Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kate Atkinson. Foto: Helen Clyne
+
Kate Atkinson.

Kriminalroman

Kate Atkinson „Weiter Himmel“: Was Jackson Brodie nie lesen würde

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

Die meisterhafte Erzählerin Kate Atkinson hat endlich wieder einen Kriminalroman geschrieben

Ein Privatermittler, mit dessen Ermitteln es nicht sehr weit her ist – immerhin gibt er es auf Nachfrage sofort zu. Ein Luxusweibchen, das weiß, wann es die glitzernden Pumps aus- und die Sneakers anziehen muss, um guten Halt zu haben auf dem Gaspedal und Auto fahren zu können wie ein wasserstoffblonder Teufel. Ein Golfspieler, der die Welt, seine Frau und seine Golfkumpel nicht mehr versteht. Und seine Frau bald nicht mehr fragen kann, denn da liegt sie auch schon im gepflegten Garten, mit einem Golfschläger erschlagen.

Es wäre ein Missverständnis, Kate Atkinsons neuen, fünften Jackson-Brodie-Band „Big Sky“ (2019, die Übersetzung „Weiter Himmel“ erscheint am heutigen Montag) wegen dieser Aufzählung für einen mit Kalkül flach gehaltenen, klischeesatten, gar nur witzig gemeinten Krimi zu halten. Wenn diese Schriftstellerin, geboren 1951 in York, Scherze macht, so von einer dem Leben, diesem Schuft, unbedingt trotzenden Sorte. Ihre Figuren wissen, dass sie kaum eine Chance haben – aber wenigstens können sie diese noch schnell für einen Kalauer, ein bitteres Wortspiel nutzen.

Atkinsons ebenfalls schon ziemlich gebeutelter, mehrfach reingelegter, öfters verlassener Privatdetektiv Jackson Brodie wird hauptsächlich von Eifersüchtigen/Scheidungswilligen engagiert. Er soll herausfinden, wer wen mit wem betrügt, auf dass es vor Gericht verwendbar ist. Wikipedia nennt Brodie „etwas behäbig“ – tatsächlich ist er keine Heldenfigur. Doch das kann kein Qualitätsurteil über seine Erfinderin sein, die mit jedem ihrer Krimis ein detailliertes, realitätsnahes, erdverbundenes Gesellschaftspanorama schreibt, und eben keinen Actionthriller.

Das Buch:

Kate Atkinson: Weiter Himmel. Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube. Dumont, Köln 2021. 480 S., 24 Euro.

Obwohl: Kate Atkinson nimmt in „Weiter Himmel“ zwar einen langen Anlauf, sie erzählt erst einmal von Jacksons Verhältnis zu seinem Sohn, von Vinces (das ist der Hobbygolfer) Stress mit Frau und Job, von Crystals (das ist die Frau mit den Pumps) Bemühen, nur ja nicht auf die falsche Seite ihres Mannes zu geraten – dann aber geht es los mit Mord, Entführung, Verfolgungsjagd, Entkommen, Verfolgungsjagd, Schießerei ... und wird rasant.

Jedoch kann man das Kernthema und -anliegen zusammenfassen: Männer bauen sich die Welt, wie sie sie haben wollen, notfalls unter Anwendung von Gewalt; Frauen müssen tricksen, wenn sie ein Stück abhaben wollen vom guten Leben; und wer zu weich ist – Vince zum Beispiel in den Augen seiner „Golffreunde“ –, der hat Pech gehabt. Vince kann nicht glauben, dass die Polizistin, die den Mord an seiner Frau untersucht, ihm mit Agatha-Christie-Logik kommt: Aber das ist doch Fiktion, möchte er sagen. Und hält lieber den Mund.

Weder Agatha Christie noch Stieg Larsson

Aufgeräumt und ratespaßig, so geht es bei Christies Landsfrau Kate Atkinson in der Tat nicht annähernd zu. Trotz veritablem Showdown freilich auch nicht megablutig. Hinterlistig lässt sie Jackson Brodie den Romantitel „Das Mädchen mit der Nase in einem Buch“ erfinden (die englischen Stieg-Larsson-Bände sind benannt „The Girl Who...“ bzw. „..With...“) und denken: „noch ein skandinavischer Krimi, den er nicht lesen würde“.

Larsson überzeichnet so krass, dass die Leserin, der Leser, darauf gucken kann wie auf gruselig-grelle Abziehbilder. Dies gestattet einem Atkinson nicht. Sie holt im Gegenteil die Geschichten von Mädchenhandel, von denen man in der Zeitung liest, unbehaglich nah ran, indem sie von den eigentlich keineswegs naiven osteuropäischen oder asiatischen Frauen erzählt, die sich nicht vorstellen können, dass der smarte Vermittlungsagenturtyp, mit dem sie so nett skypen, sie nicht in ein Hotel vermitteln will. Sie können doch Englisch, sie wollen doch arbeiten, notfalls als Putzfrau, und sich eine kleine Existenz aufbauen. Aber was kann man (also: Mann) schon an der Vermittlung einer Hotelangestellten verdienen? Peanuts.

Der Mann, der junge Frauen einschleust und in die Prostitution verkauft, ist auch ein Mann, der seine Kinder liebt, seine Frau verwöhnt, dem Hund kein Öhrchen krümmen würde. Ist er etwa nicht verantwortlich dafür, dass es den Seinen gut geht? Auch davon erzählt Kate Atkinson: Wie der Mensch sich sein Tun schön redet, sein Gewissen zur Ruhe bettet, wenn er nur an seine Kinder und seinen prächtigen Pool denkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare