidmet, so dass er auch aktuell brennend interessiert. Jedoch ist das kein Lehrstück, höchstens begreift man, dass der Mensch im Einzelnen zu klein ist, um die Übersicht zu bewahren. Dass er aber dennoch Hoffnung hat und ein Recht darauf.

Matwej zum Beispiel „war ein vierundfünfzigjähriger Mann, der seine Gesundheit durch morgendliche Kniebeugen und den täglichen Verzehr von Haferbrei erhielt. Seinen Geist und seine Seele fühlte er der Poesie verpflichtet. Er nahm das Kästchen mit der Aufschrift ,Liebe‘, steckte die Nase hinein, atmete die Liebe ein und aus.“ Denn Matwej, der seltsame Sammlerangewohnheiten pflegt, ist ein braver, sogar ein gefährlicher Funktionär. Aber er mag Maria und deren Enkeltochter, und als die drei zufällig gemeinsam von Kroschkas Kindergarten nach Hause gehen und Maria sieht, wie sich das Kind am Hals des Mannes festhält, war ihr, „als hätten sie nicht die Kommunalka zum Ziel, sondern ein Stückchen Zukunft“.

Eine Zeit des Umbruchs. Die Menschen wissen es noch nicht, aber mit der Macht einer Schriftstellerin lässt Poladjan es sie spüren. Die Menschen könnten denken, es wäre bloß das mühsam sich nähernde Winterende.

Der neue Generalsekretär

„Zukunftsmusik“ spielt am 11. März 1985. KPdSU-Generalsekretär Konstantin Tschernenko ist am Vortag gestorben, am Abend wird es im Radio verkündet. „Damit war es heraus“, denkt Matwej, „eine Geschichte war zu Ende, eine andere begann.“ In der Tat. Aber dass an eben jenem Tag Michail Gorbatschow zum Parteichef berufen wird, fällt im Roman nicht ins Gewicht, der Name wird nicht genannt, ein Versteckspiel Poladjans, aber auch die Realität. Veränderungen treten ein, bevor man sie bemerkt. Dass Perestroika, der Umbau, den Gorbatschow bald darauf startet, in der Gemeinschaftswohnung bereits am Abend dieses 11. März zu verspüren ist: ein grandioser kleiner Coup der an dieser Stelle durchaus zaubernden Autorin. Ein Mann betritt verdutzt das falsche Zimmer – offenbar, sagt er, seien die Wände umgestellt worden. Das Gerücht geht um, die Wohnung werde aufgelöst. Ein Korridor öffnet sich schließlich ins Freie hinaus. Magischer Realismus für die Sowjetunion und das Personal des Buches, liebenswerte Menschen im Großen und Ganzen.

Zum Buch:

Katerina Poladjan: Zukunftsmusik. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2022. 192 Seiten, 22 Euro.

Hochdosiert: „Zukunftsmusik“ spielt von morgens um halb 7 bis in die Nacht hinein, am Morgen läuft schon Trauermusik im Radio, am Abend will die junge Janka ein Hauskonzert geben und zur (allerdings kaputten) Gitarre selbstgeschriebene Lieder singen. Es kommt anders, aber gesellig wird es sein, die Gesellschaft gedrängt und plastisch wie unter dem Mikroskop.

Hauptschauplatz ist eine Kommunalka tief im Osten und fern von Moskau. Fünf Parteien leben hier in jeweils einem Zimmer, eine klassische Form des sowjetischen Umgangs mit der Wohnungsnot und -zuteilung. Poladjan skizziert das mit schlanken Linien, aber die Haptik des Interieurs ist enorm – vom hochklappbaren Bett, das mit einem routinierten Faustschlag fixiert wird, bis zu den fünf Herden, auf denen auch das stets schmackhafte Essen der für uns traumhaft geheimnisvoll bleibenden „Karisen“ köchelt. Immer wieder weitet sich der Raum ins Unwahrscheinliche, am Ende buchstäblich, zuvor bereits ins Literarische und Cineastische: Tschechow – dessen Ton mit seiner lakonischen Verzweiflung, seinem Witz auch die Romangespräche prägt –, der Dichter Jewgeni Jewtuschenko, die Strugatzky-Brüder mit ihrem Film „Hotel zum verunglückten Alpinisten“. Poladjan, 1971 in Moskau geboren und acht Jahre später nach Deutschland gekommen, macht mit Feinsinn und Vergnügen das Angebot, Welten mitzudenken. Man muss aber nicht, um sich in ihrem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman zurechtzufinden.

Enorm lebendig ebenso das Personal. Im Zentrum ein Vier-Frauen-Haushalt, Maria, ihre Mutter Warwara, ihre Tochter Janka und deren Tochter Kroschka. Matwej. Ippolit und seine Frau, beide arbeiten in Schlafwagenabteilen auf der Strecke Moskau – Wladiwostok. Oft genug fahren sie lediglich aneinander vorbei. Sie einst zu ihm: „Ich heiße Ljubow Maximowna und in meinem Zimmer, das ich in einer Kommunalwohnung gemietet habe, gibt es noch Platz, Kinder will ich keine, was meinen Sie? Bis heute versetzt ihn ihre Kühnheit in Erstaunen, und oft saßen sie beisammen und lachten darüber.“

Undramatische Affären spielen sich in der Kommunalka ab, Ippolit und Warwara treffen sich flugs bei ihm, wenn es passt. Matwej und Maria mögen sich. Janka indessen interessiert sich nicht dafür, wer der Vater ihres Kindes ist. „Meinst du, ich will dich jeden Tag vor der Nase haben, nur damit mein Kind jemanden Papa nennen kann“, patzt sie ihren Freund Pawel an, der durchaus bereitstünde. „Meinst du, ich will für dich Piroggen backen und zu deinen Eltern ziehen, bis du eine Arbeitsstelle bekommst?“

Die große Geduld

Die Freiräume in begrenzter Lage: Es ist nicht einfach, das auszuloten. „Sie haben recht“, sagt Maria zu Matwej, „wir hatten keine gute Jugend. Andererseits ist die Jugend immer schön. Wir haben geküsst, und wir haben getanzt, und alles schien möglich. Die Zukunft hatte Zeit.“ Matwej sagt: „Nein, ich erinnere mich nicht.“ Matwej will für Kroschka etwas Schokolade kaufen, aber es gebe keine in der ganzen Stadt, erklärt ihm die betrübte Süßwarenverkäuferin. „Matwej schaute ihr prüfend ins Gesicht. Aber verzichten müssen wir doch gar nicht, wir müssen nur geduldig warten, bis er wieder welche gibt.“

Maria, Wärterin im Natur- und Völkerkundemuseum, stellt sich nach Dienstschluss in eine Schlange, die sich auf der Straße gebildet hat. „Was es am Anfang der Schlange gab, wusste sie nicht, Schwämme, Haferflocken, geräucherten Fisch? Sie stellte sich an, vielleicht lohnte es sich.“ Von ihrem Vordermann erfährt sie: „Am Anfang dieser Schlage erwarten uns feine, rosa glänzende Krakauer Würstchen, und wenn wir Pech haben, erwartet uns das Nichts.“ Denn auch große Worte und Sentenzen sind möglich, wenn „Zukunftsmusik“ erklingt.

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