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Karin Smirnoff.
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Karin Smirnoff.

Roman aus Schweden

Karin Smirnoff „Mein Bruder“: Brüderlein und Schwesterlein

  • VonKatharina Granzin
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In ihrem Debütroman „Mein Bruder“ erzählt Karin Smirnoff eine packende Familiengeschichte aus Nordschweden.

In Schwedens Norden leben die Menschen oft weit voneinander entfernt, denn Gehöfte pflegen verstreut irgendwo in der Landschaft zu liegen. Smalånger, wo diese Geschichte spielt, ist nur eine kleine Gemeinde, aber „zwischen der östlichen und der westlichen Spitze lagen mehr als zwanzig Kilometer. Zwischen der südlichen und der nördlichen genauso.“ Die das erklärt und erzählt, ist die 37-jährige Jana, die nach vielen Jahren im Süden nach Norrland zurückgekehrt ist, um nach ihrem Bruder zu sehen. Dieser Bruder heißt Bror, was auf Schwedisch „Bruder“ bedeutet und somit die existenziell enge Bindung der Geschwister betont.

Jana und Bror sind Zwillinge. Doch nicht nur das hat sie zusammengeschweißt, sondern vor allem ihr gemeinsames Schicksal als Kinder eines gewalttätigen Vaters. – Bis zu Janas Ankunft lebte Bror allein auf dem elterlichen Hof. Der Vater ist lange tot, die Mutter im Heim, und weder Bror noch Jana haben Neigung, die alte Frau jemals zu besuchen.

Nicht lange vor Janas Rückkehr hat sich ein überraschender Todesfall im Ort ereignet. Eine junge Frau, mit der Bror ein Verhältnis hatte, ist tot aufgefunden worden. Die Todesursache ist so unklar wie die sonstigen Umstände. Maria war allseits beliebt im Ort, vor allem bei den Männern – ihren zahlreichen Liebhabern sowie anderen Kerlen, die es gern geworden wären. Der Mann, mit dem Maria verheiratet war, läuft Jana gleich nach ihrer Ankunft über den Weg: John. Nur wenige Begegnungen später werden Jana und John so etwas wie ein Paar. Und allmählich beginnt Jana zu begreifen, dass sich in dieser Beziehung eine Geschichte fortsetzt, die vor langer Zeit begann...

Das Buch:

Karin Smirnoff: Mein Bruder. Roman. A. d. Schwed. v. von Ursel Allenstein. Hanser Berlin, 2021. 336 Seiten, 24 Euro

Karin Smirnoff treibt in Janas Ich-Erzählung ein besonderes Spiel mit Gegenwart und Vergangenheit, eine Art narratives Puzzle aus Passagen, die in der Gegenwart spielen, und Rückblenden in die schwierige Kindheit der Zwillinge. Oft gehen Gegenwart und Rückblende nahtlos ineinander über – Jana wird immer wieder von der Vergangenheit eingeholt, ihr Unterbewusstsein bringt Stück für Stück zutage, was an Erinnerungen zuvor begraben oder verdrängt war.

Diese gleitende Bewegung hin und her zwischen den Zeitebenen findet ihre Entsprechung in einer gewissermaßen assoziativ gesteuerten Orthografie. Smirnoff verzichtet unter anderem auf Interpunktionszeichen (abgesehen vom Punkt am Satzende) und Anführungsstriche, und die Übersetzerin Ursel Allenstein hat eine vergleichbare Reduktion der Zeichen in die deutsche Version des Romans übertragen. Tatsächlich währt bei der Lektüre die Irritation darüber nur sehr kurz; im Gegenteil wird der Lese-Flow durch das Fehlen konventioneller visueller Wegmarken eher verstärkt.

Jenseits der tragischen und gewalttätigen Familiengeschichte, deren Details sich nach und nach offenbaren, hat dieser Roman noch weit mehr zu erzählen. Ein trotz allem liebevoll gezeichnetes Panorama des Lebens im ländlichen Norrland baut sich allmählich als Hintergrundkulisse auf. Jana nimmt einen Job im örtlichen Pflegedienst an, was in vielerlei Hinsicht eine reinigende Wirkung hat. Unter den Pflegebedürftigen sind immer wieder Personen, die sie von früher kennt; darunter der unangenehme Nachbar, mit dem der Vater sich einst zu betrinken pflegte, und eine einst sehr enge Schulfreundin, die nun, schwer krebskrank, im Sterben liegt. Ihr Schicksal ist auf viel engere Weise mit Janas eigenem verbunden, als diese geahnt hat.

Der Pflegealltag führt eine solide, sachlich erzählende Ebene in den Roman ein, und die Arbeit als solche macht die Protagonistin immer wieder zu einer gut funktionierenden, zupackenden Person – jenseits aller emotionalen Unsicherheiten, wie sie sich in ihrer Beziehung zu John zeigen, und jenseits aller Grübelei über die Dämonen der Vergangenheit. Die Kolleginnen im Pflegedienst treten als anfänglich gesichtslose Komparsenschar in Janas Leben, gewinnen aber zunehmend an Bedeutung, indem sie die spröde neue Kollegin einführen in das örtliche Sozialleben mit seinen volkstümlichen Vergnügungen. So wird Jana allmählich wieder zu einem akzeptierten Mitglied der dörflichen Gemeinschaft.

Ist es tatsächlich möglich, das Trauma ihrer Kindheit zu überschreiben? – Der Roman klingt auf einer erstaunlich versöhnlichen Note, oder sogar einem ganzen hoffnungsvollen Akkord, aus. Manche Enden bleiben dabei offen, manche Fragen unbeantwortet. Das eröffnet, wie schön, die Möglichkeit einer Fortsetzung; denn wo menschliche Bande geknüpft werden, können neue Geschichten entstehen. Seit ihr Debüt „Mein Bruder“ im Jahr 2018 erschien – und sogleich für den Augustpreis, den bedeutendsten schwedischen Literaturpreis, nominiert wurde – hat Karin Smirnoff bereits zwei weitere Romane geschrieben, die aus Jana Kippos Geschichte nunmehr eine Trilogie machen.

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