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Wie alles begann: Pierre Brice als Winnetou.

Josef Winkler „Winnetou, Abel und ich“

„Karl May! Sehr gut! Sehr gut!“

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Die Jugend des Schriftstellers Josef Winkler mit Winnetou und Co., in einem Essay und vier Nacherzählungen.

Es ist nicht sehr originell, dass der österreichische Schriftsteller und Büchner-Preisträger Josef Winkler, Jahrgang 1953, ein fanatischer Karl-May-Leser gewesen ist. Aber auch er, sagen wir mal, weiß darüber zu schreiben. Im ersten Teil des Buches in einem Essay über eine unerklärliche Karl-May-Leidenschaft.

Winkler versucht auch nicht, sie zu erklären, es scheint ihn nicht zu interessieren, was ihn daran so interessiert. Man muss sich mit Augenblicken zufrieden geben, etwa wenn er am heimischen Küchentisch „Winnetou III“ beendet. „Als dann vom Ave-Maria, das Winnetou noch hören wollte, der letzte Ton verklungen war, er wegen eines tödlichen Lungenschusses nicht mehr sprechen konnte, als Old Shatterhand das Ohr ganz nahe an seinen Mund legte und der Häuptling der Apachen flüsterte: ,Scharlih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Leb wohl!‘, ein Blutstrom aus seinem Mund quoll, Winnetou noch einmal die Hände seines Freundes drückte und schließlich die Glieder von sich streckte, da weinte ich vor meinem nichtsahnenden Vater so bitterlich, dass sich auf dem Fußboden der Küche eine kleine Lache mit schmutzverschmierten Tränen bildete.“ – „Selbst im Alter von 15 Jahren schaffte ich es noch nicht, von den Karl-May-Büchern loszukommen“, heißt es einmal. Eine Sucht.

Sie beginnt mit einem Kinobesuch, auf den ersten Seiten vom wurschtigen Vater quälend lang erbettelt. Dann das erste Buch, von einer barmherzigen Hand geschenkt, vom Vater verachtet. Später unterschlägt der Knabe die Erlöse aus dem Gemeindeblatt, um „Halbblut“ zu finanzieren. Auch stiehlt er nachher notfalls Bände, selbst noch in einer Zeit als er längst anderes liest. Auch hängt im Kino eine Weile die Leiche eines Selbstmörders hinter der Leinwand, denn das Landleben verliert sein Elend nicht, weil anderswo, ebenfalls auf dem Land, gute Freunde sich durch Mut und Einsatz auszeichnen. Winkler erzählt so viel von seiner Karl-May-Lektüre wie von seinen jungen Jahren.

Eine Jugend mit Winnetou (und Bruder und Religionsunterricht, dadurch kommt Abel in den Titel). Erst als ein Arzt fragt, was er da lese, „Karl May! Sehr gut! Sehr gut!“, legt sich der elterliche Ingrimm. Nachher bekommt er eine Schreibmaschine „und begann damit, die Sterbepassage abzutippen, das Zehnfingersystem am Tod Winnetous zu erproben und zu lernen, bis ich in der Handelsschule in Villach zu denen gehörte, die am schnellsten tippen konnten, und man mich zu einem österreichweiten Maschinenschreibwettbewerb nach Graz schickte, wo ich als einziger Mann zwischen zwanzig jungen Frauen mit meinen langen, dünnen Fingern auf der Schreibmaschine um die Wette klopfte und im Bewerb zumindest im Mittelfeld landete.“

Im zweiten Teil erzählt Winkler vier Episoden aus Winnetou-Geschichten nach: Vom dramatischen Kennenlernen der Haupthelden, bei dem bekanntlich eine Sardinenbüchse eine dramatische Rolle spielt, bis zu Winnetous Tod, der für den Pierre-Brice-Film entkitschter würde, als man es sich beim Ansehen des Filmes vorstellen kann.

Die Nacherzählungen sind wirklich Nacherzählungen und fast ironiefrei – in Großsätzen, in denen sich die Ereignisse ziehen und überstürzen zugleich, funkelt sie manchmal durch. Sie sind eine skepsisfreie Annäherung. Sie bedienen sich nach Bedarf auch wörtlich bei der Vorlage, wie es Karl May selbst zu tun pflegte. Eine spröde Liebeserklärung, aber gerade daraus gewinnt sie ihre Vehemenz.

Josef Winkler: Winnetou, Abel und ich. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 143 Seiten, 16,95 Euro.

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