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Kanzler der Einheit

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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"Ich hoffe, dass viele dieses Buch lesen", sagt Altkanzler Helmut Kohl mühevoll.
"Ich hoffe, dass viele dieses Buch lesen", sagt Altkanzler Helmut Kohl mühevoll. © dpa

Mit eisernem Willen ringt ein alter Mann um ein paar Worte. Eine Begegnung mit Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl auf der Frankfurter Buchmesse.

Es ist 15.07 Uhr. Vor dem orange leuchtenden Stand des Verlags Droemer Knaur steht eine kompakte Mauer aus Fotografen, Kameraleuten, Tontechnikern, Mikrofongalgenhaltern und einigen schreibenden Journalisten.

Die Mauer wogt hin und her. Es wird um Plätze gekämpft und gerangelt. Leitern und Stühle werden herangeschleppt, mit denen manche ihre Position zu verbessern trachten. Flüche sind zu hören. In 53 Minuten soll der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) hier sein Buch „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“ präsentieren.

Zu sehen sind aber nur zwei weiße Plastikstühle und ein weißer Plastiktisch. Eingerahmt von vielen Exemplaren des Buchs.

15.43 Uhr: Sieben Sicherheitsleute nehmen die beiden Plastikstühle und den Plastiktisch kritisch in Augenschein.

15.47 Uhr: In der Menschenmauer wird die atembare Luft knapp. Altgediente Kameraleute erzählen zynische Witze, die in der FR nicht wiedergegeben werden können. Sie handeln von vielen Jahren auf der Buchmesse, von jungen Frauen in Kultursendungen des Fernsehens, die „keine Ahnung vom Leben haben“. Oder so ähnlich.

16.08 Uhr: Von rechts kommt Bewegung in die Menschenmauer. Beifall brandet auf. In einem Rollstuhl wird ein alter Mann in einem eleganten, taubenblauen Anzug hereingeschoben. Helmut Kohl ist stark abgemagert, seine Hände zittern und verkrampfen sich. Seine Ehefrau Maike Kohl-Richter wischt mit einem Taschentuch seine Mundwinkel ab.

Kohl schneidet eine Grimasse. Seine Augen glänzen freudig. „Er lacht“, raunen sich die Fotografen zu. Hans-Peter Übleis, Verleger von Droemer, begrüßt den „Kanzler der Einheit“. Kohl komme gerade von einem Treffen mit Henry Kissinger und dem früheren US-Außenminister James Baker. Übleis freut sich über „das gigantische Interesse der Medien“. Es zeige, dass der Verlag recht daran getan habe, das alte Buch Kohls neu aufzulegen.

Neues Werk von Kohl angekündigt

Der Alt-Bundeskanzler greift mit bebenden Händen nach einem Taschentuch. Er murmelt etwas Unverständliches. Verleger Übleis kündigt ein neues Werk von Kohl an, das am 3. November in Frankfurt seine Premiere erleben soll: „Aus Sorge um Europa“. Der Verleger lacht und sagt freudig: „Die Druckmaschinen laufen schon.“

Dann übergibt er das Wort an Helmut Kohl. Maike Kohl-Richter schiebt ihrem Gatten das Mikrofon hin. Man sieht, wie der alte Mann mit eisernem Willen um ein paar Worte ringt. Eigentlich kann er kaum noch sprechen.

Er kämpft um zwei, drei Sätze, die ganz schwer zu verstehen sind. Sie kommen ganz langsam, Wort für Wort gelallt. „Ich hoffe, dass viele dieses Buch lesen.“ Und dann, fast trotzig: „Es enthält die Wahrheit.“ Und dann: „Die Zukunft Europas ist nur dann denkbar, wenn die Deutschen begreifen, was sie zu leisten haben.“ Und schließlich: „Ich bedanke mich sehr, dass Sie gekommen sind – vielen Dank.“ Verleger Übleis bedankt sich auch und erinnert daran, dass keine Fragen zugelassen sind. Und dass der Autor auch keine Bücher signieren werde.

In der Medien-Mauer herrscht Fassungslosigkeit. „Wie, das war’s?“ Ein anderer antwortet: „Das war’s wohl.“ Die Kameraleute der Privatsender malen sich aus, was wohl aus diesen Aufzeichnungen werden wird. „20 Sekunden in den Abendnachrichten.“ Oder vielleicht auch „ein Schnipsel in einer Buchmessen-Sendung“. Wer weiß das schon so genau?

Der alte Mann im Rollstuhl greift mit zitternden Händen nach einem Glas Wasser und trinkt mühsam Schluck für Schluck. Dann wird er in den Hintergrund geschoben.

Beim Abbau sagt einer der Kameraleute: „Also, ich war noch nie ein Freund von Helmut Kohl – aber das hat er nicht verdient.“ Der Verlag lässt in der Medienmeute Handzettel mit dem Termin für die Präsentation des neuen Buchs verteilen.

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