Literaturhaus

Karen Köhler: Sprache hinkt dem Bewusstsein hinterher

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Lesung und Live-Performance: Karen Köhler in Frankfurts Literaturhaus.

Zum Glück lernt das Findelkind in Karen Köhlers Roman „Miroloi““ früh, zwischen Fakt und Behauptung zu unterscheiden. „Sie sagen, ich bin eine Missgeburt“, heißt es in der 25. Strophe ihres Totenlieds. Solche Zuschreibungen gehören in den Konjunktiv übersetzt, erklärt jedoch ihr Finder und Mentor: „Ich sei“ setzt Gemeinheiten auf Distanz.

Diese sprachliche Strategie könnte der Autorin selbst jetzt nützlich werden. Eigentümlich rüde hatten sich vor allem männliche Kritiker über den ersten Roman der Autorin geäußert. Im Literaturhaus-Gespräch mit FR-Redakteurin Nadja Erb geht es jedoch weniger um diese zweifelhaften „Stoppschilder“ (so Hauke Hückstädt) der literarischen Kritik.

Vielmehr geht es um Selbstermächtigung, nicht nur von Frauen. Ihre Erzählung sei nicht bewusst feministisch angelegt, wie manche vermutet hätten, erklärt Karen Köhler: „Geschlechternormen unterdrücken schließlich Männer und Frauen gleichermaßen“. Das streng patriarchalisch geregelte Umfeld, das sie als Handlungsort für ihre Erzählung gewählt habe, sei darum auch für die Jungen, die auf der abgeschirmten Insel unter strenger Kontrolle leben müssen, ein Problem.

Welches Geschlecht die Akteure im Roman haben, ist – so Köhler – sekundär. Bewusst bleibe die Zuordnung zunächst vage, oft erschließt sich das Geschlecht einer Person erst im Verlauf der Erzählung. Dies mache es manchmal Übersetzern schwer, die ihren Text in Sprachen übertragen, die von Anfang an eine Zuordnung zum Weiblichen oder Männlichen fordern, erzählt Karen Köhler. „Sprache hinkt leider der Entwicklung unseres Bewusstseins hinterher!“

Und ein Bein hinkt auch

Ohne Anzeichen von Einschüchterung trägt Karen Köhler Passagen ihres Romans vor. Ton, Tempo und Blickperspektive variieren ungewöhnlich nuanciert, auch die Hände geraten in Bewegung und dirigieren bei teils geschlossenen Augen mit. Diese Inszenierung könnte leicht manieriert wirken, doch wahrt Karen Köhler, die Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Bern studiert hat, hinter ihrem Lesungstisch geschickt die erforderliche Grenze. So erlebt man den besonderen Erzählton, der den Roman so außergewöhnlich und umstritten prägt, wie bei einer Live-Performance.

Ein eigenes Charisma treibt Karen Köhler an. Immer vermittelt sie die Perspektive einer Außenseiterin. Diese sei ihr selbst vertraut und begünstige die Möglichkeit, genau zu beobachten. „Entweder man steht außen oder mitten drin, im stillen Zentrum des Orkans.“

Im Roman gibt es jedoch auch Momente, die den Außenseiterstatus aufheben. So lernt die namenlose junge Frau, die beim Gehen auf einer Seite hinkt, nicht nur trotz der Verbote Lesen, sondern auch Schwimmen. Im Meer ist ihr schlimmes Bein plötzlich unauffällig, im Wasser bewegt es sich wie eins von zweien.

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