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„Ich wollte dahin, wohin ich als Journalistin nicht komme“, sagt Karina Sainz Borgo, hier am Eingangstor zum S. Fischer Verlag in der Frankfurter Hedderichstraße.

Venezuela

Karina Sainz Borgo: „Die Angst ist sofort wieder da“

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Die venezolanische Autorin Karina Sainz Borgo über die Tragödie ihrer Heimat, über Europa und über ihren Roman „Nacht in Caracas“.

Frau Sainz Borgo, Sie arbeiten schon lange als Journalistin. Wann und warum haben Sie entschieden, dass es diesmal ein Roman sein sollte?
Ich würde sagen, dieses Buch hat sich mein ganzes Leben lang in mir geschrieben. 2017 entschied ich mich dazu, es tatsächlich auch niederzuschreiben. Dieses Buch hatte viel mit mir persönlich zu tun, mit meinem sehr komplizierten Verhältnis zu meinem Heimatland. Und ich wollte auch ganz grundsätzlich ein Buch schreiben über den Schrecken, den Tod, die Schuld, die Gewalt und über Menschen, die verzweifelt versuchen zu überleben.

Wie Adelaida, die Ich-Erzählerin in „Nacht in Caracas“.
Sie ist für mich eine Metapher. Die eigene Mutter zu verlieren, ist ein ungeheuerlicher Einschnitt, und Adelaida verliert nicht nur sie, sie verliert kurz darauf auch ihre Wohnung, sie verliert einfach alles. Mit diesen furchtbaren Vorgängen wollte ich aber etwas machen, das zugleich schön und poetisch ist. Es ging mir um die Sprache, um die Bilder. Es ist eine entsetzliche Situation an einem entsetzlichen Ort, aber es gibt diese plötzlichen Momente von Schönheit.

Ist es das, was Sie besser in einem Roman beschreiben konnten als etwa in einer Reportage?
Ich hatte jedenfalls zunehmend den Eindruck, dass es tatsächlich Dinge gibt, die ich als Journalistin so nicht erzählen kann. Als Journalistin kann ich sagen: Ich war dort, ich habe es gesehen, und ich schreibe es jetzt für euch auf. In einem Roman brauche ich keine Belege für jeden Satz, den ich schreibe. Ich kann aber auf eine andere Weise wahrhaftig sein.

„Nacht in Caracas“ wirkt gar nicht wie ein Debüt.
Es ist mein erster Roman, der veröffentlicht wird, aber ich habe zwei weitere geschrieben, in denen es um die gleichen Themen geht, Identität, Tod, Gewalt. „Nacht in Caracas“ war aber das erste Buch, in dem ich den Eindruck hatte, wirklich schreiben zu können, was ich schreiben wollte. Ich merkte, dass ich die richtige Form für mich gefunden hatte. Ich war ausreichend vorbereitet. Und ich hatte zwar noch nicht viel europäische Literatur gelesen, aber doch einiges und da wichtige Anregungen gefunden.

Zur Person

Karina Sainz Borgo, 1982 in Caracas geboren, lebt seit mehr als zwölf Jahren als Journalistin in Spanien. Von Madrid aus schreibt sie für spanische und lateinamerikanische Zeitungen und Blogs vor allem über politische Themen. „La hija de la española“ ist ihre erste Romanveröffentlichung. Lizenzen für das Buch wurden noch vor Erscheinen der spanischen Originalausgabe im Frühjahr in 22 Länder verkauft. Die deutsche Übersetzung erscheint unter dem Titel „Nacht in Caracas“ am 14. August.

Zum Beispiel?
Als ich begann, Natalia Ginzburg zu lesen, Elsa Morante, Thomas Bernhard, da begriff ich allmählich, wie man eine ganz lokale, persönliche, scheinbar kleine Geschichte als universalen Roman anlegen kann. Auch Cervantes und Lope de Vega beeindruckten mich sehr mit ihren starken Bildern. Ich wollte keinen harten, realistischen, sozusagen auch wieder journalistischen Roman schreiben. Literatur hat Schönheit, ich wollte nach der Schönheit Ausschau halten.

An welches Publikum haben Sie beim Schreiben gedacht?
Eine heikle Frage. Ich habe dieses Buch für mich selbst geschrieben. Mir war sehr bewusst: Wenn ein Venezolaner diesen Roman lesen würde, könnte er schon befremdet fragen, was ich ihm damit sagen will. Dass alle, die in Venezuela überleben, sich so verhalten wie Adelaida?

... die nichts direkt Böses tut, aber zum Beispiel die Leiche ihrer Nachbarin verschwinden lassen muss, um sich selbst zu retten.
Tatsächlich sagten dann auch einige venezolanische Leser zu mir: Du bist noch viel zu sanft gewesen, du musst das erzählen und das und das.

Kaum zu fassen angesichts eines Romans, in dem eine in jeder Hinsicht gewalttätige Gesellschaft geschildert wird. Auf der Straße regiert das Recht des Stärkeren, und selbst zu Hause ist Adelaida nicht sicher. Menschen verschwinden, werden gefoltert. Adelaida hat aber auch schöne Erinnerungen an Gerüche und Momente ihrer Kindheit.
... die aufzuschreiben besonders schmerzlich für mich war. Es war nicht mein Ziel, die Situation realistisch zu schildern. Das kann ich auch als Journalistin. Ich wollte dahin, wohin ich als Journalistin nicht komme. Das beeindruckt mich so an den Büchern von Natalia Ginzburg. Es gibt eine klare Struktur, die der Autorin die Möglichkeit bietet, in die Köpfe, Träume und Gefühlswelten ihrer Figuren zu schlüpfen. Diese literarische Strategie wollte ich mir zu eigen machen.

Es ist auch sehr ausgeprägt eine Geschichte unter Frauen.
Die Geschichten von Frauen haben mich immer interessiert. Nicht so sehr aus feministischen Gründen, eher aus ganz konkreten, persönlichen. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Frauen sehr präsent sind, aber vieles nicht mitentscheiden können. Ich habe als ganz junge Journalistin einmal eine Reportage über ein Krankenhaus geschrieben. Da war ein junger Mann, der einen Raubüberfall begangen hatte und dabei niedergeschossen worden war. Seine Mutter kam und als sie erfuhr, dass er tot war, schrie und weinte sie so sehr. Sie wollte ihren Sohn beschützen, der doch selbst ein Verbrechen begangen hatte. Ich habe das als eine Art Pietà in Erinnerung, aber es ist natürlich eine eigenartige Pietà. Für mich ein Bild für die verzweifelte Situation, in der das Land ist. Ich selbst bin mit sehr starken Frauen aufgewachsen, Tanten, die Mutter. Das ist meine persönliche Welt.

Einige Frauen im Buch sind auch Täterinnen.
Frauen können sehr böse sein. Sie können gewalttätig sein, gerade weil sie so emotional sind. Ich will es trotzdem so sagen: Ein Mann in Venezuela zu sein, ist kompliziert. Eine Frau in Venezuela zu sein, ist eine Tragödie.

Im Buch gibt es eine Chilenin, die einst nach Venezuela geflohen ist und den Namen ihres Heimatlandes nicht mehr in den Mund nimmt.
Exakt, auch darum ging es mir. Das Buch ist voller Leute, die nicht dorthin gehören, wo sie sind. Menschen aus Spanien, Italien, Portugal, Argentinien, Chile, Menschen, die aus verschiedenen Gründen einst aus ihrer Heimat geflohen sind. Nach Venezuela. Das ist Adelaida im Roman seit jeher gewöhnt. Und nun müssen auf einmal die Menschen aus Venezuela ihrerseits fliehen. Das ist tatsächlich so, eine irrwitzige Situation. Mein Großvater war Spanier, er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg für die Republik und floh nach Venezuela. Darüber wurde nicht gesprochen. Es war zuerst schmerzhaft, dann ging die Zeit darüber hinweg. Jetzt sucht das Enkelkind Zuflucht in der entgegengesetzten Richtung.

Sie sagen mit Ihrem Roman an dieser Stelle auch: Demokratien können überall kaputtgehen.
Und aus ganz unterschiedlichen Gründen, aber es läuft immer wieder auf dasselbe hinaus. Wir haben es gesehen.

Würden Sie über sich sagen, dass Sie im Exil sind?
Nein. Viele Menschen haben keine Wahl, ich schon. Ich bin sehr privilegiert. Das trägt zu meinen Schuldgefühlen bei. Ich habe das Land verlassen, weil ich es wollte und weil ich es auch konnte. Es war meine Entscheidung.

Aber das ist doch sehr gut.
Ja, wobei ich mich manchmal schon frage, ob es richtig war. Und ob es moralisch in Ordnung war, jetzt von Spanien aus einen solchen Roman zu schreiben, über Tod und Gewalt. Anstatt mich im Land selbst zu engagieren. Ich weiß es nicht.

Karina Sainz Borgo: Nacht in Caracas. Roman. A. d. Span. v. Susanne Lange. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2019. 223 S., 21 Euro.


Im Roman heißt es einmal, der Krieg habe angefangen, bevor er angefangen habe. Wann hat das Drama Venezuelas begonnen?
Im Jahr, in dem ich geboren wurde, 1982. Das war der entscheidende Moment. Die Demokratie funktionierte, die demokratischen Institutionen, aber wir bekamen wirtschaftliche Probleme durch den Verfall der Ölpreise. Wir ignorierten, dass die Dinge anfingen, schief zu gehen. In den neunziger Jahren war es am schlimmsten. Es gab Massenproteste wegen der katastrophalen ökonomischen Lage, dann kam der Putsch von Hugo Chávez. Und plötzlich wünschte sich das Land einen starken Mann. Unser größter Fehler. Seit dem 19. Jahrhundert waren wir doch von sogenannten starken Männern regiert worden, offensichtlich war das nicht die Antwort auf unsere Probleme. In einer schwachen Demokratie, die sich dieser Schwäche nicht einmal bewusst war, bin ich aufgewachsen.

Interessant, dass Sie im Roman nie mit Jahreszahlen arbeiten.
Das ist richtig, ich wollte, dass man beim Lesen mitverfolgt, was mit dem Leben dieser Frau passiert. Als sie ein kleines Kind ist, verliebt sie sich in einen Toten, einen erschossenen Mann. Das macht doch deutlich, dass sie in einer gewalttätigen Gesellschaft lebt. Es gibt diese Geburtstagsszene mit Schüssen rundherum. Mir ging es darum zu zeigen, wie ein Leben von Gewalt begleitet wird von Anfang an. Als Adelaida erwachsen ist, ist es ihr zur Gewohnheit geworden. So geht es mir auch. Als ich hier ankam, musste ich mich erst daran gewöhnen, normal herumzulaufen, ohne Angst, ohne das Gefühl, bedroht zu sein. Das ist unheimlich daran, wenn ich zurückkomme. Die Angst ist sofort wieder da.

Sie benutzen oft ein „wir“ im Roman. Eine starke Setzung, zumal Sie selbst nicht im Land leben.
Das ist völlig richtig, ich habe lange darüber nachgedacht. Als ich das Buch Menschen vorgelesen habe, die mir nahe stehen und das Land kennen, sagten mir aber viele: Ja, das ist das, was ich selbst fühle und erlebe. Darum sagte ich mir: Das ist Literatur, das kann und darf Literatur. Auch das ist ja eine Art von Gewaltausübung, die in Venezuela praktiziert wird. Man sagt zu uns: Wenn du Venezuela verlässt, gehörst du nicht mehr zu uns und darfst dich nicht mehr darüber äußern, was im Land passiert.

Was tun Sie dagegen?
Diesen Roman veröffentlichen.

Aber Sie vermeiden es, als Journalistin über Venezuela zu schreiben?
Letztlich kann ich es nicht vermeiden, obwohl ich einmal einen Text geschrieben habe, der den Titel trug: „Ich kann nicht über Venezuela sprechen“. Als Hugo Chávez starb, konnte ich meinem Chef aber nicht gut sagen, ich will lieber nicht darüber schreiben. Wobei es mir wirklich schwer fiel. Es passierte auch das Seltsame, dass ich weinen wollte. Wir haben so viele Jahre unter ihm gelebt, er hat uns so leiden lassen, und jetzt ist er tot, und ich will weinen: Solche Widersprüche sind immer da, wenn ich über Venezuela schreibe.

Der letzte Satz des Romans gibt der deutschen Übersetzung den Titel, „Nacht in Caracas“. Adelaida denkt da sogar: „In Caracas würde es immer Nacht sein“. Sehr deprimierend. Gibt es aus Ihrer Sicht keine Perspektive?
Der letzte Satz bezieht sich auf einen venezolanischen Dichter, Vicente Gerbasi (1913-1992, d. Red.), der geschrieben hat: Wir kommen aus der Nacht und gehen in die Nacht. Das gehört zu einem für Venezuela sehr wichtigen Gedicht. Es fasst unsere Geschichte in den letzten hundert Jahren zusammen. Allerdings machte mir der Schlusssatz dann ein etwas schlechtes Gewissen. Der Roman kam in Spanien im März heraus. In diesem Monat hatte Venezuela einen gewaltigen Stromausfall. Drei Tage ohne Licht. Aus der offensichtlichen Metapher wurde eine beschämende Wahrheit für ein Land, in dem so etwas eigentlich nicht passieren sollte. Venezuela ist keineswegs ein armes Land, es könnte ein gutes, modernes Land sein.

Was wäre also Ihre Hoffnung, wenn Sie eine haben?
Freie Wahlen. Das ist es, was ich will, freie Wahlen. Keine weitere militärische Antwort auf die Krise, sondern eine demokratische. Ohne freie Wahlen wird das nicht zu haben sein.

Was für einen Blick haben Sie auf Europa?
Wissen Sie, es gibt etwas, das ich an Europa nicht verstehe. Europa hat ein Wunder vollbracht. Es ist ihm gelungen, nach dem Zweiten Weltkrieg in relativ kurzer Zeit eine neue Gesellschaft und Gemeinschaft aufzubauen. Das scheint es jetzt zu vergessen. Warum mag Europa sich nicht mehr? Warum will Europa zur Logik der Nationen zurück? Gerade die europäische Literatur des 20. Jahrhundert war für mich immer eine der Erinnerung. Sie gab mir Antworten auf die Frage: Wie kann ich verhindern, dass der Schrecken vergessen wird? Und jetzt soll das auf einmal alles nichts gewesen sein. Als wollte man nicht länger komplex sein, als könnte man es nicht mehr aushalten, dass auch mehrere Dinge zugleich wahr sein können. Aber: Wissen und Kultur, daran glaube ich fest, sind Teil dieses Kontinents. Das wird man nicht einfach so wegwischen, ausradieren können, egal wie viel Salvinis kommen. Da bin ich mir sicher.

Interview: Judith von Sternburg

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