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Kapitalistische Lebenskunst

Wolfgang Kerstings Selbstsorge

Von ANDREAS BRENNER

Was haben Selbstmordattentate mit Lebenskunst zu tun? Natürlich nichts. Dem politischen Philosophen Wolfgang Kersting dienen sie in seinem Buch denn auch nur zur Verdeutlichung dessen, was Lebenskunst gerade nicht ist: selbstlos. Wer Lebenskunst übt, ist ein Selbstbezogener par excellence.

Auf diese Feststellung legt Kersting in seiner Aufsatzsammlung höchsten Wert, er verfolgt aber auch noch ein weitergehendes Ziel: Denn er wendet sich gegen die Verunglimpfung des Kapitalismus als die große Dampfwalze, die alle moralischen Werte platt macht. Denn wer solcherart dem global herrschenden Wirtschaftssystem verübelt, dass es zu viel Egoismus nähre und zu wenig Selbstlosigkeit hervorbringe, der solle, so lautet Kerstings Rat, sich doch nur nochmals die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts mit ihren Erziehungsprogrammen zur Selbstlosigkeit anschauen, oder eben den Fundamentalismus unserer Tage: "Ist eine radikalere Selbstlosigkeit denkbar als die Bereitschaft zum Selbstmordattentat, als die Selbstverwandlung in eine menschenzerfetzende Bombe?", fragt er.

Mit dieser suggestiven Frage glaubt Kersting sowohl den Neoliberalismus, den er später noch für seine Zwecke nutzbar machen wird, wie auch die Lebenskunst ausreichend in seinem Sinne positioniert zu haben. Denn Kersting geht es nicht etwa darum, die Lebenskunst aus einer vermeintlichen moralischen Schmuddelecke herauszuholen, sondern, fast im Gegenteil, ihr den ihr zuerkannten Platz zu belassen.

Wer demnach mit dem Finger auf die Lebenskunst und ihre vermeintliche Selbstsucht zeigt, offenbart dabei vor allem seinen eigenen Mangel an Selbstgewissheit: Diese Menschen, sagt Kersting, "ziehen es vor, sich leben zu lassen, statt ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen". Demgegenüber führt derjenige, der sein Leben als Kunst betrachtet und entsprechend gestaltet, ein Leben mit "Eigenbeteiligung". Wer sein Leben als Kunst versteht, setzt also auf Risiko. Der Begriff der Eigenbeteiligung ist dabei wohl mit Bedacht der Welt der Ökonomie entlehnt: Bei Eigenbeteiligung droht ebenso der Totalverlust (eines gescheiterten Lebens), wie der große Gewinn ( eines gelungenen Lebens) winkt.

Was aber ist ein gelungenes Leben? Es ist nicht notwendiger Weise ein Leben, das es allen anderen Recht zu machen versucht. Ein gelungenes Leben ist vor allen Dingen eines, das als jeweils eigenes begriffen wird. Die eigene Freiheit auch zu ergreifen, ist indes, wie bereits Heidegger gezeigt hat, gar nicht so einfach. Man findet sein Glück in der Gemeinschaft, man sollte nett zueinander sein, man sollte Telekom-Aktien kaufen… Aber warum das alles, was will eigentlich derjenige, der sich hier unter das Diktat fremder Erwartungen gestellt sieht?

Wer sich in Lebenskunst einüben und sich um sich selbst sorgen will, der muss zunächst das eigene Selbst entdecken, und dies wird er primär nicht in den Anderen, aber auch nicht in einem transzendentalen Selbstkonzept à la Kant finden. Der Wiederentdeckung der eigenen Bedürfnisstruktur und damit auch der körperlichen Verfasstheit des Menschen misst Kersting dabei große Bedeutung zu. Und damit etabliert der Philosoph die Lebenskunst als zentrale Kategorie des Politischen: Eine Gesellschaft lauter Selbstsorger wäre eine hochgradig individualisierte Gesellschaft. Solche Typen lassen sich nicht vom Staat unter seine Fuchtel nehmen, aber gleichwohl machen sie vielleicht einen guten Staat. Lebenskünstler sind freie Menschen, die sich, auch wenn sie den Gürtel enger schnallen müssen, keine Zwangsjacke anlegen.

Nun überzeugt Kersting durchaus darin, die Lebenskunst mit diesem Freiheitsideal zu verbinden; indes irritiert, wie sehr er dazu auf das Pferd Neoliberalismus setzt. Denn die neoliberale Ideologie hat sich zwar als die große Vernichterin vieler tradierter - und damit ja nicht zwangsläufig verfehlter - Werte ausgewiesen, darin aber den Vorzug zu sehen, nur im globalisierten Markt sei der Mensch wirklich frei, das ist dann doch etwas zu viel des Guten.

Und den Autor selbst verleitet seine Markteuphorie zu einigen unschönen Ausrutschern. So führt er in seinem Aufsatz über "ein Menschenrecht auf Unterhaltung" die kleine Gemeinschaft der Amish People als Feinde jeder Unterhaltung vor, was sowohl politisch als auch in der Sache fragwürdig ist, und ergießt Spott über Jesu Wunderheilung an der Hochzeit zu Kana. Solche Diffamierungen tun Kerstings Anliegen, die Lebenskunst ins rechte Licht zu rücken, ebenso wenig gut, wie seine vorschnelle Abfertigung der Selbstlosigkeit. Denn es ist ja nicht so, dass jeder, der selbstlos ist, notwendigerweise sich dabei selbst vergisst. Lebenskunst hat nämlich, wie eine jede Kunst, überraschend viele Gesichter.

Wolfgang Kersting:Gerechtigkeit und Lebenskunst. Philosophische Nebensachen. Mentis Verlag, Paderborn 2005, 221 Seiten, 24,80 Euro.

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