Karosh Taha.
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Karosh Taha.

Roman

Karosh Taha „Im Bauch der Königin“: Einerseits und andererseits

  • Judith von Sternburg
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Wie Raffiq und Amal es sehen: Karosh Tahas schillernder Roman „Im Bauch der Königin“.

Sind Raffiq und Younes die besten Freunde und sind Raffiq und die fabelhafte Amal mit den knallroten Nägeln das perfekte Paar (nur müsste es sich noch finden)? Oder gehören Amal und Younes zusammen? Und Amal hat als Kind Younes einmal verprügelt, und da Frauen so etwas nicht tun, ist sie seither das Mogli-Mädchen der Schule und der Siedlung? Und Raffiq und seine Freunde machen den beiden das Leben schwer? Auch in dieser zweiten Geschichte hat Amal knallrote Nägel, aber sie sind jetzt kein Zeichen ihres Selbstbewusstseins, sondern ihrer Unsicherheit. Auch hier gibt es eine legendäre Stadtstrandparty, aber es kommt nicht zu einer gemeinsamen Nacht – verlegen, aber auch ganz schön –, sondern zu einer irrsinnigen Schlägerei.

Die beiden Seiten einer Medaille können sich drastisch voneinander unterscheiden, einander auch widersprechen. Ohnehin wird es nie ein Nebeneinander oder ein Aufeinanderstoßen geben. Wer sich vorstellt, der Wenderoman „Im Bauch der Königin“ erzähle eine Geschichte bloß aus zwei Perspektiven, der irrt. Auch liegt falsch, wer die Wenderomananordnung bloß für eine Marotte der Autorin hält, eine konsequent durchexerzierte Marotte: „Im Bauch der Königin“ hat hinten und vorne, „hinten“ und „vorne“, das gleiche Titelblatt, zum leicht unterschiedlichen Klappentext gibt es auch zwei Fotos von Karosh Taha.

Allein das Lesebändchen könnte den Weg weisen, wenn es eines gäbe. Tatsächlich aber muss jeder selbst und wird wohl der Zufall entscheiden, auf welcher Seite sich Leserin und Leser zuerst in die Mitte lesen, auf Raffiqs oder Amals. In der Mitte warten Antihöhepunkte. Im Bauch der Königin ist Platz für viele und für vieles, aber nichts rundet sich.

Karosh Taha: Im Bauch der Königin. Roman. Dumont, Köln 2020. 255 Seiten, 22 Euro.

die gleichen Figuren vorkommen – sie haben sich stark verändert –, und in der Ereignisse sich nicht wiederholen, aber aneinander erinnern. Als wären Spiegel aufgestellt worden, wechseln Motive und Elemente den Platz. Raffiqs Vater etwa, der im Irak Architekt war und in Deutschland nur als Lagerarbeiter einen Job findet, sehnt sich nach der Heimat und plant die gemeinsame Rückkehr mit der Familie. Amals Vater ergeht es dann ebenso, aber er fährt allein zurück.

Karosh Taha, 1987 in der kurdischen Stadt Zaxo im Irak geboren und 1997 ins Ruhrgebiet gekommen, hat vor zwei Jahren erfolgreich mit dem Roman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ debütiert. Faszinierend, wie in der positiven Resonanz damals gelegentlich auch anklang, dass sie womöglich klischeehaft über die migrantische Welt von Kurden in Deutschland schreibe, so als sei sie verpflichtet, ein besonders differenziertes und sozusagen angemessenes Bild zu vermitteln. Karosh Taha ist allerdings Schriftstellerin, und sie skizziert ihre Figuren mit deutlichen Strichen. Das Schillernde – und auch „Im Bauch der Königin“ ist ein schillernder Roman – entsteht nicht so sehr durch eine filigrane Zeichnung der Figuren und Konstellation, sondern durch ein stetes Spiel mit Erwartung und Anschein und mit jenen Missverständnissen, die daraus entstehen.

Das kann sehr witzig sein – die jungen Macker im Boxclub –, es ist aber auch aufschlussreich. Amals Mutter, die von ihrem Mann verlassen wird und von anderen Männern nicht belästigt werden will – ja, sie wird sofort belästigt, eine Frau, deren Mann nicht mehr da ist –, trägt jetzt „als Attrappe“ ein Kopftuch. Amal schämt sich, „weil Mutter nicht Stoff trägt, sondern Schlagzeilen – plötzlich ist Mutter unterdrückt, Mutter ist ungebildet, Mutter ist fanatisch, Mutter ist abhängig ...“. Sie sehe aus „wie eine türkische Oma“, sagt Amal. Genau das wolle sie erreichen, sagt ihre Mutter. Nun bitten die Nachbarn sie um Rat in religiösen Fragen. Die Mutter geniert sich, dass sie die Antworten nicht weiß, und beginnt, im Koran zu lesen. Wir werden zu denen, nach denen wir aussehen.

Der Titel „Im Bauch der Königin“ selbst bezieht sich offensichtlich auf Younes’ Mutter Shahira, deren „Freizügigkeit“ sie zur Sensation der Siedlung macht. Sind sie und ihr stiller, körperlich irgendwie gigantischer Sohn Younes die originellsten Projektionsflächen des Romans – bewundert, bestaunt, verachtet, beim Lesen bleiben sie aber letztlich unwahrscheinlich –, sind Raffiq und Amal quicklebendige Jugendliche: Gerade weil sie ihrerseits, jeweils in der Außensicht (und der Sicht der Leserin), geradezu Abziehbilder junger Stadtbewohner mit Migrationshintergrund darstellen, wischt die Innensicht die Stereotype so nachdrücklich weg.

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