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Urgrund des Hasses im „Rheingold“: Wotan (links seine Faust) und Loge stehlen Alberich den Ring. Kirov-Gastspiel an der Met in New York.

Hass

Karl Heinz Bohrer: „Mit Dolchen sprechen“ – Jagd nach Intensität

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Karl Heinz Bohrers anregendes Buch über die Rhetorik des Hasses.

Es gehört einige Chuzpe dazu, in Zeiten, in denen der Hass in der Gesellschaft wiedererstarkt ist, blinde Aggression die Umwelt zerstört und die Völker auseinandertreiben will, den Reiz literarischer Hass-Rede zum Thema eines Buchs zu machen. Aber ein solcher Provokateur ist Karl Heinz Bohrer schon immer gewesen. Er hat sich früh bereits als Gegenfigur zu Walter Jens begriffen, dessen Hausgötter Lessing und Heine gewesen waren, und ein Bewusstsein für Ästhetik als eher irritierendes; abgründiges Phänomen wachhalten wollen, statt sich wie Jens unter die aufklärerischen Geister einzureihen.

In Jahrzehnten, in denen man in der alten Bundesrepublik die Notwendigkeit fortschrittlicher Positionen erkannt hatte, oftmals es aber bei bloßer Gesinnung bewenden ließ, entschied Bohrer, wieder an Baudelaire und Nietzsche anzuknüpfen und über den Surrealismus und Ernst Jünger zu schreiben. Bohrer sollte als Feuilletonchef der FAZ bald von Marcel Reich-Ranicki abgelöst werden. Als Professor in Bielefeld und Autor unzähliger Bücher hat er dann trotzdem ein großes Publikum erreichen können, das ihn als stupenden Gelehrten und Intellektuellen anerkennen musste.

Nun geht es also um die Hass-Rede in der Literatur, um Verwünschungen, Mordandrohungen und plastische Schilderungen von blutigen Gemetzeln, deren ästhetischen Reiz der Autor gern feiert. Tatsächlich kann es einem wie Schuppen von den Augen fallen, wenn man seiner Reise durch die Geschichte folgt, und man erkennt die Kontinuität des Themas.

Das Panorama beginnt bei Marlowe, führt zu Shakespeare, Milton und Swift, ermöglicht im 19. Jahrhundert Blicke auf Kleist, Baudelaire, Wagner und Strindberg und öffnet sich im 20. Jahrhundert, nach Schlaglichtern auf Céline und Sartre, für neuere Autoren wie Thomas Bernhard, Peter Handke, Rainald Goetz, Rolf Dieter Brinkmann und Elfriede Jelinek. Eine Auseinandersetzung mit Neuerscheinungen von Michel Houellebecq bezeugt die Aktualität des Themas.

Karl Heinz Bohrer: Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hasseffekt. Suhrkamp, Berlin 2019. 493 S., 28 Euro.

Gerne liest man Bohrers Versicherung, dass es ihm keinesfalls um Hass im politisch-ideologischen Sinn gehe – den lehnt er ebenfalls ab -, wohl aber als Motor einer impulsiven und im Leser vielfache Assoziationen hervorrufenden Rede. Und so bereitet es tatsächlich Vergnügen, bestimmte Stellen vor allem bei Shakespeare wieder zu lesen, die man in ihrem herrlichen Theaterdonner zuvor vielleicht gar nicht wahrgenommen hatte. Ludwig Tieck gibt etwa folgende Stelle aus Othello wie folgt wieder: „Auf, schwarze Rach’! aus deiner tiefen Hölle! / Gib, Liebe, deine Kron’ und Herzensmacht / Tyrann’schem Hass! / Dich sprenge deine Last, / O Busen, angefüllt mit Natterzungen!“.

Darüber hinaus enthält das Buch Anregungen, die aufzunehmen und weiter zu verfolgen wären. Dass Walter Benjamin Shakespeares Tragödien der Gattung des barocken Trauerspiels hat zurechnen wollen, bezeichnet Karl Heinz Bohrer als schwerwiegenden Irrtum; für ihn ist der englische Dramatiker kein Trauernder, sondern ein Meister literarischer Triebabfuhr und der Entbindung intensiv dargestellter Affekte, während Benjamin wohl unter dem Bann seiner tiefen Melancholie stand.

Luzide insbesondere ist die Vermutung, dass der ekelhafte politisch-ideologische Hass in der Publizistik des 20. Jahrhunderts uns erspart geblieben wäre, wenn die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts in ihrer Verpflichtung der idealistischen Philosophie gegenüber nicht weitgehend auf poetische Hass-Reden verzichtet, sondern diese gepflegt und entfaltet hätte.

Bei diesem Beutezug des Gelehrten bleibt ansonsten aber wenig im Netz zurück. Bohrer breitet den Inhalt seines Zettelkasten aus, um ihn nach einer Intensität abzuklopfen, die sich nicht recht einstellen mag. Das hat damit zu tun, dass er jene Epiphanie, der er stets auf der Spur gewesen ist, sich nicht anders als eine vorstellen mag, die sich in glanzvoller Rhetorik verwirklicht.

In dieser Fixierung auf Sprachmacht sucht er dann doch wieder das Einverständnis mit Walter Jens, von dem er sich hatte absetzen wollen und der ja ebenfalls der volltönenden Rede verfallen war. Bedeutende Dichtung sollte aber gerade Rhetorik in Frage stellen. Schmerzlich vermisst man darum in diesem Buch einen Hinweis auf Henri Michaux, der in seinem Schreiben ja weit über Charles Baudelaire hinaus ging und Rhetorik als schweres Erbe der französischen Klassik aufs wirkungsvollste zertrümmert hat. Er ist der eigentliche Hass-Redner, der Schreiben als exorzistische Praxis entwickelte, die aus gesellschaftlichen Fesseln, aber eben auch aus den einengenden Maßgaben der Sprache zu befreien vermochte.

Nicht von ungefähr hat Michaux neben der Schriftstellerei auch gemalt und sich dabei einer Art von Action Painting zugewandt. Er ist der eigentliche Randgänger und wäre der Feder eines Bohrer würdig gewesen.

Hölderlins Marksteine für einen anderen Diskurs

Als andere Leerstelle bei Bohrer erscheint das Werk von Friedrich Hölderlin. Auch dieser Dichter hat gewusst, dass die Rede um der Epiphanie willen sich grundlegend wandeln und ihre Mitteln abrüsten muss. In seinem Aufsatz „Parataxis“, der zum Schönsten gehört, was der Philosoph geschrieben hat, weist Adorno nach, wie Hölderlins Dichtung, indem sie ihre Sätze nicht länger hypotaktisch ordnet, sondern in ihnen Subordination und richtendes Urteil überwindet, zugleich Naturbeherrschung suspendiert. Das bedeutet aber, dass Hass nicht länger Zentralorgan von Dichtung sein kann.

Anders gesagt: Im Zerbrechen der Sprache hatte Hölderlin Marksteine für einen konsequenten poetischen Diskurs des Eros gesetzt. In den großen Gesängen, die kurz vor der Umnachtung in Homburg entstanden waren, gedenkt er der Freunde und Figuren, denen er zutiefst zugetan gewesen war, nennt Christus, Achill, Patroklos sowie die „braunen Frauen von Bordeaux“. In „Mnemosyne“ fragt er: „Wie aber Liebes?“.

Erst eine Dichtung, die um ihres erotischen Antriebs willen sich als sprachliche Konstruktion selbst würde in Frage stellen und diese gar aufsprengen können, sollte Dichtung heißen und Bestand haben dürfen. „Und die Lieb‘ auch heftet fleißig die Augen, / Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

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