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Karl Ove Knausgård in Frankfurt: Schaurig sollte es sein und ist es auch

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Von: Marcus Hladek

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Karl Ove Knausgard, hier bei der Frankfurter Buchmesse.
Karl Ove Knausgard, hier bei der Frankfurter Buchmesse. © AFP

Karl Ove Knausgård im Schauspiel Frankfurt.

Wenn Tote während der Organernte auf dem OP-Tisch erwachen, obwohl die Blutzufuhr ins Gehirn gestoppt und die Knochensäge in Aktion getreten war, hält man normalerweise einen Genreautor wie Stephen King in Händen. Diesmal nicht. Genregrenzen sind eben für die Katz’, besser gesagt: für eine von zwei Katzen, die im jüngsten bei Luchterhand erscheinenden Roman Karl Ove Knausgårds: „Der Morgenstern“ (Übersetzung: Paul Berf), leicht makaber zu Tode kommen.

Der Norweger, den die autofiktionelle Romanreihe „Kämpfen“ berühmt machte, lebt mit dritter Frau und sieben Kindern in London. Von da kam er als Gast des Literaturhauses Frankfurt ins Schauspielhaus, die neben Köln einzige Lesung im Lande. Literaturhaus-Leiter Hauke Hückstädt eröffnete die Lesung, Andreas Platthaus moderierte, Christoph Pütthoff trug vor.

Ein Buch von 892 Seiten, die sich aber in zwei Tagen runterlesen lassen: so verkehrt ist die Stephen-King-Assoziation nicht. In Frankfurt bestätigte der Autor: „Ich wollte so etwas wie Schauerliteratur schreiben.“ Das hat er sich erfüllt – mit einem neuen großen Stern am Himmel, der als Supernova angesprochen und mit Luzifer, Jesus und gnostischen Theologien verknüpft wird. Mit Tieren, die verrückt spielen, einem Raben als Zeichen Gottes (erste Lese-Passage: Seiten 514 bis 528) und einer Unterweltswanderung.

Knausgård geht es offenbar nicht um „Aber“-Glaube und Psychologie, sondern Glaube und Philosophie, Zeit und Tod und Bewusstsein. Wenn im „Morgenstern“ Tote erwachen (Seiten 240 bis 247), tun sie dies, weil Johannes 9:6 es im Buchmotto so will: „Sie werden begehren zu sterben und der Tod wird vor ihnen fliehen.“

Der Aufbau mit neun Ich-Erzählern nebst Essay „Über den Tod und die Toten“ ist klassisch gehalten. Schade, dass Jostein, die unsympathischste Figur und natürlich Kulturjournalist (danke, Knausgård!), keine Gnade beim Vorlesen fand, obwohl ihm der Schluss gehört und der Moderator Josteins Frage beim Erwachen aus dem Koma hätte aufgreifen sollen: was kann inzwischen mit der Welt passiert sein, das noch größer ist als seine Erlebnisse? Los ging die Lesung mit Fußball: Viertelfinale Eintracht – Barcelona. „I don’t want to spoil the game for you“, versicherte der Autor.

Nicht so wie bei ihm

Große Fragen, durch kleine Leben gesehen: so umriss der in der Jeansjacke wettergegerbt gutaussehende Autor sein Thema. Wichtig sei der realistische Rahmen um kleine übernatürliche Dinge. An Egil, dem denkenden Erben, möge er die religiös-philosophischen Ideen, identifiziere sich aber nicht, da Egil seinen Sohn vernachlässige. Ist Knausgård ein gebranntes Kind? Den Erfolg von „Kämpfen“ beschrieb er einmal als Teufelspakt auf Kosten persönlicher Beziehungen.

Weiter ging es um Knausgårds Einfühlung in weibliche Figuren („ein massives Problem“), das Zurückkommen auf die Romanform, deutsche Kulturgrößen in seinem Werk. Schön, wie anerkennend er Pütthoffs Aussingen der „Blue Moon“-Verse belächelte.

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