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Sie entschied sich für Nummer 5: Coco Chanel.

Chanel N°5

Karl Schlögel: „Der Duft der Imperien“ – Parallelparfüms in Ost und West

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Die beiden verfeindeten Gesellschaftssysteme rochen unterschiedlich. Und sie kauften auch darum unterschiedliche Parfüms.

  • Karl Schlögel befasst sich in seinem neuen Buch mit Parfümen.
  • Darin vergleicht er die Düfte „Chanel N°5“ und „Rotes Moskau“.
  • Doch was haben die beiden Düfte miteinander zu tun? 

Das Buch ist der Erinnerung an Karl Lagerfeld gewidmet. Das verblüfft den versierten Schlögel-Leser. Es gibt viele Schlögel-Bücher. 2017 erschien sein mehr als 900 Seiten umfassendes Buch „Das sowjetische Jahrhundert – Archäologie einer untergegangenen Welt“. Im Jahr darauf erhielt es den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse und ist heute in der vierten Auflage. Kaum jemand hat in den letzten dreißig Jahren – mit mehr als zwei Dutzend Büchern – so viel zur Vermehrung unserer Kenntnisse über die Geschichte der Sowjetunion und deren Entstehung beigetragen wie der 1948 geborene Karl Schlögel. Bis zum Jahr 2013 war er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Karl Schlögel: „Chanel N°5“ und „Rotes Moskau“

Dass Geschichte nicht nur das ist, was in den Büchern steht. Dass der Historiker vielmehr lernen muss, Städte und Landschaften zu lesen, dass Städte einen Sound haben, darauf hat uns Schlögel immer wieder aufmerksam gemacht. Aber eine vergleichende Duftgeschichte? Nichts, von ein paar Nebenbemerkungen abgesehen, hat uns darauf vorbereitet, dass Karl Schlögel sich einmal mit Parfüms beschäftigen würde, geschweige denn eines seiner Bücher Karl Lagerfeld widmen. Genau das aber tut er in seinem neuen Buch. Er erzählt die Geschichte zweier Düfte, die von „Chanel N°5“ und die von „Rotes Moskau“. Schlögel ist empfänglich für Eindrücke und Impressionen, und kaum jemand vermag sie so überzeugend zu vermitteln wie er. Das liegt aber daran, dass er sich ihnen nicht überlässt. Er forscht und analysiert, wo andere assoziieren.

Beide Parfüms existieren bis heute. Beide Parfüms gehen auf denselben Duft zurück. Die Coco-Chanel-Geschichte wurde oft erzählt. Dmitri Pawlowitsch Romanow, Cousin des letzten Zaren und Liebhaber von Coco Chanel, arrangiert im Spätsommer 1920 ein Treffen der Designerin mit Ernest Beaux, einem französischen Parfümeur, der am Hof des Zaren 1913, zum 300-jährigen Jubiläum der Dynastie der Romanows, das „Bouquet de l’Imperiatrice Catherine II“ kreierte. Das Rezept brachte er nach dem Sturz des Zaren nach Cannes. Aus ihm entwickelte er zehn Düfte, die er Coco Chanel unter die Nase hielt. Sie entschied sich für Nummer fünf. Mit dem Argument: „Ein Parfüm für Frauen mit dem Duft einer Frau.“

Chanel N°5: Der Duft einer neuen Epoche 

Es handelte sich um eine Mixtur aus vor allem Provence-Rose, Jasmin und den erst ein paar Jahre zuvor synthetisierten Luftmolekülen Aldehyde. Chanel N°5 war der Duft einer neuen Epoche. Die schweren Bouquets gehörten der Vergangenheit an. Chanel N°5 war der Duft der neuen Frau, des berufstätigen Bubikopfs.

Was hat Chanel N°5 mit Rotes Moskau zu tun? Nach der Revolution waren aus den riesigen Parfümeriefabriken Seifensiedereien geworden. Statt Parfüms für die Elite wurden Hygieneartikel für die Massen hergestellt. Mitte der 20er Jahre wurden wieder Parfüms kreiert. Rotes Moskau kam 1927 zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution auf den Markt.

Der Parfümeur Auguste Michel hatte den erfolgreichsten sowjetischen Duft geschaffen, basierend auf seinen vorrevolutionären Erfahrungen in den Parfüm-Fabriken von Rallet und Brokar. Beaux und Michel hatten denselben Lehrer gehabt. Sie kamen beide aus den großen Parfümeriefabriken des vorrevolutionären Russlands, die ganz Eurasien mit ihren Produkten versorgten. Beaux war nach Frankreich geflohen. Michel hingegen war in der Sowjetunion geblieben.

Karl Schlögel: Geteilte Duftnoten für eine geteilte Welt 

Der Duft der Imperien – Chanel N°5 und Rotes Moskau.

Karl Schlögel verfolgt, so gut das heute noch geht, die Lebensläufe der beiden französischen Parfümeure, die, ausgehend von derselben Mixtur, der geteilten Welt auch geteilte Duftnoten verschafften. Aber Schlögel geht weiter. Er erinnert uns an Coco Chanel (1883-1971), an ihre grenzenlose Kollaborationsbereitschaft, ihren Hang zur Reaktion, ihre geniale Geschäftstüchtigkeit, ihren genialen Riecher für immer wieder einen neuen Chic. Ohne Coco Chanel hätte sich die Erfindung des Emigranten Ernest Beaux womöglich – wie so viele andere Gerüche auch – irgendwann einmal in Luft aufgelöst.

Coco Chanel gegenüber steht in der ergreifenden Erzählung Karl Schlögels Polina Shemtschushina-Molotowa (1897-1970). Seit 1921 war sie mit Wjatscheslaw Molotow (1890-1986) verheiratet, dem späteren Außenminister der Sowjetunion und Unterzeichner des Hitler-Stalin-Pakts. Polina Shemtschushina-Molotowa war die Tochter eines jüdischen Schneiders aus einem ukrainischen Schtetl. Von 1932 bis 1936 leitete sie den staatlichen Parfümerietrust. Von Januar bis November war sie die Chefin des Volkskommissariats für Fischindustrie. „Die erste und einzige Frau als Volkskommissarin in der Geschichte der UdSSR“, schreibt Schlögel. Sie wurde dann zurückgestuft und Leiterin der Abteilung für Textil- und Galanterieindustrie im Volkskommissariat für Leichtindustrie. Am 29. Dezember 1949 wurde sie wegen prozionistischer Aktivität – sie hatte sich mit der ersten Botschafterin Israels in der UdSSR, mit der späteren Außenministerin und Ministerpräsidentin Golda Meir, getroffen – zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Am 25. März 1953 – zwanzig Tage nach dem Tode Stalins – wurde sie aus der Haft in die Rente entlassen.

Der Vergleich der Duftimperien von West nach Ost 

Einer der Klassiker der europäischen Geschichtsschreibung sind Plutarchs „Parallelbiografien“, entstanden im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Der griechische Autor vergleicht Alexander den Großen mit Cäsar, Perikles mit Fabius Maximus. Das sind natürlich keine historischen Biografien wie wir sie heute schätzen. Aber sie machen deutlich, wie erhellend Vergleiche sein können, wenn man sie richtig anzustellen versteht.

Karl Schlögels Vergleich der Duftimperien von West und Ost scheitert natürlich daran, dass wir nicht wissen, wie Chanel N°5 und Rotes Moskau in den 20er Jahren rochen. Nichts ist erhalten von ihnen. Es gibt Flakons, es gibt Plakate, es gibt Beschreibungen. Aber kein Archiv der Welt macht uns den Duft einer vergangenen Epoche wieder zugänglich. Nicht einmal den eines bestimmten Parfüms.

Andererseits: Unser Gehirn, unsere Nasen bewahren, was immer sie einmal gerochen haben. Kaum etwas katapultiert unser Gemüt so massiv zurück in die Welt früherer Empfindungen wie der Geruch. Schlögel erinnert an die Geruchsschranke, die Berlin die Mauer entlang teilte – die Nasen der alten Westler können sich noch sehr genau erinnern. So wie man den eigenen Geruch nicht wahrnimmt, so nehmen auch Gesellschaften den ihren nicht zur Kenntnis. Sie bedürfen der Nasen der anderen, um sich riechen zu können.

Karl Schlögel: Eine Reise in die Zufälligkeiten der Weltgeschichte

Das Buch

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien – Chanel N°5 und Rotes Moskau. Hanser Verlag, München 2020. 221 S., 23 Euro.

Schlögel, der die parallelen Biografien seiner Heldinnen mit größter, ansteckender Neugierde ausbreitet, führt uns hinein in die Zufälligkeiten der Weltgeschichte. Ohne den Liebhaber der Chanel hätte es kein Chanel N°5 gegeben. Und ohne die Phase der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) keine neue Bourgeoisie und kein Wiedererwachen der Parfümindustrie. Und also auch kein Rotes Moskau zum Jahrestag der Oktoberrevolution.

Karl Schlögel ist ein großer Erzähler. Aber einer, der sich sehr interessiert für die Theorien über Geschichte und Geschichtsschreibung. Er interessiert sich so sehr dafür, dass er sie immer wieder ausprobiert hat. Auch „Der Duft der Imperien“ ist ein solches Experiment. Kann man eine Duftgeschichte schreiben, nachdem die Düfte längst verflogen sind? Schlögel wirft diese Frage auf. Er erörtert sie ein wenig. In Wahrheit aber setzt er sich hin und versucht, eine zu schreiben. Mit den Quellen, über die er verfügt. Diese Quellen sprudeln mal opulent wie im Falle von Coco Chanel, mal sind sie spärliche Rinnsale wie bei Polina Shemtschushina-Molotowa. Allerdings führt so manches, was sich als Quelle geriert, auch viel abgestandenes Brackwasser aus Legenden und Public Relations mit sich.

Chanel N°5: Der lang anhaltende Erfolg 

Wir erinnern uns nur noch mühsam an die zweigeteilte Welt, in der Marilyn Monroe verkündete, zum Schlafen trage sie nur ein paar Tropfen Chanel N°5. Ähnlich Frivoles ist aus der Duftwelt von Rotes Moskau nicht überliefert. Den Kremlturm als Schraubverschluss soll Polina Shemtschushina verfügt haben. Also ein Akt der Nostalgie? Nostalgisch hat Chanel N°5 erst sein lang anhaltender Erfolg werden lassen. Die Duftkomposition selbst soll revolutionär gewesen sein.

Auf eine der Nebenfiguren in Schlögels Erzählung soll kurz noch hingewiesen werden: Kasimir Malewitsch. Der hatte 1911 den Flakon für das erfolgreichste russische, sowjetische Eau de Cologne – es hieß Severny (Norden) – entworfen. Der Flakon hatte die Form eines Eisbergs und auf dem Schraubverschluss stand ein Eisbär. Erst 1996 wurde die Produktion von Severny eingestellt. Schlögel regt an, beim Chanel N°5-Flakon weniger an künstlerischen Minimalismus à la Mondrian zu denken als an die kleinen Flaschen, in denen die Offiziere der Zarenarmee ihren unverzichtbaren Wodka mit sich führten. Unwillkürlich denkt die Leserin wieder an den Romanow, der Coco Chanel mit dem aus Russland geflohenen Parfümeur zusammenbrachte. Auch das: parallele Leben, die, aus ihren Bahnen geworfen, für knappe Momente zusammenstoßen.

Von Arno Widmann 

Der amerikanische Autor Upton Sinclair schrieb eine Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist Zeit, sie zu lesen.

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