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Die Katastrophe kommt bestimmt

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Die Überlebens-Gruppe nennt ihre Kühe Kafka, Hitler, Nero und Tizian.
Die Überlebens-Gruppe nennt ihre Kühe Kafka, Hitler, Nero und Tizian. © © epd-bild / Rainer Oettel

Fantastisch überbordende Einfälle, bizarre Details und Sprachspielereien: Thomas von Steinaeckers Zukunftsmärchen "Die Verteidigung des Paradieses".

Von Sabine Vogel

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Deutsche Flüchtlinge? Verhungert, abgerissen, seelisch und körperlich am Ende nach wochenlangen Fußmärschen durch zerstörte Landschaften und feindselige Gebiete, zu Tausenden gestrandet an martialischen Grenzanlagen, in viehischen Auffanglagern interniert, der Willkür von kriminellen Schleppern und Schleusern und Menschenhändlern ausgesetzt?

Als Thomas von Steinaecker vor drei, vier Jahren an seinem Fantasy-Roman für Erwachsene schrieb, konnte er nicht ahnen, welchen moralischen Dreh die aktuelle Geschichte seinem Romanstoff verleihen könnte. Angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingssituationen käme ihm eine solch realistische Zukunftserfindung anmaßend oder gar obszön vor. Aber die Moral vom Kampf zwischen Gut und Böse, ein fast schon banales Grundmotiv des derzeit zusehends für „ernste“ Schriftsteller attraktiven Science-Fiction-Genres, ist in seiner postapokalyptischen Geschichte sowieso vorhanden.

Die Klimakatastrophe hat schon stattgefunden, alle natürlichen Lebensgrundlagen sind als Folge der Erderwärmung zerstört, Städte sind in Fluten untergegangen, der Rhein ist ein riesiges Binnenmeer, Wälder, Felder und Wiesen sind versteppt. Leben ist nur noch unter riesigen Schutzschirmen möglich, die vor der tödlichen Sonne schützen und mit ihren Solarpanelen ein ideales Wetter herstellen. Das Brandenburgische Tropical Island als letzte Version für eine bewohnbare Welt.

Doch dann knallt auch dieses elaborierte System der Natursimulation durch. Ganz Mitteleuropa wird radioaktiv verstrahlt, die wenigen Überlebenden bekriegen oder fressen sich gegenseitig auf, Leichen pflastern die Autobahnen. Nur in einem künstlichen Freizeit-Resort auf einer bayerischen Alm haben die Schutzschilde gehalten und eine Handvoll Leutchen wird verschont.

Die kleine „Schicksalsgemeinschaft“ besteht aus einem respektablen Anführer, einem Ex-Söldner, Typ raue Schale, weiches Herz, einer alten, guten Fee mit Kräuterwissen und dementen Aussetzern, einem für die Bergbauern-Praxis untauglichen „Informations-Architekten“ (Journalist) und seiner Frau, die irgendwann natürlich schwanger wird. Dazu kommt unser Erzähler Heinz, der beim Weltuntergang als Vierjähriger mit seinem elektronischen Spielzeugfuchs aufgelesen wurde, der ihm 110 Märchen erzählt. Inzwischen hat das Nesthäkchen „Krumbumm Heinz“ Stimmbruch, kriegt zum 15. Geburtstag Heft und Stift geschenkt und wird zum Chronisten der Geschichte auserkoren.

Der pubertierende, herrlich altkluge Schriftführer führt Selbstgespräche in merkwürdig gestelztem Jugendslang, er ist mal „supersad“, mal vergibt er Zehn-Top-Foxy-Punkte, er hat einen Narren gefressen an „strangen“ „Altwörtern“ aus der „Voruntergangszeit“ wie „spornstreichs“, „Würde“ oder „Trost“. Und zusehends fallen ihm die Anfangssätze von Romanklassikern ein. Das kommt, wie wir später erfahren, vom Chip in seiner Achselhöhle.

Wie das hochbegabte Kind tobt sich auch der multitalentierte Thomas von Steinaecker – Hörspielautor, Webcomicmacher, Filmregisseur zu Richard Strauss, Stockhausen und John Cage – in fantastisch überbordenen Einfällen, bizarren Details und Sprachspielereien aus. Da ist fast banal, dass die Überlebens-Gruppe ihre Kühe Kafka, Hitler, Nero und Tizian nennt, um bei aller Schweinehüterei und allem Ausasten die Kultur vor dem Vergessen zu bewahren.

Doch über die Almidylle gleiten riesige Drohnen, eine Seuche streckt die Nutztiere nieder, und die sieben brechen auf zu einem Marsch durch die verwüstete Welt. Dunkel ist’s, die Sonne sticht, kannibalistische Zombies geistern über zerbröselnde Autobahnen, in entgleisten Zugwaggons feiern Leichen ein Bankett, München bröselt in Ruinen, Sklavenhalter quälen degenerierte Mutanten, Monster haben Brutalo-Sex und in den Auffanglagern herrscht Lynchmord, Menschenhandel, Selektion. Glück hat, wer zum Arbeiten in die giftigen chinesischen Spielzeugfabriken darf.

Wie es halt so zugeht in der Dystopie. Der Zug der letzten Menschlein durch ein apokalyptisches Szenario ist bei Steinaecker bunter, schriller als etwa in Cormac McCarthys „Die Straße“. Die Frage nach der Würde, dem Menschsein, den Werten der Altwelt wirkt da wie ein Zitat, eine grell verkitschte Parodie. Denn unser kleiner Heinz, der Chronist, ist selbst ein Klon. „Die Verteidigung des Paradieses“ übernehmen am Ende die elektrischen Mönche. Hauptsache, die Batterien halten bis zum nächsten Weltuntergang.

Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 405 S., 24,99 Euro.

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